Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1874
Erscheinungsjahr:
1874
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1874/62/
Man behalf sich daher mit dem sogenannten Pauschquantum; 
d. h. durch das Gesetz vom 9. Dezember 1871 wurde bestimmt, 
daß für die nächsten drei Jahre die Friedensstarke deS deutschen 
HeereS, wie bisher des norddeutschen, auf 1% der Bevölke 
rung von 1367 normirt und die Äversionalsumme von 225 Thlr. 
MUltiplizirt mit 401,659, als der hienach jtch ergebenden Ge 
sa mmtziffer der Friedensstärke, zur Bestreitung der HeereSkosten 
dienen solle, während dagegen auf die budgetmäßige Feststellung 
der einzelnen Ausgaben für den genannten Zeilraum Verzichtet 
wurde. Nur unter dieser Bedingung nämlich, bei völlig freier 
Hand für die Verwendung, erklärte die Heeresverwaltung mit 
der fraglichen Paxschsumme von etwas über 90 Mlll. Thalern 
auskommen zu können., Diesem. Provisorium soll also jetzt ein 
(sride gemacht werden. UebrigenS war schon dem vorigen 
AeichStäg jn seiner letzten Session ein MlltärgesetzentwUlf vor- 
gelegt worden^ jedoch zu spät, um bei der allgemeinen Ermü 
dung noch zur Verhandlung zu gelangen Der jetzige Entwurf 
weicht von diesem ältern in verschiedenen Punkten ab, bringt 
jedoch eigentlich nichts Neues, sondern faßt eben nur die bis- 
her in Preußen und nachher auch im übrigen Deutschland geltenden 
Bestimmungen zusammen. Nur der 8 1 hat bei einem großen 
Theil Der liberalen Parteien einen lebhaften Widerspruch her- 
vorgerufen. Dieser Paragraph lautet: „Die Friedenspräsenz- 
stärke des Heeres an Unteroffizieren und Mannschaften beträgt 
bis zum Erlaß einer anderweitigen gesetzlichen Bestimmung 
491,659 Mann Die einjährigen Freiwilligen kommen auf ver 
Friedenspräsenzstärke nicht in Anrechnung." 
Die Einwände, welche gegen diesen Artikel erhoben werden, 
richten sich theilS gegen die hohe Z ffer der Friedenspräfenzstärke 
selbst, alS auch gegen die gesetzliche Bestimmung der Heereejtarke 
auf unbestimmt lange Zeit hinaus, so daß eS zur Veränderung 
derselben eineS neuen Gesetzes bedarf; anstatt dessen wünschen Vide # 
wo nicht eine jährliche, so doch eine Feststellung aus 3 over 5 Iah t 
durch den Reichstag. Die Gründe dieser Opposition lind selbst, 
redend politischer Art.- man will auf ein so bedeutsames Mächt- 
und PressionSmittel der Regierung gegenüber, wie eS die pe 
riodische Bewilligung der HeereSziffer ist, nicht ohne Weiteres ver- 
zichten. Man steht in der Fixirung deS PrasenzstandeS sogar eine 
tatsächliche Aufhebung deS BudgetSrechtS des Reichtags, ver na- 
turlich dann alljährlich daS für diese feststehende Heereszahl Nöthige 
ohne große Umstände bewilligen muß. Um diesen Punkt also dreht 
sich der gewärtige Kampf, der eme Zeit lang den Charakter 
eineS ernstlichen Konflikts zwischen der Majorität deS Reichs- 
tageS und der deutschen ReichSregierung anzun« hmen drohte. 
Doch scheint in der jüngsten Zeit, theilS durch die energischen 
Willensäußerungen des Kaisers und seines Kanzlei, deS Fürsten 
Bismarck, theilS durch vielseitige Kundgebungen aus der Mitte 
deS deutschen Volkes, ein Ausgleich in der brennenden TageS- 
frage in sicherer Aussicht zu stehen. Die erwähnten Kundge 
bungen, welche fast auS allen namhaften Städten Deutschlands 
an die oppositionellen ReichStagSmitglieder von Seite der Wähler 
derselben einlaufen, lassen sich in folgender Resolution zusam- 
menfassen: 
Angesichts der politischen Lage Europas gcht e» für das 
von drei Großstaaten umgebene deutsche Reich schlechterdings 
nicht an, die Wehrfrage DeS Landes zum Gegenstand von 
langen und regelmäßig wiederkehrenden Kämpfen zwischen Krone 
und Parlament zu machen, vielmehr müssen wir bis auf 
Weiteres dem Interesse der nationalen Sicherheit vor demjeni- 
gen der politischen Frelheit den Vorrang einräumen. Diese 
Nothwendigkeit ist keine angenehme, aber sie besteht; die öffent 
liche Meinung Deutschlands, setzt Einer und der Andere hinzu, 
hat A gesagt, nämlich auf der Zurücknahme Elsaß-Lothringens 
bestanden, sie muß nun auch B sagen, d. h. sich alleS dasje 
nige gefallen lassen, waS für die Erhaltung des Errungenen, 
mit andern Worten, für die siegreiche Durchführung deS nach- 
sten Krieges mit Frankreich, der leicht möglicherweise ein Koa 
litionskrieg wird, unbedingt erforderlich ist. U^ber das BW 
dieses Erfordernisses sind wir geneigt, einem Möltke und W 
übrigen sachverständigen jedenfalls ein kompetenteres Urtheil 
zuzutrauen als einem LaSker, so hoch wir das Urtheil desselben 
in andern Fragen auch immerhin schätzen. Die Bewilligung 
der jetzt von der Regierung geforderten Präsenzziffer auf unbe- 
stimmte Zeit schließt nicht auS, daß späterhin, wann die Situa- 
tion eine beruhigtere Gestalt gewonnen hat, eine neue Verein- 
barung getroffen wird; jetzt aber können und wollen wir nicht 
riSkiren, daß vielleicht eine Mehrheit deS nächsten Reichstages 
das absolut Notwendige gerade in dem denkbar unpassendsten 
Augenblick in Frage stellt oder verweigert u. s. w. u. s. w. 
Die heimtückische Epidemie, welche München schön lange 
heimsucht, hat.oott einen Mann hingerafft, aus den nicht nur 
die deutsche Nation, sondern unsere Zeit stolz ist und der sich 
eine hervorragende Ehrenstelle in der Kunstgeschichte aller Zeiten 
errungen hat. Sein Tod setzt daher nicht nur eine große Na- 
tion m Trauer, sondern die gebildete Welt. Wir meinen den 
Maler Wilhelm von Kaulbach. Geboren im Jahre 1805 zu 
Arolsen im Fürstenthum Waloeck verbrachte er seine Jugend 
unter ungünstigen äußeren Verhältnissen, bis es ihm mit dem 
t7. Lebensjahre möglich gemacht wurde, die Akademie in Du?'- 
seldorf zu besuchen, wo er unter Kornelius' Leitung seine 
Studien begann. Er eignete sich in hohem Grade die Grund- 
sätze und Darstellungsweise semeS Meisters an, betrat aber 
mit einer glühenden Phantasie begabt, bald seine eigenen» Wege 
und wurde einer der bedeutendsten und fruchtbarsten Darsteller 
der historischen Malerei. 
Oesterreich. Das Herrenhaus in Wien beschäftigt sich 
gegenwärtig mit den vom Abgeordnetenhause bereits erledigten 
kirchlichen Vorlagen. In der Sitzung vom 11. April wurde 
die Generaldebatte des ersten Confessionsgesetzes unter Anwe- 
senheit der Kirchen surften bei dichtgedrängten Gallerien fortge 
setzt. Gegen die Vorlage sprachen der Fürstbischof Stepisch- 
negg, Fürst Czartoryski, und, nachdem der Schluß der Gene- 
raldebatte angenommen war, als Generalredner Graf Leo 
Thun. Für die Vorlage traten ein; die HH. v. Hye, Har- 
ting, Graf Anton Auseröperg, und als Generalredner Frhr. 
v Lichtenfels. Der Schluß der Sitzung erfolgte, nachdem der 
letztgenannte Redner ohnmächtig zusammenbrach und aus dem 
Sitzungssaal getragen werden mußte 
Schweiz. Am 19 April wird die Volksabstimmung über 
die revidirte Bundesverfassung erfolgen. Vor zwei Jahren 
wurde dieselbe bekanntlich mit einer geringen Mehrheit ver- 
worfen. Da die Mehrheit der Stände d. h. der Kantone 
diesmal dem RevlsionSwerke gesichert zu sein scheint, so dürsten 
bei dieser Abstimmung die Chancen für die neue Verfassung 
günstiger werden. Die wesentlichen Neuerungen in der neuen 
Verfassung sind folgende: 
„Verbot der Annahme von fremden Orden, Aufhebung der 
Begriffe der Kontingente der Kantone zum Bundesheere, Über 
tragung der gesummten Organisation deS BundeeheereS an den 
Bund, Oberaufsicht deS Bundes über die Wasserbau- und 
Forstpolizei im Hochgebirge (von großer Wichtigkeit überall 
dort, wo die Kanwnliwirthschaft Waldverwüstung zur Folge 
hätte und daraus resultirende Überschwemmungen, wie im 
Rheingebiete in Graubünden), Übertragung der Gesetzgebung 
über Bau und Betrieb der Eisenbahnen an den Bund,. Er 
richtung auch anderer höherer Unterrichtsanstalten als Hoch- 
schule und Polytechnikum durch den Bund, Gewährleistung der 
Freiheit von Handel und Gewerbe im ganzen Bundesgebiete, 
Erweiterung zur Ausübung wissenschaftlicher Berufsarten in 
der gesammten Eidgenossenschaft, Verbot der Errichtung von 
Spielbanken, Aufhebung der bestehenden Spielhäuser, Recht 
der Länder zu. Maßregeln der Lotterien. Regelung der Fa- 
drikSverhältntsse zum Schutze der Gesundheit der Arbeiter und 
bezüglich der Verwendung von Kindern zur Fabriksarbeit durch 
O
        

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