Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1873
Erscheinungsjahr:
1873
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1873/84/
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Nachbarlandes auszudehnen. Das Verhältmß Deutschlands zu 
der neuen Regierung Frankreichs werde sich einzig nach der 
Haltung bestimmen, welche dieselbe bezüglich der Erfüllung der 
vertragsmäßigen Verpflichtungen beobachte. Der Artikel de- 
zweifelt, daß die der neuen französischen Regierung zugeschrie< 
denen konfessionellen Gesichtspunkte erfolgreich in Frankreichs 
auswärtiger Politik zur Geltung gelangen sollten; unter allen 
Umständen dürfe Deutschland mit völliger Sicherheit und Ruhe 
auf die ncue Entwicklung der französischen Verhältnisse blicken. 
Oesterreich. Es sind Gerüchte im Umlauf, daß in Folge 
der Börsenkatastrophe auch mehrere Erzherzoge, darunter der 
jüngste Bruder des Kaisers, bedeutende Verluste erlitten haben. 
Ueberhaupt wird versichert, daß die Hofkreise sich stalk am 
Börsenspiel betheiligten 
Die „Neue Freie Presse" konstatirt die Besserung der 
Physiognomie deS Geldmarktes und sagt: daß man maßgeben- 
derseitS bemüht sei, die fortgesetzten Exekutionen durch die Be- 
schaffung eineö auSgiebt'gen AuShülfSfondS zu verhindern. 
WaS Spanien betrifft, so sollen Oesterreich, Deutschland 
und Rußland jetzt übereingekommen sein, in demselben Augen- 
blicke, wo die konstituirenden KorteS der faktisch bestehenden 
RegierungSform die rechtliche Weibe geben, die formelle Aner- 
kennung der neuen Ordnung der Dinge auszusprechen. 
Frankreich. Die Ereignisse in Frankreich nehmen gegen 
wärtig das Hauptinteresse aus dem politischen Weltmarkt in 
Anspruch. Wir haben bereits in der letzten Nummer die Ent- 
Wicklung dieser politischen KrisiS mitgetheilt. 
Heir Thiers ist von dem politischen Schauplatz nun ab- 
getreten. Er nimmt den Ruhm mit sich, seine Pflicht in vollstem 
Maße erfüllt zu haben. 
^Wohl nie hat ein Staatsmann die Leitung eines großen 
Staates unter gleich großen Schwierigkeiten übernommen, unter 
denen Herr Thiers die Regierung Frankreichs am 17. Februar 
1871 angetreten hat, und wohl nie hat ein Staatsmann in 
so kurzer Zeit gleich große oder nur annähernd große Erfolge 
errungen, wie Herr Thiers in den neun Vierteljahren seiner 
Präsidentschaft. Als er die Regierung übernahm, war die 
Hälfte Frankreichs vom Feinde besetzt, die Armee theils in 
Gefangenschaft, theilö außer Stand, daS Feld zu behaupten, 
die Verwaltung.deS Staates aus Rano und Band, die Finanzen 
ein Ding, von dem man nicht wußte, ob eS überhaupt wieder 
in ein organisches Leben zmückgerufen werden könne; denn 
abgesehen von einer alle bisherigen Voistellungen übersteigenden 
Kriegeentschädigung waren tiefe vom Kriege geschlagene Wim« 
den zu heilen. Niemand mochte damals wohl sagen, ob fünf, 
ob zehn Jahr erforderlich seien, bis geordnete Verhältnisse in 
der Staatswirthschaft wiederhergestellt sein würden. Kaum 
hatte Thiers sein Amt angetreten, als der Kommune-Aufstand 
in Paris ausbrach — ein Aufstand, der an Gefährlichkeit alle 
frühern Aufstände, an denen die französische Geschichte doch 
keineswegs arm ist, übertraf. Der Aufstand wurde niederge- 
worfen und dadurch der Armee das verlorene Selbstvertrauen 
wieder verschafft, ein nicht geringer Gewinn. Unermüdlich ar 
beitete nun Herr Thiers an der Befreiung des Landes von den 
fremden Truppen. Jnnechalb kaum eines IahreS brachte er zwei 
Anleihen zu Stande, die durch ihren Erfolg, wie durch ihre 
Höhe alle bisherigen Anleihen überragten. Der Abzug der 
deutschen Truppen konnte bestimmt in'S Auge gefaßt werden 
und bald ein Vertrag zu Stande kommen, der denselben um 
zwei volle Jahre früher festsetzte, als ursprünglich stipulitt 
worden war. Das Verdienst für diese Erfolge gebührt aus» 
schließlich Herrn Thiers; daS Vertrauen, welches doch eine 
sehr wesentliche Voraussetzung jenes Vertrages war, ist ein 
höchst persönliches, mit Herrn Thiers verbundenes gewesen. 
Wie daS Zustandekommen, namentlich der zweiten großen An« 
leihe, daS Werk deS Herrn Thiers war, so ist eS auch sein 
Werk, daS Gleichgewicht im Staatshaushalt wiederhergestellt 
zu haben. 
Freilich hat Herr Thiers eS nicht vermocht, dem Staate 
Einrichtungen für die Dauer zu schaffen Diese Aufgabe über- 
stieg seine Kräfte. Der Zwist unversöhnlicher Parteien hinderte 
daS Zustandekommen dauerhafter Zustände. Thiers ist in seinen 
Bemühungen daran gescheitert, wie jede andere Kraft in Frank- 
reich schon längst daran gescheitert wäre. 
Sein Nachfolger, Marschall Mac Mahon, Herzog von 
Magenta, hat die Hinterlassenschaft angetreten. Er ist durch 
und durch Soldat, aber kein Staatsmann, wie er sich bei 
der Entgegennahme der Präsidentschaft auch selbst ausdrückte. 
Von seiner Pflichttreue ist zu erwarten, daß er die Republik 
erhalten wird, wie er sie überkommen. 
Seine Botschaft an die französische Nationalversammlung 
lautet: 
„Meine Herren Volksvertreter! 
Von der Nationalveisammlung zur Präsidentschaft beru- 
fen, habe ich ohne Verzug die Ausübung der Befugnisse übe:- 
nommen, die Sie mir anvertraut, und ein Ministerium ernannt, 
dessen Mitglieder alle aus ihren Reihen hervorgegangen sind. 
Ich war dabei von dem Gedanken durchdrungen, dem daS 
Kabinet selbst in seinen Handlungen stets Folge geben wird, 
zu jeder Zeit auf das Genaueste Ihrem Willen gemäß zu ge- 
horchen. Das Recht der Majorität ist die Regel aller pa«la- 
mentarischen Regierungen, und hauptsächlich in Anwendung zu 
bringen in unfern gegenwärtigen Institutionen, wo die Exeku- 
tivgewalt nur eine Delegation der Nationalversammlung ist, 
der allein die wirkliche Autorität zukommt. Mit Hülfe deS 
Landes und deS glorreichen Mannes, dessen Stelle ich ein- 

rings umher rauschten die düstern Bäume des fernen Waldes. 
Da zogen Friedrich und Reinhold hinab, spielend und singend, 
und hell und klar, wie auf leuchtenden Schwingen, wogten die 
süßen Töne ihrer sehnsüchtigen Lieder durch die Lüste. Im Nacht- 
lager angekommen, warf Reinhold Laute und Reisebüudel schnell 
ab und drückte Friedrich stürmisch an seine Brust, der auf seinen 
Wangen die brennenden Thränen fühlte, die Reinhold vergossen. 
Wie die beiden jungen Gesellen, Neinhold und 
Friedrich, in Meister Martin's Hause aufgenommen 
wurden. 
Als am andern Morgen Friedrich erwachte, vermißte er den 
neuerworbenen Freund, der ihm zur Seite sich auf das Stroh- 
lager geworfen hatte, und da er auch Laute und Reisebündel nicht 
mehr sah, so glaubte er nicht anders, als daß Reinhold ans 
ihm unbekannten Ursachen ihn verlassen und einen andern Weg 
eingeschlagen habe. Kaum trat Friedrich aber zum Hause hinaus, 
als ihm Reinhold, Reisebünd'el auf dem Rücken, Laute unterm 
Arm, ganz anders gekleidet als gestern, entgegentrat. Er hatte 
die Feder vom Baret genommen, das Schwert abgelegt und statt 
des zierlichen Wamms mit dem Sammetbesatz ein schlichtes Bür- 
gerwamms von unscheinbarer Farbe angezogen. „Nun," rief er 
fröhlich lachend dem verwuuderten Freuud entgegen, „nun, Bru- 
der, hältst Du mich doch gewiß für Deinen wahren Kumpan 
und wackern Kameraden! — Aber höre, für einen, der in Liebe 
ist, hast Du tüchtig genug geschlafen. Sieh' nur, wie hoch schon 
die Sonne steht. Laß uns gleich fortwandern." — Friedrich war 
still uud in sich gekehrt, er antwortete kaum auf Reinhold's Fra- 
gen, achtete kaum auf seine Scherze. Ganz ausgelassen sprang 
Reinhold hin und her, jauchzte und schwenkte das Baret in den 
Lüften. Doch auch er wurde stiller und stiller, je näher und 
näher sie der Stadt kamen. „Ich kann vor Angst, vor Beklom- 
menheit, vor süßem Weh nicht weiter, laß uns hier ein wenig 
ruhen." So sprach Friedrich, als sie schon beinahe das Thor 
von Nürnberg erreicht hatten, und warf sich ganz erschöpft nieder 
in das Gras. Neinhold setzte sich zu ihm und sing nach einer 
Weile an: „Ich muß Dir, mein herziger Bruder, gestern Abend 
recht verwunderlich vorgekommen sein. Aber, als Du mir von
        

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