Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1873
Erscheinungsjahr:
1873
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1873/97/
vorgehe, alsbald ein Rückschlag erfolgen müsse, der in seiner weiteren 
Konsequenz zur vollständigen Deroute sich gestalten könnte; ich ^ 
fürchte, daß ich nur zu sehr Recht gehabt. Die Kurse sind, 
nachdem daS' Eingreifen des Komite'S den dort gehegten Er- 
Wartungen auch nicht annähernd entsprochen hat, und nachdem 
gleichzeitig die Creirung eineS Garantiefonds zur Deckung etwai- 
ger Verluste der ausgesprochensten Gleichgiltigkeit in den zur 
Bildung dieses Fonds zunächst betheiligten Kreisen begegnet, 
neuerdings in einer Weise zurückgegangen, daß abermals das 
ärgste zu besorgen ist, und daß man bereits, da die Regierung, 
wenn man ihr auch den besten Willen nicht absprechen kann, 
auS eigener Machtvollkommenheit nicht in der Lage ist, die 
StaatShülfe in größerem Maß und Umfang als bisher zu ge 
währen, die Einberufung des Reichsraths zu einer außerordenr- 
lichen Session ins Auge zu fassen beginnt. — 
In Oesterreich nimmt der Eigarrenkonsum solche Dimen- 
fronen an, daß die bisher bestandenen Cigarrenfabriken zur Be- 
wältigung der Anforderungen nicht genügen und immer neue 
errichtet werden müssen. Namentlich das Jahr 1872 ragt hierin 
Hervor; es entstanden acht Fabriken. Der Cigarrenabsatz aus 
den inländischen und ausländischen Fabriken erreichte im Jahre 
1872 1,019,638,658 Stück inländische und 4,688,085 aus 
ländische. 
Schweiz. Zu der schweizerischen Volksversammlung vom 15. 
Juni in Äolothurn haben sich gegen 30,000 Theilnehmer eingefun- 
den. Der CentralauSschuß hat folgende RevisionSanträge festge- 
stellt: Hebung und nationale Gestaltung der Wehrkraft, einheitliche 
wahre volkswirthschaftliche Reformen, Erweiterung deS indi 
viduellen Rechtes, allgemeines Schweizerbürgerrecht, obliga- 
torische unentgeltliche und der Führung der Geistlichkeit enthobene 
Volksschule, C'.vilehe, CivilftandSregister, Wahrung der Bundes- 
Hoheit gegen unrepublikanische und nicht nationale Kirchenorgani- 
sationen und Anstalten, und Aufhebung der Nuntiatur und 
der nicht national republikanisch organisirten Bisthümer. 
Graubünden. Nach dem „Fr. Rhät." herrscht im gan- 
zen Engadin die Maul- und Klauenseuche. 
Thurgau Die „Konstanzer Zeitung" meldet unterm 14. 
d.: Ganz unerwartet ist die Kaiserin Eugenie mit dem Prin- 
zen Louis Napoleon heute mit dem gewöhnlichen Zuge um 10 
Uhr 35 Min. in Konstanz angekommen und mit einem Ge« 
fpfe von 3 Damen und 3 Herren in zwei offenen Wagen 
nach Arenaberg gefahren. Die Kaiserin war so dicht verschleiert, 
daß man ihre Züge nicht erkennen konnte. Der Prinz ist ein 
schlanker junger Mann geworden, der das schwächliche AuS- 
sehen von früher fast ganz verloren hat. Die große Nase er- 
innert sehr an seinen Vater, wie ihm überhaupt eine unver- 
kennbare Ähnlichkeit mit Napoleon III. nicht abzusprechen sein 
wird. 
hat gesagt, der Komet, der am Himmel heraufgezogen, befruchte 
mit seinen wunderbaren Strahlen die Erde, so, daß sie aus den 
tiefsten Schachten alle Gluth, die die edlen Metalle kocht, heraus- 
strömen und ausdunsten werde in die, durstigen Reben, die in 
üppigem Gedeihen Traub' auf Traube hervorarbeiten,. und das 
flüssige Feuer, von dem sie getränkt, hineinsprudeln würden in 
das Gewächs. Erst nach beinahe dreihundert Jahren werde solch' 
günstige Constellation wieder eintreten. Da. wird's nun Arbeit 
geben die Hülle und die Fülle. Und dazu kommt noch, daß auch 
der hochwürdige Herr Bischof von Bamberg an mich geschrieben 
und ein großes Faß bei mir bestellt hat. Damit können wir 
nicht fertig werden, und es thut 9öoth, daß ich mich noch um 
emen tüchtigen Gesellen umschaue, Nun möcht ich aber auch nicht 
gleich Diesen und Jenen von der Straße unter uns aufnehmen, 
und doch brennt mir das I^uer auf den Nägeln. Wenn Ihr, 
eiuen.Luackern Gesellen wo wißt, den Ihr -unter Euch leiden möchtet, 
so sagt's nur, ich schaff ihn her und sollt' es mir auch ein gutes 
Stück Geld kosten." Kaum hatte Meister Martin dies gesprochen/ 
-als ein junger Mensch von hohem, kräftigem Bctu mit starker 
Frankreich. In einem Brief an. die Einwohner von 
Nanzy erklärt Thiers, er habe sich zurückgezogen, weil er 
tief überzeugt sei, daß eine Partei-Regierung in Frankreich ein 
Widersinn wäre und die bestehenden Spaltungen nur noch ver- 
mehren würde. In Frankreich sei eine gegen Unordnungen 
energische, aber hinsichtlich, der Parteien friedfertige und nicht 
faktiöse Regierung nöthig. Er habe nicht eine Politik befolgen 
wollen, die weit entfernt sei, die Majorität des Landes für 
sich zu haben. Thiers kehrt zu ruhiger, historischer Beschäftigung 
zurück. 
In Frankreich hofft man, daß die bisherige Einigkeit der 
Bonapartisten und der Parlamentaristen nicht lange dauern 
werde, und daß man auf den einzigen natürlichen Weg, die freisin- 
nige Regierung einer gemäßigten Republik, wie eS daS Ziel 
Thiers gewesen, zurückkehren werde. Das wäre nun sehr schön, 
aber uns will bedünken, daß die Dinge einen andern Weg 
gehen. Die Thätigkeit, die Unverschämtheit und die Sieges- 
zuversicht der Bonapartisten wächst mit jedem Tage, ihre 
Blätter führen eine Sprache, die nicht mißzuverftehen ist. Liegt 
da nicht die Gefahr mehr als nahe, daß die jetzige Regierung 
nur für die Bonapartisten arbeitet? Denn von den monarchi 
stischen Parteien ist die bonapartistische diejenige, welche daS 
Land am wenigsten theilt. Der Stein der Geschichte rollt zwar 
langsam, in dem unruhigen und wetterwendischen Frankreich 
jedoch vollziehen sich geschichtliche Thatsachen mit abnormaler 
Schnelligkeit. Hellte Republik und Morgens Monarchie und 
so im Wechsel voran. Die Franzosen ergötzt eben der Wechsel. 
Spanien. DaS arme Spanien ist. der Schauplatz neuer 
Umwälzungen geworden. Nachdem die alte Regierung Figue- 
raö-Castelar wieder befestigt schien, überrascht uns schon wieder 
die Nachricht einer abermaligen Krisis. Und zwar ist diese 
Krisis nahe daran gewesen, in einen Bürgerkrieg auszuarten. 
Die Telegramme über den Vorfall sind wie gewöhnlich dunkel 
Soviel man befähigt ist aus denselben zu errathen, hat der 
Republikaner Pivy Margall den Republikaner Figueras gestürzt 
und zwar mit Hülfe der Rechten und auS der Rechten und 
Linken ein Eoalitionsministerium gebildet. Ein artiger Borgs- 
schmack dessen, was etwa nun folgen muß. 
Amerika. In Ciucinnati ist die Cholera ausgebrochen. 
Die durchschnittliche Zahl der täglichen Todesfälle ist 15 In 
Memphis und Nashville fordert sie ihre Opfer besonders unter 
den Negern. 
An Feuersbrünsten hat Amerika ebenso wenig Mangel wie 
Europa. Ein Jahr, ein Monat und ein Tag waren im No 
vember 1872 seit dem großen Brande von Chicago verflossen, 
als in Boston ebenfalls 750 Häuser abbrannten; und jetzt 
sind am 30. Mai abhin in Boston wieder eine Anzahl Ge- 
Stimme hineinrief: „He da ! ist das hier Meister Martins Werk 
statt?" „Freilich," erwiederte Meister Martin, indem er aus den 
jungen Gesellen losschritt, „freilich ist sie das; aber Ihr braucht 
gar nicht so mörderlich hinein zu schreien und zu tappen, so kommt, 
man nicht zu Leuten." „Ha, ha, ha," lachte, der junge. Gesell,. 
Ihr seid wohl Meister Martin selbst, denn so mit dem dicken. 
Bauche, mit dein stattlichen Unterkinn, mit den blinzelnden Augen,, 
mit der rothen Nase., gerade so ist er mir beschrieben worden. 
Seid mir schön gegrüßt, Meister Martin." „Nun,, was wollt 
Ihr denn vom Meister Martin?" fragte dieser ganz unmuthig. 
„Ich bin," antwortete der junge Mensch, „ich bin ein Küper- 
gesell und wollte nur fragen, ob ich bei Euch m Arbeit kommen 
könnte." Meister Martin.trat vor Verwundernng, daß gerade in 
dem Augenblick, als er gesonnen.war, einen Gesellen zu suchen, sich, 
einer meldete, ein paar Schritte zurück und. maß den jungen 
Menschen vom Kopf bis zum Fuße. Der schaute ihn aher keck 
an. mit blitzenden Augen. 
(Fortsetzung folgt.)
        

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