Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1874
Erscheinungsjahr:
1874
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1874/192/
- 192 — 
kommen, dessen Rückkehr er auch erwarten zu dürfen bitte, da 
sie ja, wie ihm die Dienerschaft mitgetheilt, bald erfolgen solle. 
Emma und Julie waren mit dem gesellschaftlichen Um- 
gangStone nun wohl vollkommen vertraut, aber augenblicklich 
befanden sie sich in der äußersten Verlegenheit, denn sie hat- 
ten noch keinen Begriff davon, für wen und waS fie den ver- 
kappten Lieutenant ausgeben sollten; die Situation desselben 
erschien ihnen jetzt nur noch verschlimmert. 
Zuerst faßte sich wieder die kleine Louise, die, nebenbei ge- 
sagt, auch ein besonderer Liebling des Generals v. Rosen- 
stern war. 
„Liebe Emma," sagte sie halblaut zu ihrer Schwester, 
„willst Du den Herrn General nicht uyjerer guten alten Tante 
Rosalie vorstellen?" 
Sie deutete dabei auf daS Sopha und der Genera,l fuhr 
zusammen, denn er bemerkte jetzt erst die vierte Dame im Zun* 
mer; er glaubte sich beinahe einer UnHöflichkeit gegen sie schul- 
dig gemacht zu haben; dabei stutzte er doch darüber, daß er 
im Hause seines alten Freundes noch eine Verwandte traf, 
von der noch niemals vie Rede gewesen war. 
„Tante Rosalie," erläuterte der Backfisch, während der Ge 
neral sich rasch dem Sopha näherte und da ihr die betroffenen 
Schwestern nicht sogleich zu Hilfe zu kommen vermochten, „ist 
nämlich Papa'S Schwester und gestern erst hier aus Besuch 
eingetroffen. Sie ist ziemlich taub, Herr General, kennt Sie 
aber schon ganz gut) da in unserem Hause so viel von Ihnen 
gesprochen wird." 
Der General machte sein verbindlichstes Kompliment vor 
der Dame, die sich hinter dem Tische nur halb erhob und in 
recht altmodischer Form knixte Warum sie im Fanuliensalon 
den Schleierhut auf dem Kopfe behalten hatte, war nicht recht 
begreiflich, aber vielleicht war sie soeben erst von einem AuS- 
gange zurückgekehrt oder wollte einen solchen noch machen. 
„Meine Gnädigste," begann der General mit einer zweiten 
tiefen Verbeugung, „gestatten Sie mir, mich als einen alten 
und, wie ich behaupten kann, aufrichtigen Freund Ihres Vru- 
ders vorzustellen; ich darf deshalb wohl auch von Ihrer Seite 
auf einen freundlichen Willkomm in Bomsfelde zählen." 
Tante Rosalie verbeugte sich nur stumm und rückte dann 
unruhig auf dem Sopha hin und her, als wollte sie verhindern, 
daß der Alte sich neben sie niederlasse. 
„Die gute alte Tante ist taub," zischelte der Backfisch dem 
General noch einmal in die Ohren; „sie versteht Sie wohl 
nicht recht." 
„O, ein sehr bedaurungSwürdigeS Gebrechen!" meinte der 
Alte, der sich in ziemlicher Verlegenheit befand; „die gnädige 
Frau —" 
Noch Fräulein Herr General, aber fie ist verlobt und will 
sich nächstens verheirathen." 
Diebeiden älteren Schwestern blieben fast starr bei LouifenS 
Frechheit, aber der kleine Kobold hatte der Situation schon die 
heitere Seite abgewonnen und belustigte sich ungemein daran, 
wie e6 schien. 
„Mein gnädiges Fräulein," schrie der General mit wahrer 
Löwenstimme, „ich bin vielleicht der ältM Freund JhreSHerrn 
Bruders!" > 
„Sehr verbunden!" murmelte die Tante, machte abermals 
eine Verbeugung. 
„Ich freue mich unendlich, ein neues Mitglied der werthen 
Familie kennen zu lernen!" 
„O bitte, nicht Ursache!" 
„Gott verd— mich! sie ist wohl stocktaub," flüsterte der 
General Louisen zu. 
„Zu Zeiten leider, ja." 
„Ihr Herr Bruder war gewiß höchst erfreut über ihre An- 
kunst, meine Gnädigste ? — ES ist mir sehr angenehm, daß 
der Zufall auch mir daS Glück verschafft, Sie begrüßen zu 
dürfen!" — Wer daS stocktaube alte Frauenzimmer jetzt noch 
heirathen will, muß bei Gott horntoll fein, fetzte er bei 
sich selbst hinzu. 
Die Tante verbeugte sich wieder stumm. 
„ES sollte mir unendlich leid thun, wenn ich Sie in Ihrer 
Absicht gestört hätte, noch einen Ausgang zu machen; ich bitte, 
sich durchaus nicht zu geniren, denn ich kam eigentlich nur 
wegen geschäftlicher, dienstlicher Angelegenheiten zu Ihrem Herrn 
Bruder." 
Ja, die Tante wäre gern von der Schaubühne verschwun- 
den, aber sie war an den Beinen nicht danach kostümirt, um 
sich erheben zu können. 
„Bitte, bitte!" lispelte sie nur. 
Dem General begann schon der Schweiß auf die Stirne 
zu treten; er ahnte nicht, daß derselbe über vie der guten alten 
Tante schon in großen Tropfen niederrieselte. Unhöflich wollte 
er um keinen Preis sein, sah aber doch die Unmöglichkeit ein, 
mit ver Stocktauben eine Unterhaltung fortzuführen. Er 
wandte sich deshalb an die jungen Mädchen und unterhielt 
sich mit ihnen in sehr gespannter Weise so gut als möglich ; 
wenn er von Zeit zu Zeit wieder einmal das Wort an die 
Tante richten zu müssen glaubte, so erhielt er stets nur ein 
unverständliches Murmeln oder ein „Bitte, bitte!" zur Ant- 
wort. 
Mittlerweile war eS im Salon so dunkel geworden, daß 
man sich auch dadurch genirt fühlen mußte. 
Der General, dem so wie so schon recht unheimlich ge- 
worden war, äußerte dies endlich. 
„Ach verzeihen Sie, Herr General," warf Louise sofort ein, 
„die gute Tante ist nicht allein ziemlich taub, sondern auch 
noch mehr lichtscheu." 
(Fortsetzung folgt.) 
Verantwortlicher Redakteur u. Herausgeber: Dr. Rudolf Schädler'. 
Kornpreise vom Fruchtmarkt in Bregenz vom 20. Nov. 
Der halbe Metzen 
beste 
1 mittlere 
geringe 
st 
kr. 
st 
kr 
st 
kr 
Korn 
3 
40 
3 
15 
3 
05 
Roggen .... 
2 
80 
2 
60 
2 
50 
Gerste 
2 
70 
2 
50 
2 
30 
Türken .... 
2 
80 
2 
50 
2 
20 
Hafer | 
1 
70 
1 
60 
1 
50 
Thermometerstand nach Reaumur in Baduz. 
Monat 
Morgens! Mittags 
7 Uhr j 12 Uhr 
Abends 
6 Uhr 
W i t t e r u n g. 
Nov. 18 
+ 2 % 
+ 2 
+ % 
trüb,Ndst.Schn.Rg. 
„ 19. 
+ 5V, 
+ 4 
+ 3 
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— 3 
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hell. 
„ 24. 
5 
— 2 
- 4 1 / 2 
» 

Telegrafischer Kursbericht von Wien. 
25. Nov. Silber . . . . 105.25 
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