Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/111/
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nete, daß das so aufgebrauchte Quecksilber an Gewicht unge- 
fähr Viertausendsteln de« ErzeS oder dem Anderthalbfachen 
deS gewonnenen reinen Silbers gleichkommt. In Nevada da- 
gegen ist der Quecksilberverbrauch auf ein Minimum reduzirt 
(1 bis 1 y 2 D. auf die Tonne Erz, aus der man 75 bis 150 
Silberdollars gewinnt), und auch im Uebrigen ist das Aus- 
waschungsverfahren so vereinfacht, daß die in Mexiko, im fach- 
fischen Erzgebirge und anderwärts angewendeten Methoden weit 
dagegen zurückstehen. 
Neben dieser Zunahme der Silberproduktion und der Per- 
ringerung der Ausbeutungskosten durch die Vervollkommnung 
der technischen Mittel ist eine weitere Hauptursache der Silber- 
entwerthung in dem Uebergange einzelner Länder (Deutschland, 
die skandinavischen Staaten, Japan) zur einheitlichen Gold- 
Währung zu suchen. Durch diese Veränderungen in den Münz- 
systemen versiegt eine Quelle bisherigen Nachfrage nach Sil- 
ber und da zudem ein vermehrtes Angebot, hinzukommt, so muß 
das Silber im Werths sinken. 
Das französisch-schweizerische Münzsystem geht von der An- 
nähme aus, daß eine Gewichtseinheit feines Gold 15 % mal 
so viel werth sei. alS die gleiche Gewichtseinheit feines Silber; 
in Wahrheit aber steht das Verhältniß dermal auf dem Markte 
annähernd wie 1 zu 16^. ,Die gesetzliche Fiktion, daß die 
90 Gramm fein Silber, welche in vier Fünffrankenthalern 
enthalten find, gleichviel Werth seien, wie die 5,g GrammeS fein 
Gold, welche ein 20-Fr Stück in fich hält, trifft also nicht 
mehr zu; legt man daS WerthverhäUniß von 1 zu 16 % zu 
Grunde, so gibt ein Schuldner der 1000 Fr. in Gold erhalten 
hat und ste in Fünffrankenthalern zurückzahlt, dem Gläubiger 
drei Zwanzigfranken stücke weniger zurück, als er empfangen hat, 
oder schenkt, wenn er Silber erhielt und Gold zurückgibt, dem 
Gläubiger 60 Fr. 
Sollte dieses Mißverhältniß fortdauern/ so müßte man, 
wenn man die Doppelwährung beibehalten wollte, sich entschlie- 
ßen, entweder den Feingehalt der Goldmünzen herabzusetzen oder 
denjenigen der groben Silbermünzen zu erhöhen. 
Oder endlich, und diese Ansicht vertreten hauptsächlich die 
Vertheidiger der Doppelwährung, es wird durch ein Sinken 
deS Geldpreises von seiner dermaligen Höhe obiges Mißver 
hältniß gehoben. Die Vertreter dieser Ansicht find nämlich der 
Meinung: daß jenes Mißverhältniß nicht nur durch das Sin- 
ken des SilberpreiseS, sondern auch durch daS Steigen?deS 
Goldpreises seinen Grund hat und diese lchtere Ursache Weg- 
fallen .wird, sobald WutWand und die tbrigG StMey, Wl- 
che seinem Beispiel gefolgt sind, die Masse ihrer Goldptägun- 
gen beendigt haben und ihre Münzstätten nicht mehr mit einer 
außergewöhnlich starken Nachfrage nach Gold den Preis des 
Goldes hoch halten werden. 
Der Beweis wird erbracht durch den Nachweis: daß die 
in Deutschland verbreitete Meinung, die neuen XX- und X- 
Markstücke seien zum großen Theil wieder über den Rhein zu 
rückgewandert und in Frankreich zu 20-Fr. Stücken umgeprägt, 
eine irrige ist. Es haben im Jahre 1874 Belgien für 
60,927,000, Frankreich für 24,319,700, Italien für 5,419,000 
Fr. Goldmünzen ausgeprägt und nur die Brüsseler Münze hat 
hiezu deutsches Mark-Gold, in einem verhältnißmäßig geringen 
Betrag (4,345,000 Fr.) verwendet, die französische Münze da- 
gegen nicht ein einziges Stück. Wenn man in Deutschland 
den neuen Goldmünzen im täglichen Verkehr noch nicht häufig 
begegnet, so hat dies seinen Grund darin, daß die bisherigen 
Prägungen vorzugsweise zur Bestellung der Baarvorräthe in 
den öffentlichen und privaten Kassen gedient haben und das 
für den Umlauf erforderliche Golv nur allmählig durch die 
fortgesetzten Prägungen hinzukommt; die Besorgniß aber, daß 
das deutsche Gold massenhaft über die Grenze abströme und 
Deutschland, um seine Münzreform aufrecht zu erhalten, be- 
ständig ebenso massenhaft Gold kaufen müsse und damit dessen 
Preis in die Höhe treiben werde, ist nicht begründet. Mm 
darf also im Laufe der nächsten Jahre ein etwelcheS Zurück 
gehen deS Preises des Goldes erwarten, und damit eine Wie- 
derannäherung des Verkehrsverhältnisses zwischen Äold und 
Silber an daS gesetzlich festgestellte. 
Wenn sich diese nicht ganz unbegründete HoffnWg erfüllt, so 
dürfte allmählig auch der österreichische SilberMden wieder 
zu Ehren kommen und seine Bewerthung eine günstigere werden. 
Speciell die Münzreform in unserem Ländchen betreffend, 
dürfte für uns das schweizerische Münzsystem am geeignetsten 
sein und unS am ehesten vor Verlusten sowohl im Verkehre 
mit Oesterreich als auch mit dem übrigen Auslände bewahren. 
Vaduz, 5. Juli. Wir haben in den letzten Nummern un- 
sereS Blattes über verheerende Überschwemmungen im Süden 
Frankreichs, in Thüringen u. Böhmen berichtet. Leider ist da- 
mit die Reihe der HiobSposten noch nicht abgeschlossen. Die 
Hauptstadt Ungarns wurde nämlich am 27. Juni von einem 
furchtbaren Gewitter heimgesucht, über daS wir unsern Lesern 
folgenden Zeitungsbericht mittheilen: 
„Ein verheerendes Gewitter — wie wohl seit Jahrhunder- 
ten keines so furchtbar hier getobt — entlud fich heute über 
Pesch. Um 6 Uhr Nachmittags verdüsterten sich die Wolken, 
ein heftiger Wind durchwirbelte die Straßen, und der blei- 
schweren, drückenden Schwüle folgte alsbald ein peitschender 
Regen. Im Nu war die Physiognomie der Stadt vollkommen 
verändert. Nach 7 Uhr hatte daS Gewitter seinen Kulminati 
onspunkt erreicht; ein Wolkenbruch Mn geradezu beispielloser 
Gewalt ergoß seme Fluthen über die Hauptstadt, wallnußgroße 
Hagelkörner prasselten mit schrecklichem Getöse hernieder, und 
mittendrein jgrollte dumpf Iber Donner und durchzuckten Blitz- 
strahlen den verfinsterten Horizont. Nahezu eine halbe Stunde 
wüthete solcherweise das Unwetter, das wohl in der nächst Pest 
im Halme stehenden Frucht, sowie in den Ofener Weinbergen 
traurige Verheerungen angerichtet haben und Ar einzelne Per- 
svnen, die auf freiem Felde von dem Gewitter ereilt worden 
sind, von verhängnißvollen Folgen begleitet gewesen sein dürfte. 
In der Ofener Bergstraße sollen Häuser eingestürzt und Men- 
schenleben zu Grunde gegangen sein; in einigen Straßen fuhr 
man mit Kähnen. Erst gegen 8 Uhr hatte sich daS Gewitter 
verzogen, und nur noch die Spuren der Verwüstung — die 
Zahl der durch .den Hagel eingeschlagenen Fensterscheiben ist 
Legion — deuteten darauf hin, .wie arg eS volle anderthalb 
Stunden gewüthet. Schon eine kurze Stunde später erhob sich 
aber ein neues Gewitter, und neuer Blitz ü. Donner und ei» 
neuer Wolkenbruch versetzten durch ihre furchtbare Majestät die 
Bewohner der Hauptstadt in Schrecken. M kurzen Unterbre- 
chungen wüthete das Unwetter bis nahe an Mitternacht. ES 
werden über 200 Personen vermißt, 112 Lechen find bis jetzt 
aufgefunden. 100 Häuser mußten geräumt werden, viele dro- 
hen einzustürzen. 
Bezüglich der enormen Verheerungen im Süden Frankreichs 
erscheint 'die dortige Katastrophe um so schrecklicher, je genauer 
und eingehender die Mittheilungen werden. Am stärksten ist die 
Stadt Toulouse betroffen worden. 1^00 Soldaten sind mit der 
Beseitigung des Schuttes beschäftigt. Man. hat noch keine Vor» 
stellung davon, wie viele Leichen unter Hen Trümmern liegen 
mögen; aber ein fader unverkennbarer Geruch, der aus den 
Schutthaufen aufsteigt, verräth, daß noch manche Leichname 
der Beerdigung harren. Die Ingenieure find damit beschäftigt, 
die aufrechtstehenden, aber stark beschädigten Häuser, welche mit 
Einsturz drohen, zu sprengen. Jeden Augenblick hört man den 
Krach der Mauern, die von selbst weichen. Der Gemeinde- 
rath hat der Garnison von Toulouse einen Dank votirt; er 
wird eine Marmortafel aufstellen lassen mit den Namen der- 
jenigen Soldaten und Bürger, welche bei den Rettungsarbeiten 
als Opfer ihrer Hingebung geblieben find. Von allerlei rüh- 
renden und schrecklichen Episoden erzählen die Blätter; daß eS
        

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