Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1874
Erscheinungsjahr:
1874
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1874/103/
Weiber und Kinder mitsammt den Munizipalbeamten in einen 
untern Raum hinabstürzten. Zum Glück kamen die weiften 
mit leichten Quetschungen davon; immerhin sind einige schwere 
Verwundungen und Todesfälle zu beklagen. 
Frankreich. Die Nationalversammlung hat am t5. d. 
für den durch den Deputirten Perier eingebrachten Antrag 
deS linken Zentrums, welcher die definitive Konstituirung der 
Republik unter der 7jährigen Präsidentschaft von Mac Mahon 
verlangt, mit 345 gegen 341 Stimmen die Dringlichkeit, d. h. 
die sofortige Überweisung desselben „an den konstitutionellen 
Ausschuß beschlossen. Diese schwache Mehrheit erregt gerechten 
Zweifel, ob der prinzipielle Entscheid wirklich praktische Gestalt 
gewinnen werde. Als ein gutes Zeichen ist eS immerhin zu 
betrachten, daß der in gleicher Sitzung der Nationalversamm- 
lung gestellte Antrag von Larochefoueauld (französischer Bot- 
schafter in London) auf Herstellung der Monarchie mit Mae 
Mahon als Generalstatthalter und dessen Zuweisung an die 
VerfassungSkommission verworfen wurde. Die Minister haben 
sich an der bezüglichen Debatte nicht, betheiligt, indem sie die 
Nationalversammlung allein die Herrin ihrer Entscheidungen 
sein lassen und aus einer Dringlichkeitsfrage keine KabinetS- 
frage machen wollten. 
'Die Mehrheit, welche die Republikaner erlangten, ist ver- 
schwindend klein und noch ist der Vorschlag des linken Zen 
trums nicht angenommen Nicht alle Deputirten waren M- 
wesend. Die Möglichkeit ist Durchaus nicht ausgeschlossen,, daß 
die Mehrheit sich noch verschieben könnte ; gewiß M daß. eö 
die Gegner der Republik nicht an Anstrengungen werden fehlen 
lassen, um die alte Kammermehrheit wieder herzustellen. Ge- 
lingt aber der Plan des linken Zentrums doch, so muß daö 
Ministerium fallen. Hat eS sich bis jetzt auch um die Nieder- 
lagen in der Kammer nicht bekümmert, so könnte es, da kein 
einziger Republikaner in ihm vertreten ist, doch nicht die Ge- 
schäste einer definitiven Republik leiten. 
Doch sei dem, wie ihm wolle — die Ereignisse drängen 
mit Macht zur Vereinfachung deö Kampfes, zum Verlässen der 
bisherigen Art der Kriegführung und zum Entscheid über die 
kurze aber inhaltschwere Frage: Republik oder Kaiserthum. 
Rouher und Gambetta repräsentiren zwei Systeme in der 
schärfsten und unversöhnlichsten Gestaltung. Rouher ist daö 
Kaiserreich mit dem Säbel in der Faust, Gambetta die Republik, 
welche ihrerseits die Waffe gegen Jeden kehrt, welcher sich gegen 
dieselbe auflehnt. Sie vertreten beide die Thatkraft und find 
deshalb stets die ultima ratio ihrer Partei. 
Gambetta umschwebt noch immer der Glanz deS nationalen 
Heroismus, und wenn er gegen das Kaiserreich auftritt, so 
tritt zugleich der heldenmüthige Widerstand der Nation seit 
Sedan aus der Vergangenheit hervor. Da mißt sich der kläg 
liche Egoismus, welcher den Fall deS Vaterlandes verschuldete, 
mit der Spannkraft des französischen Geistes und der Auf- 
Opferungsfähigkeit der Nation. Gambetta hat den Imperialisten 
in der Kammer Donnerworte entgegengeschleudert, von welchen 
sich die Männer vom 2. Dezember und vom 2. September 
kaum mehr erholen werden. 
Spanien. Die amtliche Madrider Zeitung vom 18. d. 
meldet, eS seien 12,000 Karlisten unter dem Oberbefehl deS 
Infanten Don Alfonfo bei Alcora (Provinz Valencia) von 
den Regierungötruppen geschlagen worden, wobei der Infant 
Heinrich von Bourbon (ein Sohn des verstorbenen OheimS 
der Exkönigin Jsabella) gefallen sei. — Vom nördlichen Kriegs- 
schauplatz wird gemeldet, daß dieKqrlisten sich bei Monte Jurra 
konzentriren und alle in der Umgegend von Estella vorgefundenen 
Lebensmittel, Wagen und Pferde mitgenommen haben. 
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Volkswirthschaftliches. 
Der Weinstock! «nb der Wein. (VI.) 
Der Schnitt des WeinstoSs und seine Erziehung. 
(Frei bearbeitet mit Verwerthung von Studien aus Mohr'S 
und BaboS Schriften.) 
An keiner Pflanze wird soviel geschnitten, gezwickt, gebogen 
und dem natürlichen WachSthume Gewalt angethan, wie dem 
Weinstocke. Bereits in jeder Weingegend können wir «ine an- 
der« Behandlung desselben sehen. Beim Durchlesen der Schriften 
anerkannter Fachmänner finden wir öfters ganz verschiedene 
Angaben über die Erziehung und den Schnitt deS WeinftockeS. 
ES kann auch hier derselbe Zweck auf mänigfaltige Art erzielt 
werden; doch führen spezielle Verhältnisse jeder Gegend — 
Klima, Bodenart —so wie auch die Sorte der Weinrebe selbst 
zur Wahl der Schniitart. Im Süden wird das alte Holz 
hoch gezogen und die Traube reist im luftigen Laubdache ; im 
Norden, wozu wir auch unser Rheinthal rechnen, wird der 
Stock kurz gehalten, damit die Trauben näher am erwärmenden 
Boden hängen und weniger von den kalten Windströmungen be- 
rührt werden. 
Die einjährige Trag rede, welche immer und überall 
zurück gekürzt wird, erkivet eine vetschiedeijärtige Behandlung, 
auf welche die Form deS ©lockt» aüb Sie SorIe der Rebe 
rncht geringen Einfluß Äehmen^Mer will Kit Sicherheit ent 
scheiden, was .nun da das Beste ist?- Kurze oder lange Schenkel 
und Zapfen (Traghölzer) BorM, Ausleger und Streckreben 
werden m verschiedener Weise aUsgebiiiiben Allein die viel« 
jährige Erfahrung der Wemzüchter hat in den einzelnen Gegenden, 
wo die Kultur des WeinftockeS, wie bei uns, vorangeschritten 
ist, bereits entschiedet An den» Bestehenden und meist Er- 
probten darf nur mit Vorsicht und auf Grundlage bewährter 
Versuche etwaS geändert Werden. Die speziellen Verhältnisse 
bedingen einen gewissen Schnitt, der «tn vielen Orten durch 
Jahrhunderte lange Erfahrung festgeMt ist. In manchen 
Gegenden blieb aber auch bei der Kultur des WeinftockeS das 
Fehlerhafte eben so lange kleben, namentlich dort, wo nicht in« 
telligente Weinbergbesitzer mit dem Beispiele vorangingen. Ein 
gelungener Versuch, von dessen Vortheil der Rebmann mit 
eigenen Augen sich überzeugen kann, findet leicht Eingang und 
fördert mehr alS schriftliche und mündliche Belehrung. 
Bevor wir näher auf raS Beschneiden dir Rebe eingehen, 
wollen wir die Ursachen deS Schnittes in Betracht 
ziehen. Wir werden dabei andere Eigenschaften deS WeinftockeS 
näher kennen lernen und damit auch die Gründe, welche die 
ein« oder die andere Art deS Schnittes bedingen. 
a. Die Ursachen des Schnittes. 
Der Weinstock zeigt im Laufe des ZahreS in Bezug auf 
Säftebewegung große Unterschiede. Im Frühjahr beginnt bei 
zunehmender Wärme der Saft zu steigen — eS ist das Erwachen 
der Rebe aus ihrem Winterschlafe. Tritt Föhnwind mit warmen 
Nächten hinzu, so beginnt dieser Prozeß bei unS leider meistens 
zu frühzeitig. — Die abgeschnitten« Rebe wird am Schnitt« 
naß, läßt tropfenweise Wasser ausfließen — sie weint Es ist 
ein Zrrthum zu glauben, daß diese Saftverluste dem Rebstocke 
von großem Nachtheile seien. Der Ueberfluß deS SasteS, welcher 
im Frühjahre in so großem Vorrathe in den Saugwurzeln an- 
gehäuft ist, um auch alle abgeschnittenen Zweige zu füllen und' 
Hunderte von Augen in üppige Trieb« zu verwandeln, diese 
Ueberfülle fließt ab. Die Wunde trocknet ein und vernarbt. 
ES bleibt genug Saft zurück, um die wenigen ftehen.gelaffenen 
Augen reichlich zu speisen; diese schwellen nun an und treiben 
in grüne Ruthe» aus. Die Kraft, womit die Rebe den Saft 
in die Höhe treibt ist sehr bedeutend. Bei keiner Pflanze ist st« 
so groß und die herausgequollene Feuchtigkeit so reichlich, als 
gerade im Weinstocke. Bei einer treibenden Rebe ist die Ent« 
Wicklung der Aug?» um so größer, je näher sie am oberen Ende
        

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