Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1874
Erscheinungsjahr:
1874
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1874/175/
ung dieser Widersprüche bleibt demnach nichts übrig, als ent- 
weder noch unbekannt atmosphärische Aenderungen, die auf 
vbenangegebene Art krank machen können, oder ein Eontagium 
anzunehmen, daS, wenn auch stets gegenwärtig, sich denn doch 
in einem latenten Zustande befindet, das aber bei, für 
unS derzeit noch unbekannten terrestischen oder fiderischen Ein 
flüssen, frei und für dazu diSponirte Thiere krankmachend wird, 
in Folge dessen sich eigenthümliche pathologische Prozesse, die 
ein mittheilbareS KrankheitSprodükt (Cöntagium) erzeugen und 
dadurch das Leiden zu verbreiten vermögen, entwickeln. Dem 
Gesagten zu Folge scheint eS sich mit dem Ursächlichen der 
Maulseuche eben so wie mit mehreren anderen kontagiösen 
Krankheiten z. B Blattern, Scharlach u. s. f. zu verhalten; 
so wie diese ohne bekannte Ursachen da oder dort auftauchen, 
eben so ist eS auch der Fall mit dem in Rede stehenden 
Leiden. 
Nun wird aber hie und da ein Viehbesitzer einwenden: 
„Daß die Maulseuche ansteckend sei, glaube ich nicht, denn ich 
habe beobachtet, daß Thiere bei und zwischen Erkrankten ge- 
standen und diesem ungeachtet von der Seuche nicht befallen 
worden sind." 
Diesem wird bemerkt, daß das Samenkorn, welches ohne 
Rücksicht auf das Erdreich auSgesäet wird, auch nicht überall 
keimt und Wurzeln schlägt. Ebenso verhält eS stch mit der 
Ansteckbarkeit der Krankheiten; der durch einen Krankheitspro- 
zeß erzeugte Stoff (Coatagium) ist der Same der Krankheit, 
welcher auf gar mannigfaltige Weise über die Thiere auSge- 
säet wird; NM . ist aber daS MischungSverhältniß der den 
thierischen Organismus zusammensetzenden Materie so verschieden, 
daß der KrankheitSsame nicht in jedem Thierkörper den erfor- 
derlichen fruchtbaren Grund und Boden findet. 
WaS die ärztliche Behandlung der gutartigen Maulseuche 
beschlägt, so hat die Erfahrung sattsam gelehrt, daß die jedem 
belebten Wesen innewohnende Naturheilkrast (die gute Mutter 
Natur) in weit aus den meisten Fällen nicht nur die Krankheit, son 
dern nicht selten auch noch die unsinnigsten Mittel, die gegen 
dieselbe in Anwendung gebracht werden, allein besiegt. 
ES ist also bei der beschriebenen gutartigen Form der Maul- 
seuche in der Regel gar keine ärztliche Behandlung, sondern 
bloS folgende Diät nothwendig: 
Man hält die Thiere in reinlichen, gut bestreuten, mäßig 
warmen, zugluftfreien Ställen, oder man gibt dieselben bei 
guter Witterung auf einen weichen nächst der Stallung ge- 
legenen WieSboden, reicht ihnen leicht verdauliches, nahrhaftes, 
weiches Futter, z. B. gekochte Rüben und Kartoffeln, klein 
gehacktes und abgebrühtes Grünfutter, Klee, aufgeweichtes 
Brod, Gerstenabkochung, Kleien- oder Mehltränke, welch letztere 
auch jenen Thieren, die ihrer Schmerzen wegen alle Nahrung 
verschmähen, nach Art eines Eingusses beizubringen sind, da- 
mit bei ihnen nicht die Entkräftung überhandnehme. 
Glaubt aber ein Viehzüchter seinen am gutartigen Maul- 
weh erkrankten Thieren noch weiter hilfreich entgegenkommen 
zu müssen, so kann er denselben während deS entzündlichen 
.Stadiums, d. i. so lange sich noch keine, wunden Stellen in 
der Maulhöhle zeigen, mit einem aus % Leinsamen- oder 
Gerstenschleim und */ 9 Essig bestehenden Gemisch die Maul- 
Höhle täglich einige Mal auswaschen. Im zweiten Stadium^ 
d. i. wenn wunde Stellen in der Maulhöhle vorhanden sind; 
dürfte daS Waschmittel aus Leinsamenschleim und einer Eichen- 
oder Weidenrinden-Abkochung zu gleichen Theilen bestehen. 
Diese Waschmittel ersetzen den diesfalls anempfohlenen Honig 
und Zucker vollkommen, sind wohlfeiler, und ob daS Klauen- 
Vieh einen Wohlgeschmack am Süßen findet, ist dem Schrei- 
Her dieses nicht bekannt. — 
(Fortsetzung folgt.) 
Die gute alte Tante. 
Humoreske 
von 
Stanislaus Graf Grabow Ski. 
(Fortsetzung.) 
Semen neuen Hauptmann und die anderen Offiziere kannte 
er schon ganz gut, und der Höchstgebietende in G., der Kom- 
Mandant, Generalmajor v. Rosenstern, war ein alter Kriegs- 
kamerad und guter Bekannter des VaterS unseres Lieutenants, 
eines pensionirten Obersten — der junge Rohrbach durste also 
überall auf guten Empfang rechnen. 
So unfreundlich der Eingang zu der Festung einem Laien 
aussehen mochte, waren die hohen Mauern und Wälle mit 
ihren aus den Scharten hervorlugenden Geschützmündungen, die 
tiefen trockenen Gräben, die dunkeln Thorpoternen u. Zug- 
brücken für ein militärisches Auge durchaus nicht abschreckend, 
im Gegentbeil verliehen sie daS Gefühl von Stolz u. Sicher- 
heit; die Schildwachen, die einen (Zivilisten scharf ezamiuirt u. 
wohl gar zurückgewiesen Haben würden, machten in aller Ehr- 
erbietung ihre Honneurs vor den Epauletten, und die gute 
Laune des Lieutenants wurde durch das AlleS nicht im Min- 
besten gestört. 
Alsbald traf er auch mehrere bekannte und bisher unbe- 
kannte Kameraden, denn sein Instinkt führte ihn sofort der ein- 
zigen auf der Festung befindlichen Wein- und Frühstücksstube, 
dem Speisehause und Kasino der Offiziere zu; selbstperständlich 
begrüßte man ihn hier auf das Herzlichste, und das Dejeuner 
wurde biö zur Mittage-Parade fortgesetzt. Herr v. Rohrbach 
erfuhr dabei alles Nöthige, was ihn in die neuen Verhältnisse 
einführen konnte. 
Gestatte man unS, nur eine kurze Schilderung derselben zu 
geben. Die Festung oder Citadelle war, obgleich nur klein, 
von ganz besonderer Widerstandsstarke; sowohl die hohe Lage 
wie die ansehnlichen Bauwerke stellten letztere her; eine geringe 
Truppenzahl genügte zur Vertheidigung. DaS Innere war ei- 
gentlich nur ein großer Hof, umgeben von den zu Kasernen 
eingerichteten Kasematten, d. h. gewölbten Räumen, die sich an 
den inneren Hauptwall lehnen und in denselben hineingebaut 
sind. Mitten auf dem Platze, den einige Bäume beschatteten, 
lagen das Kommandanturgebäude, 'die Kirche und noch einige 
bombenfest eingedeckte Häuser sstr Militärbeamte; die Straßen 
wurden durch große symMnH aufgesetzte Kugelhaufen jbL- 
grenzt. Das sie durchlyHMnde Publikum war fast aus- 
schließlich ein militärisches^ schöne Geschlecht nur schwach 
vertreten, und AlleS belOgte sich mit einer gewissen steifen 
Gemessenheit. Als hervorleuchtende Persönlichkeiten konnten 
die Baugefangenen gelten, von denen jede Festung.damals 
ein ansehnliches Kontingent beherbergte; in ihren scheckigen, 
gelb und vunkelgrauen Anzügen mit klirrenden schweren Ketten 
an Händen und Füßen, zuweilen daran eine große Kanonen- 
kugel hinter sich herschleppend, einzelne mit machtigen eisernen 
Hörnern zu beiden Seiten des Kopfes, zöget» sie finster und 
böse blickend deS Weges einher, begleitet von Patrom'lleuren 
mit scharfgeladenen Gewehren Man gewöhnt sich schnell an 
AlleS und denkt bei solcher Begegnung nicht mehr daran, was 
den Menschen zum Thiere herabgewürdigt hat. 
Die Besatzung der Festung bildeten zur Zeit ein Landwehr- 
bataillon und zwei detachirte Kompagnien deS erwähnten Re- 
serve-RegimentS; in der Stadt lagen noch mehr Truppen, die 
schon bestimmt waren, nächstens in das Feld zu rücken. 
Der Kommandant war bekannterweise ein sehr gestrenger, 
recht pedantischer Herr auS der alten Soldatenschule. Gr zählte 
an die siebenzig Jabre, nahm sich mit seiner großen, strammen 
Figur und dem grauen Schnurrbarte, sowie mit seinen vielen 
Orden äußerst stattlich aus und stand, wenn er unter Umstän- 
den auch recht liebenswürdig u. fein sein konnte, indem wohl-
        

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