Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1874
Erscheinungsjahr:
1874
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1874/118/
dort schleunigst die Wiederaufhebung der Zollfreiheit für alle 
Getreide Arten betreibe. 
Schweiz. Letzten Sonntag hat in St. Gallen das eid 
genössische Schützenfest begonnen. Wir theilen bei dieser Ge 
legenheit unseren Lesern einige interessante Notizen über die Ge- 
schichte der schweizerischen Schützenfeste, die wir einem Aufsatze 
der „BaSl. Nachr." entnehmen, mit Eidgenössische Schützen- 
feste kamen schon km 15. Jahrhundert vor. Eine größere AuS- 
dehnung und neues Leben jetwch bot erst daS Schützenfest in 
Aarau im Jahre 1824. 
ES entstanden eine große Zahl von Gesellschaften. - Da- 
malS war das Fett sehr einfach, man hatte nur über 15,000 
Franken, worunter 2000 Fr. Ehrengaben, zu verfügen, wäh- 
rend das diesjährige Fest über das fünfundzwanzigfache ge 
bietet. So haben sich die Zeiten und die Verhältnisse geändert. 
Damals waren nur wenige Scheiben aufgestellt, und die Fest- 
bauten trugen einen sehr bescheidenen Schmuck. DaS Fest 
dauerte nur 6 Tage (7. bis 12 Juni). Gleich bei dieser 
ersten Feier trat die politische Bedeutung hervor, die daS Volk 
instinktiv in seine Schützenseste legte; der Aargau, dessen Be- 
- standtheile lauter ehemalige Unterthanenländer bildeten, feierte 
in den Zunitagen !824 seine Konstituirung als freier, gleichbe 
rechtigter Kanton. So einfach und prunkloS die Form war, 
so stark und freudig regte sich der Geist. Die nächsten Ver 
sammlungen, die in Bafel, Genf und Freiburg stattfanden, 
hatten alle diese Richtung, und so wurde daS Fest das eidgen. 
Stelldichein für alle Patrioten, welche den von den verbün- 
deten Mächten und dem Patriziat aufgezwungenen BundeSver- 
trag durch eine die Schweiz wahrhaft einigende Verfassung er- 
setzen wollten. 
Mit der Zeit nahmen die Feste an Ausdehnung, Frequenz 
und äußerm Schmuck zu, und schon daS St. Galler Fest von 
1838 wird als ein solches geschildert, daS alle früheren an 
Pracht und Aufwand übertroffen habe. Die Gabensumme be- 
trug schon Fr. 64,200, worunter Fr. 26,500 Ehrengaben., 
lieber die Frequenz giebt der H)urst einige Anhaltspunkte.^ 
ES wurden getrunken 56,000 Flaschen Festwein und 12,000 
Flaschen andere Weine. Die Festhalle von Zürich (1859) 
hatte bereits eine Länge von 320', eine Breite von 218' und 
Raum für 4000 Personen. In Zürich trank man 114,000 
Flaschen Bier und 121,000 Flaschen Wein. Der Schießstand 
war 467' lang und für 96 Scheiben eingerichtet. DaS gegen- 
wärtige Schießen zählt 130 Scheiben auf 4000' und 18 auf 
1500' Distanz; die Festhütte hat eine Länge von 330' und 
ist 64' hoch, und dies scheint nun die stereotype Dimension 
der Festbauten zu bleiben. 
Im Jahre 1861 zählte man nach offiziellen Mittheil- 
ungen 26,038 Mitglieder, heute wird die Zahl etwa 35,000 
betragen. 
Wie das Fest seit 50 Jahren an unglaublicher Ausdeh 
nung gewonnen, in Bezug auf Dimensionen, Höhe der Ehren- 
preise, Frequenz, zweckmäßigere und luxuriöse Ausstattung und 
an politischer Bedeutung, so hat auch die Wassentechmk, die 
Fertigkeit im Schießen und die Zahl der Schützen zugenom- 
men. Im Jahre 1824 schoß man noch mit den alten Stein- 
schloßftutzern. Die Distanz nahm man auf 200—250 Schritt; 
später bei den verbesserten Waffen stieg man auf 350; der 
Feldstutzer, der lange mit den eingerosteten Borurtheilen und 
der alten Praxis der Profefsionöschützen zu kämpfen hatte, er- 
oberte sich eine Distanz von 1000', und heute schießt der ver- 
vollkommnete Hinterlader auf 1500' Distanz. 
Frankreich. Die wichtigste und fast einzige bemerkenS- 
werthe Nachricht, die heute aus Frankreich zu verzeichnen ist, 
ist der Rücktritt deS Finanzministers Magne, nachdem in der 
Kammer seine Finanzprojekte mit der ansehnlichen Majorität 
von 106 Stimmen (362 gegen 256) verworfen worden. Of- 
fenbar ist Magne nicht allein um seiner mißliebigen Finanz 
maßregeln willen gefallen, sondern mehr noch, weil der bona- 
partistische Minister im Kabinet Mac Mahon's vielen Roya- 
listen der Rechten, einem Theile deS rechten CentrumS mit 
Audiffret»Pa6quier an der Spitze und der ganzen republckani- 
schen Linken schon lange ein Dorn im Auge war. 
ES ist daher sehr natürlich, daß der erste geeignete Anlaß 
zu seinem Sturze begierig ergriffen wurde. Für die Bonapar« 
tisten ist der Sturz Magne'S ein empfindlicher Schlag; sie ver 
lieren durch ihn im Kabinet einen schlauberechnenden und ein- 
stußreichen Sachwalter Magne führt inzwischen die Geschäfte 
des Finanzministeriums bis zur Ernennung seines Nachfolgers 
noch fort/ 
Spanien. Aus Spanien kommen schlechte Nachrichten. 
Die Operationen gegen die Karlisten müssen für einige Wochen 
aufgegeben werden, sei eS, weil die Truppen gänzlich deSorga- 
nisirt sind, weil Krankheiten unter ihnen herrschen oder weil 
daS Geld fehlt. Wahrscheinlich wirken diese drei Umstände 
und noch andere Dinge mit. Zabala, übrigens kein hervor- 
ragender Milttär, soll gesonnen sein, den Oberbefehl niederzu- 
legen, der Finanzminister Comacho will ebenfalls zurücktreten. 
Daß ein Mann auf diesem letzteren Posten eS nicht lange auS- 
halten kann, ist begreiflich; denn wie soll er Geld für daS 
Heer und für die Bezahlung der Staatsschuldenzinsen beschaffen 
können, wenn die Kassen immer leer sind, Kredit gar nicht 
vorhanden ist und untersten jetzigen Umstanden keine Steuern 
eingehen? 
Ueber die Exekution eines preußischen Offiziers durch Kar- 
listen berichten preußische Blätter: Der von den karlistischen 
Vorposten bei Villatuerta gefangen genommene Artillerie-Offi- 
zier heißt Schmidt. Wenn er auch zum Theil der spanischen 
Sprache mächtig war, so doch nicht so vollkommen, um sich 
hinreichend verständlich machen zu können. Seine Eigenschaft 
als Korrespondent deutscher Blätter konnte er nicht belegen, 
da er leichtsinniger Weise seine Papiere nicht bei sich trug, 
sondern bei seinem Gepäck gelassen hatte. Ein Fremder, — ' 
ein Deutscher und dazu noch preußischer Offizier im Bereiche' 
der Vorposten — diese Anhaltspunkte schienen eS den Kar 
listen gewiß zu machen, daß man es mit einem Spion, ja — 
waS sein TodeSurtheil war — mit einem „Spion Bismarcks" 
zu thun bätte. Der Beginn der Feindseligkeiten machte die 
Konstituirung eines sofortigen Kriegsgerichts unmöglich; die 
ungünstigen Chancen, unter denen Hauptmann Schmidt ge- 
fangen genommen wurde, sprachen sein „Schuldig" a!S Spion 
auS, und er wurde zum Tode verurtheilt laut Erkenntniß vom 
28. Juni. Jede Vorstellung seinerseits, indem er sich zu jedem 
ehrlichen Dienste bereit erklärte, wurde abgelehnt. Am 29. 
Juni betheuerte er nochmals seine völlige Unschuld, nur Neu- 
gierde habe ihn so weit vorgetrieben, vergeblich; am Abend 
desselben TageS bat er um einen Priester und trat zur katho- 
lischen Kirche über; seine letzte Nacht war gekommen, am 
Morgen deS 30 Juni 5 Uhr empfing er die Sterbesacramente, 
um dann um 6 Uhr mit einer Sektion von 22 Mann und 
Offizieren der republikanischen Armee zusammen in den Tod 
zu gehen. Um 7 Uhr war die Exekution vollstreckt — trotz- ' 
dem der „König" (Don CarloS) einen Kourier mit dem Be- 
fehl, die Exekution unter keinen Umständen auszuführen, zur 
rechten Stunde geschickt hatte. Einen Brief an seinen Bruder 
durfte der Verstorbene noch schreiben; ob er jemals ankommen 
wird? So starb hier ein preußischer Offizier mit dem eisernen 
Kreuze 1. und 2. Klasse und mit dem mecklenburgischen Mi- 
litär-Verdienst-Orden dekorirt. 
Amerika. Die Feier deS 4 Juli, deS Jahrestags der 
Unabhängigkeitserklärung ist, wie der Telegraph meldete, in 
gewöhnlicher Weise vor sich gegangen. In Philadelphia be- 
gann man mit dem Bau des AuSstellungSgebäudeS und die 
große Brücke über den Missisippi in St. Louis, die 9 Millio 
nen Dollars kostet, wurde mit einer imposanten Feier eröffnet.
        

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