Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1874
Erscheinungsjahr:
1874
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1874/111/
Volkswirthschastliches. 
Der Weinstock und der Wein. (Vlll.) 
Der Schnitt des Weinstocks und seine Erziehung. 
(Frei bearbeitet mit Verwerthung von Studien aus Mohr'S 
und Bados Schriften.) 
Mr kommen nun zum Schnitte der Trag reden, 
welche eigentlich den Zweck deS RebstockeS erfüllen. 
Diese fitzen immer am obersten Theile deS Stockes, inso- 
ferne keine Verjüngung desselben vorgenommen wird. Pei ei- 
nem kräftigen Weinstocke werden gewöhnlich zwei der passend- 
ften Tragreben angeschnitten. Die stehenbleibenden verkürzten 
Reben heißen wir Schenkel, daher auch der Name Schen 
kelstock. AlleS übrige einjährige Holz wird als überflüssig knapp 
am alten Holze mit der Scheere weggeschnitten. Wie viele 
Augen an jedem Schenkel stehen bleiben sollen, dafür haben 
wir keine eigentliche Regel. Lei uns sind nur 3—5 Augen 
gebräuchlich. In vielen Weingegenden aber, wo man mehr 
aus ein großes Quantum als auf die Güte deS WeineS sieht 
und die Reben auch besser im Dünger hält, werden 8—10 
Augen gelassen. Die schwachtreibenden Sotten, welche ein 
schwächeres Wurzelwerk haben, aber auch die edelsten Weine 
erzeugen werden gewöhnlich kürzer geschnitten Zu diesen zäh- 
len die hier einheimischen Burgunder und Klevner, dann der 
weiße Rißling und Traminer welche kurz geschnitten in guten 
Lagen die besten Weine liefern. Starktreibende Reben, 
welche längere Äuthen machen, haben auch ein größeres Wur- 
zelwerk; können also auch einen längeren Schnitt ertragen und 
eine größere Anzahl Trauben ernähren und zur Reife bringen; 
z. B. der weiße Räufchling (die Burgauer), die frühe blaue 
Portugieser, Ortlinger, Sylwaner — ihre Weine sind wässri- 
ger und gehaltloser. Diese Sorten, welche mit ihren langen 
kräftigen Wurzeln in einem weiten Umfange deS BodenS ihre 
Nahrung an sich ziehen, nehmen mit einem geringeren Boden 
verlieb; in fetter Erde wird ihre Vegetationskraft zu sehr an- 
geregt. Beim Schnitte sind also die Rebsorten dieser zwei 
Klassen: schwachtreibende und starktreibende wohl 
zu unterscheiden, indem die letzteren einen längeren Schnitt er- 
trägen, als die ersteren. — Kurze Tragschenkel werden beim 
Anbinden nicht gebogen; längere Schenkel mit 6—12 Augen 
müssen am Stocke halb oder gapz gebogen werden. (Bo- 
genreben) Am Drahtgeländer hat man Gelegenheit dieselben 
aus der vertikalen Lage unter einem passenden Winkel von 
20—-60° abzubinden und sie heißett die Anzug- oder Stockreben. 
Senkt man sie aber noch tiefer, bis sie horizontal am Drahte 
liegen, so nennt man sie Ausleger. — Wiederholen wir nun 
der Uebersicht wegen die verschiedenen Benennungen der ge- 
schm'ttenen Rebhölzer am Schenkelstocke, so unterscheiden wir: 
1. Zapfen, Reserve- und Zuzugzapfen, mit nur 2 Augen, 
meist unten am Stocke sitzend, mit der Hauptbestimmung 
Zuchtruthen sür'S künftige Jahr zu erzeugen. Frucht- 
bildung ist Nebenzweck. 
2. Tragschenkel, 
a. kurze Schenkel, mit 3 bis 5 Augen — theilS 
. zur Frucht- und theilS zur Zuchtruthenbildung, 
b. lange Schenkel mit 6 — 10 Augen, welche je 
nach der Lage, in welche sie abgebogen erscheinen, 
dann die Namen ganze oder halbe Bogen, 
Strecker oder Anzugreben und Ausleger 
erhalten. Fruchtbildung ist ihr Hauptzweck. Bei nie- 
deren Reben, wo keine Zapfen nöthig sind, werden 
aus den untersten Augen der Schenkel die Zucht- 
ruthen gezogen; in diesem häufigen Falle erfüllen sie 
zwei Bestimmungen zugleich, nämlich Frucht- und 
Ä Zuchtruthenbildung. 
Nach der Länge einer geschnittenen Rebe (Schenkel) un 
terscheiden wir: 
den Kwzschnitt, 
den Mittelschnitt und 
den Langschnitt. 
ES bleibt uns noch zu bestimmen übrig, wie viele, kürzere 
oder längere Schenkel an einem Weinstocke stehen sollen. Wie 
i wir später noch näher erörtern wollen, hängt dieS nicht allein 
j von der Entwicklung deS Weinstockes, die derselbe schon erreicht 
! hat oder zu erveichen fähig ist , sondern auch von der Größe 
i deS Raumes, welcher ihm angewiesen ist, sowie von der Frucht- 
barkeit deS Bodens ab 
, Man rechnet bei ganz günstigem Boden höchstens 72 bis 
j 84 Augen auf 1 Wiener Klafter Eine dichtere Bepflanzung 
blingt keine Vortheile. Bei uns kommen im Reihensatze mit 
26 W -Zoll Distanz, 7 y 2 Reben auf 1 Klafter, daher wären 
unter günstigen Verhältnissen mehr als 10—-12 Augen per 
Stock nicht räthlich. 
Wollen wir schöne kräftige Zuchtruthen für'S Nächste Jahr 
ziehen, so schneiden wir kurz, laufen dabei aber Gefahr Heuer 
wenig Frucht zu erhalten. Wollen wir viel Frucht bekommen,, 
so müssen wir lang schneiden; wir werden dann aber um so 
schwächere Zuchtruthen für das folgende Jahr erzeugen ujidi 
oft auch die Form deS <5tode& beeinträchtigen. Bei Stöcken, 
welche zu ihrer Fruchtbarkeit den Lang schnitt erfordern, muß 
man einen Mittelweg einschlagen. Man muß an jedem Stocke 
(oder an jedem Seitenaste bei größeren Stöcken) eme tiefer 
stehende Rebe mit 2 Augen und eine höher stehende mit 8—- 
12 Augen zu Bogen oder Ausleger stehen lassen. DaS untere 
Holz tragt zwei schöne Zuchtruthen sür'S nächste Jahr, von 
denen dann die untere Ruthe (Zapfen) wieder mit 2 Augen 
und die obere (Tragschenkel) lang zu schneiden ist. DaS alte 
Fruchtholz wird als unnütz knapp vom Stocke abgeschnitten. 
Auf diese Weise werden die drei Anforderungen der Be- 
ständigkeit, der Form und der Erzeugung von schönem Holz 
und schönen Früchten völlig erfüllt. 
Aber auch beim Kurzschnitt eines SchenkelftockeK mit 
normaler Größe ist eS zweckmäßig 2 Hölzer oder Reben stehen 
zu lassen — nebst allfälligen tiefer am Stocke sitzenden Zapfen, 
welche wenn nöthig zur Verjüngung der Rebe stehen bleiben. 
Jeder Stamm (oder Hauptast bei Spalieren und größeren 
Stöcken) soll immer 2 Reben haben, auf welche er den Saft 
leitet. Die untere Rebe wieder mit 2 Augen für die Holzer- 
zeugung, die obere mit einigen Augen mehr zur Fruchtbildung. 
So wiederholt sich die gleiche Operation alle Jahre, bald kür- 
zer bald länger im Schnitte. 
Der Schenkel für die Zuchtruthen muß senkrecht gebunden, 
der längere Tragschenkel aber muß mehr abwärts gebogen und 
in dieser Lage befestigt werden, um die Saftströmung zu ver- 
langsamen und auf alle Triebe gleichmäßiger zu vertheileck 
Wenn wir nun im günstigsten Falle aus jedem Auge im 
engen Reihensatze mit 26" Distanz 2 Trauben produzieren, so 
könnte ein guter Rebstock 12 bis 30 Trauben tragen. Selten 
aber besteht ein Weinberg aus lauter kräftigen Reben, so daß 
die Durchschnittszahl des erzielbaren TraubenquantumS in eine» 
guten Jahre wohl mehr als um die Hälfte kleiner ist. 
Rechnen wir einen Schoppen Wein als JahreSertrag auf 
einen Weinstock, fo bekommen wir auf 100 Klafter (ä Klafter 
36a') 748 Schoppen oder 187 Maß Wein, rvozu eine vor- 
zügliche Ernte nöthig ist. Zu einem Schoppen Traubensaft 
find aber wenige mittelgroße Trauben erforderlich. 
Jede Gegend hält ihre Art Schnitt und Erziehung für die 
beste. Manche beschränken die Menge der zu erwartenden 
Frucht aus ein sehr kleines Maß, um die Früchte recht edel zu 
bekommen und andere lassen lange Reben stehen und ernten 
zahlreiche Trauben. Außer der Meinung *>er Menschen hat 
die Natur des BodenS einen besondern Einfluß, so daß man 
allmälig in jeder Gegend diejenigen kleinen Abweichungen an- 
nimmt, welche der Oertlichkeit am besten entsprechen. Die Grund-
        

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