Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1874
Erscheinungsjahr:
1874
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1874/199/
Bord, dichtßdaneben zwei spanische Steamer gesunken, der ganze 
Quai zerstört — auf eine Stunde WegS war kein Werft mehr. 
Im Ganzen sind 12 Schiffe untergegangen und über 30 stark 
beschädigt. Ein großer amerik. Dampfer von 4000 Tonnen 
wurde an'S Land geworfen, chinesische Bote zu Hunderten zer- 
Kört. Diele Schiffe gingen unter, weil sie vom Ankerplatz 
losgerissen wurden und anfingen zu treiben, dann zusammen- 
stießen und einander zerschmetterten. Die Leichen wurden zu 
Hunderten im Hasen aufgefischt. 
Landwirthschaftliches. 
Saatfrucht und Ernte. Wie außerordentlich groß 
der Einfluß einer guten Saatfrucht auf den Ertrag ist, ergibt 
sich auS folgendem, ebenso interessanten wie lehrreichen Ver- 
such. Ein sich im gleichen Baue und in gleicher Düngkraft 
befindendes Feld wurde im vorigen Herbste in drei gleiche 
Theile getheilt. Der 1. Theil wurde besamt mit Weizenkör- 
nern, von denen durchschnittlich 389 ein Loth wogen, der 2. 
Theil mit Weizen, von denen das Loth 361 Körner enthielt 
und der 3. Theil mit Weizen derselben Art, von denen aber 
nur 33t Körner auf ein Loth gingen. Beim vorgenommenen 
AuSdrusche wurde ermittelt, daß der 3 Theil, der die vollkom- 
- mensten Körner erhalten hatte, den Ertrag deS gleich großen 
und guten 2. Stückes circa um 163 Pfund und den Ertrag 
deS 1. Stückes, das die unvollkommensten Körner als Saat- 
gut in gleichem Maße erhalten hatte, sogar um 195 Psunv 
Weizenkörner überstieg. Hieraus folgt, was die Masse des 
LandwirthstandeS noch nicht genugsam beachtet, wie nachtheilig 
eS ist, die bessere Frucht zu verkaufen, und die geringere Qua- 
lität als Saatfrucht zn benützen. 
jMilchwirthschaftliche Massenproduktion. Die 
Käsefabrikation lenkt sich immer mehr dem Großbetrieb zu; sie 
wird -eine Industrie im vollsten Sinne des Wortes. Die Kä 
sefaktorei WellS in MinneSve (Amerika) z. B. verarbeitet tag- 
lich die Milch von 3000 Kühen in 3 Kesseln zu je 2422 
Maß; jeder jMilchlieferant hat einen Kühlapparat, um die 
Milch abzukühlen, bevor sie in die Faktorei abgeht. Die Kä 
sefabrik der Gebrüder Mende in Philadelphia übergiebt dem 
Welthandel jede Woche 5—600 Ztr. kleine Handkäse in 15 
biS 1800 Kistchen; im letzten Jahre ist von New-Aork nach 
London ein Riesenkäse von 1995 Pfv. spedirt worden, der 5 
Tage unter der Presse gewesen war und einen ganz feinen 
Geschmack hatte; auf dem gleichen Dampfschiffe befanden sich 
5 weitere Käse von 1000—>1200 Pfv: 1873 wurden über 
haupt 8 Millionen Pfd. amerikanische Käse nur nach Deutsch- 
land eingeführt. — Zn England richten sich die Käsesabrikan- 
ten ganz nach amerikanischem Muster für den Großbetrieb 
ein; Holland hat dieS zum Theil schon gethan, ebenso Frank- 
reich. Eine ähnliche Erscheinung zeigt sich auf dem Gebiete 
deS ButternS. 5 der größten schwedischen Fabriken erzeugen 
zusammen täglich 10,000 Pfd. Butter, also jährlich über 3% 
Miß. Pfd. und die „skandinavische Butterkompagnie" in Dü- 
nemark überzW dem Welthandel jährlich für ca. 10 Millio- 
nen Franke»» jchle Butter. 
Kaltluft wasch inen. Herr Windhauser hat eine 
Kaltlustmaschine erfunden, die jeden beliebigen Kältegrad her- 
stellt und dadurchz. B. den FleischtranSport von Afrika nach 
Europa zur heißesten Zeit ermöglicht. In 1 */a Minuten lie 
fert er einen Zentner Eis. 
Verschiedenes. 
* Eine schauderhafte Jagd. Eine höchst aufregende 
Szene ereignete sich vor einigen Tagey in Paris. Ein jun- 
ger Mann, Namens Philipp Goin, ritt arglos durch die 
Rue Blanche und bog auf den Platz gleichen Namens ein, 
als plötzlich mit allen Zeichen der Wuth und von einigen 
Menschen verfolgt, eine Bulldogge sich auf sein Pferb warf. 
In die Kniekehle gebissen, tbat daS Pferd einen gewaltigen 
Sprung nach vorwärts und flog in. rasendem Galopp davon. 
Der Hund setzte demselben nach und so erreichten Beide, Pferd 
und Bulldogge, das äußere Boulevard. Alle Welt suchte sich 
eilendS zu retten. Der Reiter, welcher anfangs gedacht hatte, 
sein Pferd anzuhalten, hatte sich inzwischen anders besonnen. 
Er kam zu dem Schlüsse, daß eö besser sei, dem wüthenden 
Hunde zu entfliehen, und drückte seinem Thiers die Sporen 
in die Flanken. Allein die entsetzliche Bulldogge Schaum vor 
dem Maule, mit glühenden Augen und gesträubten Haaren, 
gewann immer mehr Terrain. Vor dem Theater de BatignolleS 
tbat sie einen mächtigen Satz, richtete sich auf an dem Kreuz 
des Pferdes und schlug daS Gebiß in den Rockfchooß des Rei- 
terS, Dabei verlor die Bestie auf einen Moment daS Gleich- 
gewicht, im nächsten aber vergruben sich ihre Zähne in den 
HalS deS Pferdes. Goin hatte sich seines Rockes entledigt 
und warf sich aufs Pflaster. Etwa 800 Schritte weiter stürzte 
das Pferd; der wüthende Hund ließ sein Opfer nicht loS. 
Beide Thiere wurden von einem SicherheitSwachmanne durch 
Säbelhiebe getödtet. So endete diese entsetzliche Jagd. Herr 
Goin blieb zwar von den Bissen deS tollen Hundes verschont, 
wurde aber mit gebrochenem Schenkel nach seiner Wohnung 
gebracht. . 
* Schuhwerk wasserdicht zu machen. Eme halbe 
Maß gesottenes Leinöl, ein Viertelpfund Hammelfett, 3 Loth 
gelbeS Wachs und 2 Loth Harz werden auf einem Herd oder 
über einem Kohlenfeuer unter fleißigem Umrühren zusammen- 
geschmolzen und damit das gereinigte, trockene Schuhwerk 
mittelst eines Pinsels angestrichen. Die Masse sollte warm, 
aber nicht heiß sein. Am besten ist es, wenn daS neue Schuh- 
werl sogleich so behandelt wird. Das Leder bleibt geschmeidig. 
Die, englischen Fischer bedienen sich seit Jahrhunderten dieser 
Schmiere. Sie werden dadurch in den Stand gesetzt, stunden- 
lang im Wasser zu stehen, ohne daß eS durchgeht. 
Die gute alte Tante. 
Humoreske 
von 
Stanislaus Graf Grabowski. 
(Schluß.) 
„Mein lieber BomSfeld," sagte der General zu seinem 
Freunde, „wichtige, dringende Geschäfte führen mich zu Ihnen, 
und wir müssen nachher eingehend darüber sprechen. In jedem 
Augenblicke kann ich die ArmirungS-Ordre für die Festung er- 
warten, und selbstverständlich muß dann sogleich die Berprovi- 
antirung in Angriff genommen werden. Ich meinte, Sie wür- 
den aus Ihren reichen Getraidebeständen gern die Fourage- 
Lieferung übernehmen; selbstverständlich wird Alles sofort baar, 
in vollwichtiger Münze bezahltes 
„Sie sind zu gütig, Herr General, und erzeigen mir wirk- 
lich einen großen Dienst mit diesem Anerbieten," erwiederte 
Herr v. BomSfeld erfreut — „wie freundschaftlich von Ihnen, 
daß Sie sofort an mich dachten und sich in Person hieher auf 
den Weg machten!" 
„Es ist heute Sonntag, und ich hatte nichts an dienstli- 
chen Pflichten zu versäumen; aber wir besprechen UNS alsbald 
deS Näheren; haben Sie nur zuerst die Güte, mich mit ver- 
ehrtem Fräulein Schwester näher bekannt zu machen, denn — 
soll mich der Teufel holen! — ich habe bisher noch nicht zwei 
vernünftige Worte mit ihr sprechen können." 
„Fräulein Schwester?" fragte der Gutsbesitzer ganz ver- 
wundert 
„Geniren Sie sich nicht, lieber BomSfeld; ich weiß schon 
durch die jungen Damen, daß sie da? Unglück hat, stocktaub zu 
sein; Sie als Bruder kennen aber doch jedenfalls die besten
        

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