Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/10/
— !0 - 
schen Kaiser ein Schreiben, in welchem sie eröffnet, daß der 
Kurfürst in Kassel neben seiner Mutter zu ruhen wünsche. 
Kaiser Wilhelm tvSge daher der gesammten Hofdienerschaft 
freies GW nach Wel bewilligen. 
In AtzKckrejch O wicher eine Miyisterkristö auf her Ta- 
geSordyA, die ihrer Beendigung noch entgegen sieht. Ein 
Pariser Korrespondent der A. A. Ztg vom 8. Januar bringt 
unter Anderem über die diesbezüglichen Vorgange folgende 
Mittheilungen: Der Marschall-Präsident hat den Baron Ys 
Larcy und Herrn Dufaure zu sich rufen lassen, um mit diesen 
hervorragenden Mitgliedern der Kammerparteien, welche das 
Ministerium C'ssey gekürzt haben, übea die Bildung eines 
neuen KabinetS zu berächen. 
Diese parlamentarische Spielerei ist übrigens rasch beendet 
worden Larcy und Dufaure, zwei ehrliche und besonnene 
Leute, uud die zu oft die Ehre gehabt haben Minister zu sein, 
als daß der Älanz eineS Portefeuille'S sie noch verblenden 
konnte, haben dem Marschall erklart, daß sie außer Stande 
seien ein Ministerium'zir bilden, welches von einer Mehrheit 
der Rationalversammlung unterstützt werden würde. Mac« 
Mahon hat sie darauf in Gnaden entlassen. Es steht ganz 
fest, daß der alte einfache Soldat absolut nichts von den Fi- 
riessen und Jntriguen versteht, deren Mittelpunkt er durch die 
Linzige zweideutige Handlung seines Lebens, durch die Annah 
me der Präsidentschaft, geworden ist. ES wird mit jedem 
Tage klarer, daß er der Aufgabe seiner hohen Stellung nicht 
gewachsen ist. Er erscheint vielmehr vollständig hülfloS iu 
den Händen seiner Rathgeber; und niemand fragt wie er sich 
Über die KrisiS geäußert habe, sondern jedermann erkundigt 
sich nur waS seine geheimen und offenen Rathe, die Herzöge 
Broglie und DecazeS und der junge Vicomte d'Harcourt, da- 
rüber denken. Nach den Aeußerungen dieser Persönlichkeiten, 
und wie dieselben in politischen Kreisen und Zeitungen kolponixt 
immer deutlicher werdende Abneigung der Kammer irgend et« 
waS zu konstitulren zu einem Staatsstreich in mildester Form 
nämlich zur Auflösung der Kammer treiben; oder er bildet 
ein sogenanntes „GeschaftSministerium," welches sich nur mit 
der Administration deS SeptennatS beschäftigt uud die politischen 
Fragen unberücksichtigt läßt; oder endlich er versucht sein Gtück 
noch einmal mit einem Kabinet, welches die berühmte Mehr 
heit vom 24. Mai — eine Mehrheit von 14 Stimmen, wel- 
che seitdem noch durch republikanische Ersatzwahlen vermindert 
worden ist — reprasentirt. Diese letztere Hypothese hat die 
größten Wahrscheinlichkeiten für sich. Geht dieselbe in Er. 
füllung, so würde man in dem neuen Kabinet die Namen 
Broglie, Cissey, Fourtou und Depeyre vereinigt sehen — ob 
DecazeS mit oder unter Broglie dienen würde, ist noch zwei- 
felhaft. Wenn man übrigens bedenkt, daß bereits ein Mini- 
sterium Broglie gefallen ist weil eS von der Kammer die DiS- 
kusnon der VerfassungSgesetze verlangte, so muß man sich klar 
machen, daß der Marschall mit seinen zukünftigen Ministem 
schwerlich mehr erreichen wird als er mit deren Vorgängern 
durchgesetzt hat Die Nationalversammlung in Versailles ist 
ausschließlich auS Minderheiten zusammengesetzt: republikani- 
fche, orleanistlsche, legitimistische, bonapartistische Minderheit. 
Zwei oder drei dieser Minderheiten haben sich von Zeit zu 
Zeit vereinigt um ein Ministerium zu stürzen; eine konstitui- 
rende Mehrheit hat sich niemals gesunden und kann sich vor- 
läufig nichts finden. Die hellsten politischen Köpfe Frankreichs, 
die besten Staatsmänner deS Landes können an dieser Lage der 
Dmge nichts ändern; und das nächste Ministerium, welchen 
Namen dasselbe auch führen möge, kann etwa nur so lange 
eSt|Wftt als es bescheiden genug ist kein Lebenszeichen von sich 
^in^chü^ wird sich deshalb damit begnügen 
muffen Chef eines konstitutionslosen Staats zu bleiben, eS sei 
denn daß ihm die Geduld doch schließlich reife und er dqi 
ganzen Wirren durch einen Staatsstreich ein Ende mache, oWr 
und dies ist vielleicht das höchste und beste was er erreichen 
kann — eS gelingt ihm auf legalem Weg ein konservatives 
Wahlgesetz durch die Kammer zu bringen und sodann von den 
vereinigten Mitgliedern deS rechten ZZentrumS und der Linken 
die Auflösung der Kammer dekretiren zu lassen. 
Spanien. Nach den jneuesten telegraphischen Berichten 
ist der neue König von Spanien am 9. Januar in Barcelona 
an'S Land gegangen und von den Behörden und einer großen 
Volksmenge enthusiastisch begrüßt worden. Er begab sich zu- 
nächst zur Kathedrale und hielt sodann Truppenschau. 
Rußland. In der Zeit von Mai bis Oktober letzten 
Jahres Ans nicht weniger alS 16,88$ Personen nach Sibirien 
verbannt worden. Darunter befinden sich 1220 Verbrecher 
der schlimmsten Sorte ^ die zu Zwangsarbeit verurtheilt find; 
ferner 1624 aus ihren Gemeinden ausgewiesene Trunkenbolde 
und Bagqbunden. Weitere 1030 Verbannte sindj Weiber 
und Mädchen über 15 Jahre alt; 1269 Kinder folgen frei- 
willig ihren Eltern in's Exil. 
Schweiz. In den letzten Tagen deS verflossenen JahreS 
ist in Einsieveln der Abt deS Klosters Dr. Heinrich Schmid 
gestorben. 
Seit seinem Hinscheiden bis zur Stunde seiner Beisetzung 
war die Leiche deS Prälaten im vollsten Schmucke deS Kir- 
chenfürsten, mit Insul unv Stab auf einem Thronsessel, in ' 
sitzender Stellung im sogenannten Beichthause ausgestellt. Ewe 
eigentümliche, aber bedeutungsvolle Uebung ist eS, daß der 
verstorbene Abt, bevor er in die Grust gesenkt wird, noch ein- 
mal durch all' die Räume, die Hallen und Corridore, durch 
Kirche und Chor getragen wird, in denen er zur Zeit seineS 
LebenS geherrscht hat. 
Die Wahl eineö neuen AbteS wird den 13. d. MtS. 
stattfinden. 
* In d-rKrupp'schen Fabrik zu Essen haben so viele 
Kündigungen und Entlassungen stattgefunden, daß vaS genannte 
Etablissement von Neujahr ab etwa nur noch 8000 Mann 
statt 16,000 beschäftigen wird. Zu dieser Noiij bemerkt die 
„VolkSztg,« ergänzend, daß auch in «erlin von Neujahr ab 
sehr beträchtliche Arbeiter-Entlassungen stattfinden werden dqß 
Borjig u. SI sämmtliche Feilenhauer (m. 500 an der Zahl) 
und außerdem noch vielleicht 1500 Arbeiter entlassen wird 
Die Gelammt,ahi der in den Berliner Maschinenfabriken ein'- 
tretenden Entlassungen soll sich auf etwa 3000 belausen. 
0 >- Dampsboot „Zürich" auf dem Lodensee entging am 
1 ' n faum . 6er ® e,af,r "ner Explosion, indem AbendS 
10 Uhr mitten auf dem See der Dampf in der Maschine den Deckel 
am sog Schlammloch hinauSschlug und daS Schiff zum 
Stehen brachte. Der Dampfer „Wilhelm" bemerkte die Noth- 
jignale des „Zürich", nahm die Passagiere desselben auf und 
schleppte das Dampsboot mit der unbrauchbar gewordenen 
Maschine nach Friedrichshafen. 
* Rache eines Bogels. Bon der Liebe der Thiers zu 
ihren Jungen und ihrer durch sie oft wunderbar gesteigerten 
Intelligenz und Leidenschaften werden von Naturhistorikern u. 
Thierpsychologen zahlreiche Beispiele erzählt. Aber wenige 
Salle mögen so charakteristisch und zugleich so tragisch in ihren 
Folgen sein wie folgender, der auS einem Dorfe bei Trxvour 
an der Suöne vom „Journal de Trevoux» erzählt wird. Ein 
Eulenpaar hatte sein Nest in einer alten gestutzten Eiche, nahe 
bei einem Bauerngut, gebaut; daS Weibchen brütete friedlich 
leine Eier aus, aus denen bald zwei Junge auskrochen. Ein 
lunger Bauernknecht des benachbarten GuteS gewahrte das 
Jleft und konnte der Abneigung und dem Widerwillen, den
        

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