Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1874
Erscheinungsjahr:
1874
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1874/59/
sind, bedürfen heute mehr als je der Eintracht, deS Beistandes 
aller ihrer Vertheidiger Ohne Zweifel haben die partiellen Wahlen 
seit dem 2. Juli 1871 die Kräfte der republikanischen Mei 
nung in der Nationalversammlung stetig gemehrt. Ohne Zweifel 
ist sich Frankreich seiner Bedürfnisse nie klarer bewußt gewesen, 
noch hat eS seinem Willen einen deutlicheren Ausdruck verliehen. 
Ohne Zweifel sind auch ungerechte Vorurtheile gegen die Republik 
nunmehr gefallen, und die ehemals in gehässiger Weise unterhal- 
tene Gegnerschaft zwischen den Städten und dem flachen Lande ist 
der Eintracht und dem Gefühle der Solidarität gewichen. Dessen 
ungeachtet ist aber daS Werk noch nicht vollendet, da das all- 
gemeine Stimmrecht, das regelmäßige und friedliche Werkzeug 
dieser nationalen Bewegung, selbst in Frage gestellt wird. Die 
einen wollen Millionen von Bürgern von der Wahlurne fern» 
halten; die andern machen von der Souveranetät deS Volkes 
so viel Aufhebens nur um unter dem Namen eines PlebiscitS 
eine eigentliche Abdankung von ihm zu erlangen. Die Aufgabe 
wird erst dann vollbracht werden können, wenn wir Frankreich 
die Ausübung seiner Souveränetät zurückgeben werden. ES 
war dieS seit 3 Jahren daö beständige Ziel unserer Anstren- 
gungen. Solang' es nicht erreicht sein wird, wird keine Be- 
schwichtigung in die Geister, keine Dauerarbeit in unseren po- 
litischen Zustand, keine Sicherheit in die Geschäfte einziehen. 
Die Auflösung bleibt daher dem Erachten der Mitglieder der 
Union gemäß das einzige Mittel gegen die KrisiS, welche das 
in seinen Leiden so standhafte Land erschöpft DaS Volk, daS 
seit 3 Iahren so zahlreiche Beispiele von Selbstverläugnung, 
Mäßigung und Würde gegeben, hat dadurch bewiesen, daß eS 
nicht nur daS Recht, sondern auch die Fähigkeit besitzt, sich selbst 
zu regieren. Niemand darf ihm länger die allgemeinen Wahlen, 
nach denen eS ruft, verweigern Noch gestern gaben die 
Gironde und Haut-Marne ihre Beistimmung zu folgendem so 
einfachen Programm zu erkennen: „Jntregität des allgemeinen 
Stimmrechts, Auflösung der Nationalversammlung; Einrichtung 
der Republik durch die Neugewählten deS Landes." Zum vier 
zehnten Male hat Frankreich dergestalt seinen Willen kund gethan. 
Trotz dieser aufeinander folgenden Siege hat die republikanische 
Meinung noch nicht die Oberhand in der Nationalversammluyg. 
Nur uu'tttelst deS nachdrücklichen und unablässigen Beistandes 
der Wähler lönnen die Abgeordneten kämpfen und siegen. Zu 
dieser Stunde wir eine strenge Disziplin allen Republikanern 
zur Pflicht; denn eS handelt sich um den Verfall oder um die 
Aufrichtung Frankreichs. 
Spanien. „Von der Allgemeinen Aufregung zu sprechen" 
— so schreibt der Korrespondent der „Pall Mall Gazette" 
unter dem 30. März aus Santander — „würde kaum ein 
richtiges Bild von den Gefühlen geben, welche hier allenthalben 
vorherrschen. Da die Karlisten in der Minderheit sind, so ist 
eS schwer zu sagen, welche Ausschreitungen noch von dem er- 
boöten iVolke zu erwarten sind. Von Madrid treffen wenige 
und kärgliche Nachrichten ein. Die Behörden hüllen sich in 
ein düsteres Schweigen und alle Welt bis zum Straßenbuben 
hinunter weiß nun, daß Serranno nach ötägigen harten 
Kämpfen nicht im Stande war weiter vorzudringen, und daß 
die Verschanzungen der Karlisten noch immer den Weg ver- 
sperren. Seit zwei Tagen beschränkt sich der Kampf auf eine 
Kanonade, und die Truppen sehen von Ferne düster und nie- 
dergeschlagen auf die Befestigungen deS Feindes. Dabei ist 
von guter Nahrung keine Rede, obschon die Regierungsorgane 
die Verpflegung laut rühmen. Die Soldaten klagen sehr über 
die Qualität von Schweinefleisch und Zwieback, und mit er- 
sterem sollen wieder großartige Schwindeleien getrieben worden 
sein; nebenbei herrscht auch daS Fieber unter den Mannschaften. 
Unter den Verletzungen, welche die Soldaten aufzuweisen ha- 
ben, sind manche von eisernen Rädern der Eisenbahnwagen 
verursacht, welche die Karlisten paarweise mit der Achse :n 
furchtbarer Geschwindigkeit den steilen FelSabhang hinab dem 
andringenden Feinde entgegenrollen ließen." 
Vom Kriegsschauplatz vor Bilbao liegen einzelne Depeschen 
und Briefe von Berichterstattern der englischen Blätter vor. ES 
findet sich in denselben die Bestätigung der Annahme, welche man 
bereits in den Telegrammen auS Madrid zwischen denZeilen lesen 
konnte, daß nämlich die Fortschritte der Republikaner nur gering 
sind, und mit ungewöhnlich starken Verlusten erkauft wurden. Wie 
der „Hour" auS Santander gemeldet wird, waren im Lager 
der RegierungStruppen die Operationen einstweilen suSpendirt, 
bis Verstärkungen an Mannschaften und Geschützen eintreffen. 
Etwa tausend Mann Bin gerwehr und 3 Batterien trafen am 
1. April Morgens ein, und weitere Nachschübe wurden in 
Aussicht gestellt. Die Armee, sagt der Korrespondent weiter, 
ist nicht einen Zoll auS ihren Positionen gewichen, und Ser- 
rano hat in einem Privatbriefe nach Santander erklärt: er 
wolle todt oder lebendig Bilbao entsetzen. Die Aufregung in 
Madrid, wie sonst in allen Theilen Spaniens ist sehr groß. 
Die Verluste am 27. waren schwerer als man anfänglich 
glaubte. Wenigstens 300 Todte und 1200 Verwundete deckten 
das Schlachtfeld. Viele davon waren unter dem Feuer ihrer 
eigenen Kameraden gefallen. Die Armee ist in guter Stim- 
mung. Die Carlisten sollen Mangel an Munition haben. 
Man glaubt, daß Primo de Rivera mit dem Leben davon 
kommen werde. Sehr wenige Gefangene wurden in dem 
dreitägigen Kampfe gemacht, und von keiner der beiden Parteien 
wurde Pardon gegeben. 
Italien. Letzthin, schreibt die „Gazz. Livornese", landeten 
95 Englander auf der Insel Caprera um dem General Gari- 
baldi einen Besuch zu machen. Da er sich aber unwohl fühlte, 
konnte er sie nicht alle, sondern nur eine Deputation von we- 
nigen Personen empfangen, denen er seine Erkenntlichkeit für 
den Ausdruck ihrer Liebe und Sympathie, welche die Engländer 
ihm stets zu erkennen gegeben haben, in schlichten Worten auS- 
drückte. Ehe Garibaldi die Insel bewohnte, besuchte Niemand 
dieselbe. Seit ungefähr drei Jahren sind 130 Dampfschiffe 
angelaufen. Vier neapolitanische Schiffe führen den Namen 
Garibaldi. In den letzten drei Jahren hat er Geschenke im 
Werthe von 14—16,000 Franken erhalten: Ackerbaugeräth und 
Maschinen, vermittelst welcher er den Ertrag seines Landes 
auf der Insel auf eine JahreSrente von 3000 Liren gebracht 
hat. Geldgeschenke und Werthsachen hat er im Betrage von 
Millionen zurückgewiesen. Dagegen ist er Ehrenbürger von 
90 Städten und Flecken und Ehrenpräsident von 120 Gesell- 
schaften und Besitzer von 21 Ehrensäbeln, von denen ihm 11 
daS Ausland verehrt hat. Seit dem Jahr 1871 sind ihm 
5000 HuldigungS- und ErgebenheitSadressen zugesandt worden. 
Türkei. AuS Pera wird der „A. A. Ztg " unterm 11. 
v. M. von dem dort herrschenden Nothstand neuerdings Fol- 
gendeS geschrieben: „Kaum haben wir nach den fürchterlichen 
Schneestürmen deS Monats Februar zwei oder drei Frühlings- 
tage gehabt, als mit Ende deS MonatS eine Wiederholung 
eintrat und volle 8 Tage anhielt, fo daß wir auf's neue m 
den Belagerungszustand versetzt wurden. DaS System, alle 
Kommunikationsmittel gründlich zu vernachlässigen, hat sich 
diesmal schauderhaft bestraft; hier in der Hauptstadt erreichten 
Brod, Fleisch und FeuerungSmaterial unerhörte Preise; in meh 
reren volkreichen Quartieren mußten die Backöfen ihre Thätig- 
keit einstellen, weil eS entweder an Mehl oder an Holz fehlte, 
und diese Dinge angesichts des ZustandeS der Straßen gar 
nicht zu beschaffen waren. Seit vier Tagen endlich ist Thau- 
Wetter eingetreten, und die Bevölkerung athmet wieder auf. 
Selbst die Todten konnten nicht begraben werden, da die Wege 
zu den Gottesäckern absolut versperrt waren. Ebenso schauer- 
lich lauten die Nachrichten aus den Provinzen. Im östlichen 
Kleinasten und Armenien ist die Rinderpest ausgebrochen; in
        

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