Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1874
Erscheinungsjahr:
1874
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1874/71/
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„Ihr seid, von gerechter Freude erfüllt über daS große Er- 
eigniß deS gestrigen TageS, festlich hiehergezogen, um dem eid 
genössischen Banner, das hier von der Bundesstätte flattert, 
einen patriotischen Gruß darzubringen. So tief und froh be- 
wegt haben wir diesem eidgenösischen Banner, haben wir un- 
serm Vaterlande lange nicht mehr zugejauchzt wie heute, wie gestern 
um Mitternacht, als uns die volle Sicherheit geworden, daß daS 
große Werk gelungen, daß der neue Bund von Volk und Ständen 
in großer Mehrheit bejaht und besiegelt sei. ES ist gelungen! 
Diese frohe Kunde hat heute jeder Berg dem andern, jedes 
Thal dem andern verkündet; ste ist ausgegangen in alle Län- 
der wo Schweizer wohnen, und ängstlich harrten was geschehen 
werde; ein Jubel erfüllt daS Land, und tausend heiße Grüße 
und Glückwünsche fliegen von Schweizerherzen auS allen Welt- 
gegenden der doppelt lieben Heimat zu! Im neuen Glänze 
strahlt die schweizerische Republik! Edler steht sie da, mensch- 
licher, gereinigt von vielem was sie verunstaltete, freier und 
gerechter, selbstbewußter und stärker! Und waS sie geworden, 
ist ste am 19. April geworden, daS ist sie geworden auS sich 
selbst und durch sich selbst in langem, gewaltigem innern Rin- 
gen, volle Freiheit gewährend jedem Gegensatz, jedem auch dem 
erbittertsten und maßlosesten Worte, mit Geduld, Standhaftig- 
keit, Selbstüberwindung, Maßhalten und alteidgenössische treue 
Verständigung suchend. Und wie es Männern geziemt die in 
der Freiheit aufgewachsen sind, so hat daS Volk der Republik 
am gestrigen Entscheidungstag in würdigster Haltung, in un- 
getrübtem Frieden, die Ordnung sich selbst gebend, seine höchste 
republikanische That gethan und daS neue Grundgesetz deS 
Landes aufgerichtet Gin Strom von Freude in unserm Ge- 
müth, ein Strom von Vaterlandsliebe geht aus von dem waS 
wir Eidgenossen in den letzten 4 Jahren miteinander durchge- 
rungen und durchgelebt haben, ein Strom der unser ganzes 
schweizerisches Leben neu befruchten und einen neuen, Herr- 
lichen Frühling uns bringen wird. Unsere Freude ist unge- 
trübt trotz der 150.000 „ Neinwelche gestern in die Urne 
gefallen sind. Wir wissen, daß sich unter diesen Schweizern 
viele, viele Tausende befinden, welche nicht ungern gehört haben, 
daß sie nicht obgesiegt. Wir wissen, daß abermals am ge- 
strigen Tage viele Tausende noch befangen waren von Irr« 
thümern und Vorurtheilen, welche eS nach Verlauf mancher 
Jahre schon nicht mehr sein werden. Wir sind der festen Zu- 
verficht, daß der eidgenössische Geist, welcher unsere Dreimal- 
hunderttausend zusammengebunden hat, durch sein Walten 
auch eine große Anzahl der jetzt noch Widerstrebenden finden 
und mit uns zusammenbinden wird. Denen aber gegenüber, 
welche im Vaterland und in seinem Volk ihre Wurzeln nicht 
suchen und nicht finden wollen, wird die neugeborne Helvetia 
ihre Macht brechen. Ihnen gegenüber wird sie fest und ent- 
schieden zur Geltung bringen waS das Schweizervolk am heu- 
tigen Tag als seine Meinung erklärt und besiegelt hat." 
Frankreich. Der „Opinion nat." wird aus Nizza tele« 
graphirt: „Letzten Sonntag hielt Herr Piccon, Abgeordneter 
der Seealpen, auf dem Bankett der französischen und italieni- 
schen Syndikate für die Eisenbahn von Nizza nach Coni in 
italienischer Sprache eine Rede, in welcher er sich wie folgt 
ausdrückte: „Bei dem Anblick dieser meiner theueren italienischen 
LandSleute erbebt mein Herz vor Freude, und ich fühle in 
mir alle meine italienischen Empfindungen und Wünsche wie- 
dererwachen. Ich habe daS feste Vertrauen, daß in einem nicht 
fernen Zeitpunkt unser schönes Nizza, diese heldenmüthige Jphi- 
genia, das Opfer der italienischen Unabhängigkeit, zu seinem 
wahren Vaterlande zurückkehren wird. Ich für meinen Theil 
wäre bereit, dafür alle meine Interessen und selbst meine Fa 
milie aufzuopfern, obgleich Sie wissen, wie innig ich dieselbe 
liebe. Wenn ich an einem schönen Tage nicht mehr auf der 
Welt sein sollte, um die Rückkehr Nizza'S zum Mutterlande zu 
begrüßen, so würden, dessen bin ich gewiß, meine Gebeine elek- 
trisirt wiedererstehen, damit ich an dem gemeinsamen Feste theil- 
nehmen könne." Diese offenbar vorbedachte Rede hat in Paris 
ein wahrhaft sprachloses Erstaunen hervorgerufen. Die Auf- 
regung theilte sich auch dem Generalrathe mit, und in dem 
Sitzungssaals war nur von dieser unbegreiflichen Ausschreitung 
deS Hrn. Piccon die Rede. Die „Presse" und die „Patrie? 
sind voller Entrüstung über diesen Vorfall; daS „UniverS" 
wiederum voll Schadenfreude; das Organ des Hrn. LouiS 
Veuillot erinnert daran, daß dieser selbe Hr. Piccon im März 
187t der erste gewesen war, vVn der Tribüne der National- 
Versammlung herab gegen die seinem Departement zugefchriebe- 
nen separatistischen Tendenzen Verwahrung einzulegen. D«$ 
„Bien public" nennt die Meldung der „Opinion nationale" 
eine „betrübende und jammervolle Neuigkeit." 
Volkswirthschastliches. 
Der Weinstock und der Wein, (in.) 
Auf der entgegengesetzten Seite von Blatt und Auge aber 
in gleicher Höhe sitzt am Knoten 3) eine Ranke oder eine 
Traube und zwar ohne Gelenk, während, wie in der AbHand- 
Handlung der letzten Nummer bemerkt wurde, die andern am 
Knoten sitzenden Theile: Blatt und Auge mit Gelenken anhaf- 
ten. Deßhalb kann Ranke oder Traube nie vom Blatt oder 
Auge stumpf abgebrochen werden, sondern fasern beim Abbre- 
chen aus. Im Herbste vertrocknen Ranke oder Traubenstiel, 
fallen nicht ab und werden erst im folgenden Jahre als spröde 
Theile durch Bewegung und Wind abgestoßen. In Kürze 
wiederholend findet man, daß sich die Weinstockbestandtheile an 
einem Knoten durch folgende Kennzeichen unterscheiden lassen: 
1. DaS Blatt sitzt mit einem Gelenke an, welches nicht 
durchwächst, sondern an dem eS von selbst abfällt. 
2. DaS Auge sitzt mit einem Gelenk an, welches ver- 
wächst, aber nicht abfällt. 
3. Die Ranke oder Traube sitzt ohne Gelenk an, die 
Ansatzstelle vertrocknet und fällt nicht von selbst ab. 
Einen weitern Theil des WeinstockeS bildet derZwe i g. Die- 
ser entsteht auS der Wiederholung der Knoten. Die Ent- 
fernungen zweier Knoten sind unter dem Zweige kleiner, nach 
oben größer; im Allgemeinen von 3 bis 5 Zoll, jedoch auch 
darunter und darüber. Auf der Seite, wo an dem einen Kno- 
ten das Blatt sitzt, findet sich beim vorangehenden und fol- 
genden die Ranke oder Traube. Die Zahl der Knoten ist sehr 
groß an einem Zweige, in der Regel 25 biö 30, an stark trei 
benden Sorten hat man schon 80 gezählt. An einem im. 
Frühjahr ausgetriebenen Zweige sitzt aber nur eine beschränkte 
Anzahl von Blüthen oder was gleichbedeutend ist, von Trau- 
ben und zwar sitzen diese ziemlich tief an der grünen Ruthe, 
fast ohne alle Regel. Die Ruthe beginnt mit 3 bis 4 leeren 
oder nur mit kleinen Ranken versehenen Knoten, zeigt dann 
zwei Trauben, dann einen ränkenleeren Knoten, dann die dritte 
Traube, dann wieder Ranken, welche je weiter nach der Spitze 
des Zweiges, um so größer werden. Die Anzahl der Früchte 
an einer grünen Ruthe hängt von den Arten der Rebe ab. 
Die Regel ist: zwei Trauben auS einem Auge, dann 
auch drei bis fünf. Ueber fünf Trauben werden selten be- 
obachtet. Nach einem warmen Vorjahre zeigen stch oft drei 
Trauben an jedem Auge, wenn auch die Regel nur zwei war. 
Betrachtet man nun, daß drei Trauben der mittlere Ertrag von 
einem Auge sind, daß die ausgetriebene Ruthe aber 30 bis 70 " 
Knoten bilden kann, so sieht man, eine wie große Menge Holz 
und Laub der Weinstock bilden kann, die zur Gewinnung von 
Trauben keinen Nutzen hat. So wie die Trauben vorzugsweise 
an den tiefsten Knoten sitzen, ebenso kommen die längsten Ran- 
ken an den obersten Knoten vor, wo daS Bedürfniß deS Sto 
ckes nach Befestigung das größte ist. Berührt eine Ranke nur 
leicht einen festen Körper, so krümmt sie stch von selbst nach
        

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