Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1874
Erscheinungsjahr:
1874
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1874/145/
Liechtensteinische 
Aweiter Jahrgang. 
Vaduz, Freitag 
Hr. 37. 
den 11. September 1874. 
Die liechtensteinische Wochenzeitung erscheint jeden Freitag. Sie tostet für das Inland ganzjährig 2 fl., halbjährig t fl. sammt 
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ewrden franco erbeten an die Redaetion in Vaduz. 

Die Weinlese. 
Wann sollen wir Weinlese halten? 
Diese Frage wird in manchem Herbste lebhaften Erör- 
terungen unterworfen, besonders wenn eine reiche Ernte loh- 
nend in Aussicht steht. Leider befinden sich heuer unsere 
Winzer nur ausnahmsweise in der glücklichen Lage, die längst ge- 
leerten Fässer wieder füllen, oder gar noch einen schönen Er- 
lös einstreichen zu können; dennoch veranlaßt uns die nahende 
Weinlese ein Wort darüber zu äußern. 
„Spät lesen" ist daS Losungswort der Weinkäufer, hin- 
gegen neigen sich die Weinproduzenten mehr zur Frühlese hin 
Gewöhnlich, und namentlich in weniger frühen Lagen und in 
kälteren Jahrgängen, wird daS „Wimmeln" so weit hinaus- 
geschoben, als die Witterung eS zuläßt — im Ganzen ist dieS 
daS Richtige. So lange die WeitMätter grün find und die 
Luft warm ist, nehmen die weingebenden und veredelnden 
Stoffe in der Traube zu; eS ist dieS ein reiner Zuwachs zum 
Vermögen deS Produzenten — die Ernte gewinnt an Quan« 
tität und Qualität 
Sobald aber rauhe und kalte Witterung, oder gar starke 
Nachtfröste eintreten und die Blätter zu vergilben anfangen, 
findet keinerlei Zunahme mehr statt, wohl aber nimmt dann oft und 
rasch die Fäulniß überhand und das Quantum schwindet be- 
ständig durch Vögel- und WeSpenfraß. TaS Kapital der Lese 
nimmt von nun an immer ab. ES ist ein großer Jrrthum 
zu glauben, daß die am entlaubten Stocke hängenden Trauben 
noch Fortschritte in der Reife machen. Die Zuckerbildung hört 
sofort auf, der vorhandene Säuregehalt bleibt — eS tritt 
bloß durch Verdunsten und Eintrocknen der Beeren eine Kon- 
zentration der Weinbestandtheile ^in. Durch diesen Vorgang 
wird also bloß ein Wasserverlust deS Weines herbeigeführt, 
ohne ddß wir in Abrede stellen wollen, daß dabei auf Kosten 
Quantums etwas an Qualität gewonnen wird. Solche ab* 
sichtlich verspätete Weinlesen werden in südlichen Ländern, in 
Tokay, weniger im Rheingau und in gegen Norden gelegenen 
Weingegenden gehalten, um die sogenannten liqueurartigen 
Ausbruchweine zu erzeugen, welche natürlich wohlschmeckender, 
süßer und aromatischer werden. Wohl 90 Prozent dieser im 
Handel erscheinenden Weine sind mehr oder weniger — wenn 
nicht ganz — künstlich hergestellt Wir bereiten den Stroh- 
wein auf ähnliche Weise, indem wir ausgesuchte, Vollreife 
Trauben, anstatt am Stocke, auf Stroh gelegt, etwa bis 
Weihnachten eintrocknen lassen und dann auspressen. 
So lange aber das Laub noch frisch und grün im Herbst- 
sonnenlichte glänzt, geht durch die wunderbare Vermittlung 
dieses OrganeS — nämlich deS Blattes — die Zuckerbildung 
und zugleich die Abnahme der Weinsäure ununterbrochen vor- 
wärtS. Durch diesen Prozeß kann in wenigen sonnigen Ta 
gen vor der Weinlese der Zuckergehalt um einige Prozente ver- 
mehrt und die Säure entsprechend vermindert werden; anstatt 
einen schlechten oder bloß- mittelmäßigen Wein zu erzielen, 
lohnt uns eine solche Spätlese möglicherweise mit einem edlen 
gehaltvollen Safte. 
Wenn wir vergleichsweise in einem Weinberge frühzeitig 
Traubenlese halten und die Probe zeigt, daß die nicht voll 
ausgereiften Trauben nur 15 Prozent (75° nach OechSle) 
Zucker enthalten» 14 Tage später aber auS einem benachbar- 
ten Weingarten einen Weinmost mit 20 Proz. (100^ nach 
OechSle) Zuckergehalt gewinnen können, so erhalten wir bei 
der späteren Lese einen Wein, der um */ 4 mehr „Geist" und 
Gehalt hat, also auch im Preise um so viel höher zu stellen 
ist. Ist ein Schoppen von der ersten Lese 15 Kreuzer Werth, 
so darf für den andern 20 Kreuzer bezahlt werden. 
Wer sich von der mächtigen Funktion deS BlakteS über 
zeugen will, der beraube versuchshalber einen Rebstock mit 
halbreifen Trauben ganz seiner Blätter und er wird finden, 
daß die Früchte unreif und sauer bleiben, wenn dieselben auch 
zuletzt eintrocknen; konsequenterweise dürfen wir aber auch 
schließen, daß ein stark mit Trauben gefüllter Weinstock reich- 
licheS Laub haben muß, damit seine Früchte völlig reif und 
süß werden können. Leicht erklärlich ist deshalb auch, daß 
vom Roste stark erkrankte Weinberge einen geringeren Wein geben. 
Wir, die wir hier zu Lande gerade keine Ausbruchweine 
erzeugen wollen, eine Frühlese aber auch auS bekannten Grün- 
den verwerfen müssen, sollen die Weinlese dann halten, wenn 
die Trauben beim größten Volumen den größten 
Zuckergehalt zeigen. Dieses Stadium zu bestimmen, ist 
keine mathematlsche Aufgabe, sondern man muß in Beziehung 
auf Quantität nach dem Augenschein urtheilen, und in Be- 
ziehung aus Qualität kann daS Aufhören der Zuckerstoffbil- 
dung leicht täglich mit der Mostwage erhoben werden. Stei- 
gen die Zuckerprozeme, ohne daß die Trauben einschrumpfen, 
so wird man bei günstiger Witterung mit dem Wimmeln noch 
zuwarten. 
Wir wiederholen, daß — wer da glaubt, der Zucker ent- 
stünde in den Beeren und nicht durch Vermittlung auf dem 
Blatte, wer ferner glaubt, daß der auf die Traube fallende 
Sonnenschein dieselbe süßer mache — freilich im Rechte ist 
die Traube frei hangen zu lassen und sogar die schützenden 
Blätter abzubrechen. 
In nassen Jahren,' wo gerne die Fäule eintritt, wird man 
sich zu einer frühen Lese veranlaßt finden und sich mit einem 
gehaltloseren Wein begnügen müssen. Fault aber, wie eS 
z. B. bei uns häusig vorkommt, die weiße Sorte, die rothe 
aber nicht, so sollte man erstere Sorte als die Schaden neh- 
mende früher einheimsen.
        

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