Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1874
Erscheinungsjahr:
1874
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1874/183/

um so eher wieder ein, wenn ihnen ein gut befahrener Markt 
eine Auswahl bietet. Es wäre überhaupt hinsichtlich unserer 
zersplitterten Marktverhältnisse im Interesse der Verkäufer zu 
wünschen, daß stch die inländischen Viehbesitzer entschließen könn- 
ten, vorzüglich einen Marktort im Lande zu befahren, damit 
doch wenigstens einer unter den liechtensteinischen Märkten im 
Ausland bekannt und einige Bedeutung gewinnen würde. 
Politische Rundschau. 
Deutschland. Im deutschen Reichstage bezeichnet der 
Kriegsminister Kamecke das Landsturmgesetz als eine Ergänzung 
deS ReichSmilitärgesetzeS, die bei Berathüng deS letzteren ver- 
beißen wurde. Die Regierung hoffe, daß der Reichstag dem 
Gesetze zustimmen werde. Die Auffassung der ausländischen 
Presse, welche im Gesetze EroberungSgelüste fand, sei vollstän- 
dig grundlos; der Landsturm sei kein Element zur Eroberung, 
sondern lediglich zur Vertheidigung. Nach kurzer Debatte, 
worin Graf Ballestrem gegen, Koch, Dunker und Bethusy« 
Huc sür die Vorlage sprechen, wird der Entwurf einer vier- 
zehngliedrigen Kommission überwiesen. 
Oesterreich. Der Justizminister hat dem Abgeordneten- 
häuS unter dem Beifall desselben den Entwurf eines neuen 
Strafgesetzbuches vorgelegt, und hiebet erklärt: die Grundlage 
und ein nicht geringer Theil der Bestimmungen desselben 
schließen sich an das deutsche Reichsstrafgesetzbuch an, wo- 
durch zunächst der Vortheil erreicht werde, daß die österrei- 
chische Gesetzgebung stch dem großen Zuge unmittelbar anreihe, 
welcher die Strafgesetzgebung Europa'S seit dem Beginn deS 
Jahrhunderts in ganz unverkennbarer Weise beherrscht. Selbst- 
verständlich sei der Entwurf nicht sklavische Nachahmung, viel- 
mehr bätten eigenthümliche politische Verhältnisse und manche 
werthvolle kriminalistische Traditionen Oesterreichs darin eingehen- 
de Berücksichtigung gefunden; der Minister fügte hinzu, daß die 
Arbeiten betreffs der Regelung des Polizeistrafrechtes im 
Gange und sehr weit vorgeschritten seien. 
Spanien Die Frage, die manchem ZeitungSleser viel 
Kopfzerbrechen verursacht, warum einerseits die Karlisten trotz 
allem, waS von ihrer wachsenden Macht in die Welt hinaus- 
posaunt wird, nicht auf Madrid marschiren, während anderer- 
seitS die Republikaner, trotz ihrer Siege des Aufstandes nicht 
Meister werden, findet in Korrespondenzen der „Daily News" 
aus den Lagern beider Parteien eine sehr einfache Beant- 
wortung. Der Berichterstatter im karlistischen Hauptquartier 
weiß alles mögliche Günstige über die Streitkräfte des Prä 
tendenten zu melden, allein er kann nicht anders als die That- 
fache eingestehen, daß der nervu8 rerum zu größeren Unter- 
nehmungen fehlt. „So treu auch die karlistischen Soldaten an 
ihrem Könige hangen, so wollen sie doch auch wie andere 
Soldaten ihren Sold beziehen, und trotz der Anstrengungen 
karlistischer Ausschüsse im Auslände und der freundlichen Un 
terstützung fremder Edelleute, welche sich fast verpflichtet hal- 
ten, die Sache des Prätendenten mit Subsidien zu unterstützen, 
hat Don KarloS nicht so viel Geld zur Verfügung, als er 
wünschen möchte. Die Junta jeder Provinz, die unter der 
Herrschaft der Karlisten steht, besoldet die Truppen, welche 
von der Provinz sür die Sache deS Königs aufgebracht wor 
den sind. Allein keine Macht würde sie dazu bringen, für 
einen einzigen Mann darüber hinaus Zahlung zu leisten. Woher 
soll unter solchen Umständen der Sold für die Truppen kom- 
men, welche aus verschiedenen Provinzen rekrutirt sind? Da 
Niemand sich findet, der für diese Mannschaften sorgt, so 
müssen sich dieselben getrösten, ohne Sold zu marschiren oder 
zu kämpfen, und wenn auch die Zeichen schlechter, unzufriede- 
dener Stimmung sich noch so selten kund geben, so scheut sich 
doch aus naheliegenden Gründen der Befehlshaber An- 
forderungen an eine Truppe zu stellen, für deren Bedürf- 
nisse nicht gesorgt ist. Nicht viele von den Leuten haben sich 
aufsätzig gezeigt, Lärm gemacht und auf den Straßen nach 
ihrem Solde gerufen, allein ein vereinzelter Ruf dieser Art 
ist schon ein hinreichender Beweis für daS stille Mißbehagen 
eines Regiments." Solchen Zuständen im Lager der Karlisten 
gegenüber bilden die Mittheilungen aus Madrid ein würdiges 
Seitenstück. ES bestätigt stch, daß Laserno und Moriones sich 
vollständig über die nächsten Schachzüge geeinigt hatten, und 
daß bestimmt der Tag festgesetzt war, an welchem die karlisti- 
schen Stellungen angegriffen werden sollten. Da fiel auch hier 
die Geldfrage in'S Gewicht Die beiden Befehlshaber wurden 
durch ein Telegramm aus Madrid in Kenntniß gesetzt, daß 
die zur Zahlung des rückständigen Soldes notwendigen Mit- 
tel einstweilen nicht flüssig seien. Da mußte denn der An- 
griff unterbleiben, und Laserna ging selbst nach Madrid den 
Ministern den Standpunkt klar zu machen über daS alte 
Thema, daß der Soldat ohne Sold nicht in vernünftiger 
Weise zum Fechten zu bringen sei. 
Die gute alte Tante. 
' Humoreske 
von 
Stanislaus Graf Grabow Ski. 
(Fortsetzung.) _ 
„WaS bringen Sie mir, lieber Lieutenant v. Rohrbach?" 
fragte der General ganz leutselig. 
„Der Herr General wollen gütigst verzeihen, wenn ich mir 
die ganz gehorsamste Meldung zu machen erlaube, daß die mir 
angewiesene Kasematte, wie die der meisten Offiziere, wohl ganz 
unbewohnbar genannt werden dürfte, indem ich mir hierbei das 
Corpus delicti gehorsamst vorzulegen gestatte." 
„Sprechen Sie nicht in französischen Ausdrücken, Lieutenant 
v. Rohrbach," sagte der General, dessen Stirne sich schon zu 
runzeln begann — „ich habe diese Sprache nie leiden können. 
Was trägt denn der Kerl da?" ' 
Der Lieutenant hatte Friedrich gewinkt, näher zu treten, 
was mit einigermaßen schlotternden Knieen geschah, zog daS 
weiße Papier ab und berichtete weiter: 
„Der Herr General wollen gütigst entschuldigen, dieser Pilz 
ist unter der königlichen Kommode in meiner Kasematte gewachsen." 
„Alle neunhundertneunundneunzig Teufel, Herrrrr, sind 
Sie ?" brach der Alte mit blitzenden Augen lo6, und 
seine Stimme klang wie ein rollendes Gewitter. ,„Was geht 
mich der Jux da an und Ihre Kasematte? Wollen Sie mich 
etwa zum Narren halten?" 
Lieutenant v. Rohrbach hatte bisher noch keinen Beweis 
von der Grobheit deS Alten erhalten, deshalb schlug ihm diese 
auch um so mehr in die Glieder ; aber er faßte sich schnell, 
und es trat nun ein gewisser Trotz bei ihm hervor, den er in- 
dessen doch durch die militärischen Formen zu verstecken wußte. 
„Herr General," sagte er fest und nicht unbescheiden, „ich 
gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf, daß ich diesen Pilz unter 
meiner Kommode gefunden habe." 
„Nun, wer bezweifelt daS? — Wollen Sie mir aber etwa 
die alte, ehrenwerthe Festung umbauen, die nun schon seit bei- 
nahe 100 Jahren steht und noch länger als 100 Jahre stehen 
wird, so wie sie ist? — Wenn hier Pilze zu finden find, so 
laßt sie unser lieber Herrgott wachsen, und wenn Seine Ma- 
jestät, unser allergnädigster Königs, Höchftdero Lieutenants m 
Palais mit Flaumbetten unterbringen sollte;, .würde das mehr 
kosten, alö sie durch ihre Dienste Werth find. Gehen Sie mit 
Ihrem Pilze und dem verd- Kerl da zum Teufel oder zum 
Kasernen-Jnspektor, der durch die Baugefangenen besser aus- 
kehren lassen soll, mich aber lassen Sie zufrieden, sonst setze ich
        

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