Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1874
Erscheinungsjahr:
1874
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1874/87/
heute schon sagen? Zum Glück hat der Regen nachgelassen, 
und die Waffer sind allenthalben im Fallen. Kommen nicht 
neue Wolkenbrüche, dann dürfte sich daS Land wohl noch er- 
holen können. 
Frankreich. Ueber die Ereignisse, welche zwar keines- 
wegS unerwartet, aber doch schneller als man glaubte das 
Ministerium Broglie aus dem Sattel gehoben haben vernimmt 
man, daß schon vor dem Wiederzusammentreten der National- 
Versammlung die verschiedenen Parteien derselben sich über die 
Haltung der Regierung gegenüber schlüssig gemacht hatten. 
Bon der Linken und dem linken Centrum war eS bekannt, 
daß sie eS daraus absehen würden, in erster Linie aus den 
Sturz der Regierung und sodann auf Auflösung der National- 
Versammlung hinzuarbeiten. DaS rechte Centrum dagegen hatte 
einmüthig beschlossen, die Regierung zu unterstützen. Wie sich 
die äußerste Rechte, d. h. die Legitimsten und die Bonaparti- 
sten, welche beide nichts von einer Constitution wissen wollten, 
verhalten würden, war noch zweifelhaft. Wohl aber war man 
auch in Paris darüber längst im Klaren, daß das Resultat 
der ersten Abstimmung über eine mit den konstitutionellen Vor 
tagen zusammenhängende Frage über daS Schicksal deS Cabi- 
netS entscheiden werde Die Regierung fühlte daS wohl selbst 
und zögerte daher, den Entscheid herbeizuführen; die ersten 
zwei Sitzungen wurden daher mit allerlei Formalitäten auöge- 
füllt. Am 15 Mai endlich legte Broglie den vielbesprochenen 
Entwurf über die Exekutivgewalt und die beiden Kammern 
vor, der auf den Bänken der Linken und der äußersten Rech- 
ten kalt und feindselig aufgenommen wurde ES ist in der 
That ein eigenthümlicheS Machwerk, indem diese erste Kammer 
(grand conseil genannt) nur zu einem Dritttheil auS den allge- 
meinen Wahlen hervorgehen sollte, zu einem Drittheil dagegen auS 
Mitgliedern zusammengesetzt wäre, die von Rechtswegen durch 
ihren Titel und Rang der Kammer angehören, und zum letzten 
Drittel aus Mitgliedern bestände, die vom Präsidenten der- 
Republik direkt ernannt würden Dieser „grand conseil" 
sollte zugleich Gerichtshof sein, um entweder den Präsidenten 
der Republik oder die Minister zu beurtheilen. 
Nach Verlesung dieses sonderbaren Aktenstückes fand eine 
lebhafte Bewegung unter der Nationalversammlung statt; wenn 
sich eine Diskussion an dasselbe hätte knüpfen können, und 
wenn darüber wäre abgestimmt worden, so würde der Entscheid 
ohne Zweifel, schon damals gegen die Regierung ausgefallen 
fein. So aber gieng der Entwurf nach Vorschrift der Ge 
schäftsordnung ohne Debatte an die Dreißiger-Commission. 
Ein neuer Anlaß, die KrisiS herbeizuführen, bot sich nun 
aber TagS darauf, am 16. d., als die Regierung darauf 
beharrte, daß das Wahlgesetz auf die Tagesordnung vom Mitt- 
woch gesetzt werde, und den Vorrang vor den andern Entwür- 
fen dafür in Anspruch nahm. In der NachmittagSsitzung vom 
Freitag bestieg Minister Batbie die Tribüne und verlangte, 
daß das Wahlgesetz auf die Tagesordnung vom Mittwoch ge- 
setzt werde. Ein Abgeordneter stellte dagegen den von verschie- 
denen Seiten unterstützten Antrag, gleichzeitig daS Gemeindege- 
setz zu behandeln. Darauf ergriff Minister Broglie das Wort 
und setzte in längerer Rede auseinander, welche Gründe die, 
Regierung habe, für daS politische Wahlgesetz Dringlichkeit zu 
verlangen; eS fei dieß die Basis aller andern Institutionen, 
und eS müsse zuerst dieser Entwurf vor allen anderen und vor 
dem Gemeindegesetz berathen werden! er könne nicht zugeben, 
daß die Berathung desselben durch irgend welche andere Ge- 
schäste oder Vorwände verzögert werde. Darüber entspann sich 
nun eine längere Debatte, And bei der schließlichen Abstim- 
mung wurde die Priorität mit 331 gegen 317 abgelehnt. 
Auf diesen Mißerfolg zogen sich Broglie und seine Colle- 
gen aus dem SitzungSsal zurück, zum Zeichen, daß sie daS Re- 
sultat der Abstimmung als eine Niederlage ansahen. Gleich 
darauf erfolgte die Demission deS gefammten Ministeriums. 
Ueber den Empfang deS deutschen Botschafters meldet ein 
Versailler Telegramm vom 23. Mai: Mac Mahon hat heute 
im Elysee den deutschen Botschafter, Fürsten zu Hohenlohe, 
empfangen, um dessen Beglaubigungsschreiben in feierlicher 
Audienz entgegenzunehmen. Fürst Hohenlohe sagte: „Der 
Deutsche Kaiser hat geruht mich zum Botschafter bei der fran- 
zöstschen Republik zu ernennen. Indem der Kaiser mich mit 
einem so hohen Amte betraute, hat er mir anempfohlen, meine 
eifrigste Sorge fein zu lassen die guten Beziehungen zwischen 
beiden Ländern weiter zu unterhalten und zu pflegen. WaS 
mich anbetrifft, bitte ich Sie an die Loyalität meiner Gesin- 
nung und an die Anstrengungen zu glauben, welche ich ma- 
chen werde um das gute Einvernehmen welches zwischen beiden 
Regierungen besteht aufrecht zu erhalten." Mac-Mahon erwie- 
derte gleichfalls mit dem Ausdruck freundschaftlicher Versiche- 
rungen, indem er sich zur Wahl eines so bedeutenden ManneS, 
wie Hohenlohe, beglückwünschte. 
Spanien. Auf dem spanischen Kriegsschauplatz ist wie- 
der ein bedeutender Schachzug gemacht worden, Marschall 
Concha hat ein großes Umgehungsmanöver unternommen, seine 
Truppen sind bereits in Miranda eingetroffen. Damit sind die 
Gebirge, welche die Provinzen BiScaya und Guipuzcoa von 
den Provinzen Alava und Navarra trennen und deren Ford- 
rung viele Zeit und viel Blut gekostet haben würde, glücklich 
umgangen, und die Carlisten sind ohne Schwertstreich auS den 
DestleS delogirt, auf die sie sich wohl so viel zu gute thaten 
wie auf San Pedro de Albanto. Denn das gleiche Telegramm, 
welches den Einzug Concha'S in Miranda berichtet, meldet auch 
den vollen Rückzug der Carlisten nach Navarra. Ihr GroS 
marschirt oder marfchirte bereits nach dem Norden der Provinz 
Alava in der Richtung nach Estella und Pampeluna. 
Nach jEstella soll daS Hauptquartier des Don CarloS 
verlegt sein. Da eS den carlistischen Generälen an je- 
der Schneide zur Offensive zu gebrechen scheint, so konn- 
ten sie allerdings nichts GescheidtereS thun, als rasch diesen 
Rückzug anzutreten, da für sie die Gefahr nahe lag, in den 
Winkel von SarrSebastian hineingedrückt zu werden, in Na- 
varra hingegen sie die Ellbogen freier haben. ES fragt sich 
nun, welche der beiden Armeen im Wettmarsch die flinkere ist. 
Möglich, daß sie in der Gegend von Vittorio auf einander 
stoßen. 
So glücklich die Regierung hier wieder auf dem Schlacht- 
felde ist, so trübe gestalten sich fortwährend die Dinge in 
Madrid. ES bestätigt sich, so meldet die „Köln. Ztg.", daß 
daS neue Ministerium nicht sowohl von dem nominellen Mi- 
sterpräsidenten Zabala, als von dem in allen Jntnguen geüb- 
ten Sagasta gemacht worden ist. Dieser wußte die KabinetS- 
bildung so zu leiten, daß Zabala ihm zu allererst daS Mini- 
sterium deS Innern anbot, und da er eS annahm, war der 
weitere Verlauf so gut wie entschieden. Wie sehr sich auch 
Serrano und insbesondere Topete um die Aufrechthaltung der 
Coalition bemühten — Topete wollte sogar noch einen Ver- 
treter der Partei Castelar in das Kabinet ziehen —, nach 
Sagasta'S Ernennung fruchteten die Anstrengungen nicht mehr. 
Sagasta gehört zu den mißliebigsten Politikern deS Landes, 
wie er denn durch seine Ränkesucht schon Unheil genug ge- 
stiftet hat. Der Gedanke an ein Ministerium der Versöhnung 
mußte also aufgegeben werden und daS homogene konservative 
Ministerium war eine nothwendige Folge. Die Opposition 
nach links, also Radikale und Republikaner aller Farben, 
zürnen mit Serrano, daß er sich dem Einflüsse Sagasta'S nicht 
zu entziehen vermocht hat, und Serrano selbst scheint über 
seine Schwäche ärgerlich zu sein. Nur die Alphonsisten er- 
bauen sich an dem Zwiespalt, der unter ihren Gegnern aus- 
gebrochen ist. Die republikanisch-demokratische Partei hat un- 
ter dem Vorsitze deS bisherigen JustizministerS MartoS den 
vernünftigen Beschluß gefaßt, nicht nur die Regierung in dem
        

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