Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1873
Erscheinungsjahr:
1873
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1873/72/
Liechtenstein kann wohl, was Schulung seiner Bewohner 
betrifft, den Vergleich mit den hierin günstigst prädizirten Staa- 
ten aushalten. 
Vaterländisches. 
Vaduz, 11. Mai. Gestern versammelten sich im Schlosse 
zu Vaduz auf Anregung des Hrn. LandeSverweserS von Hausen 
circa 50 Männer aus verschiedenen Gemeinden deS Landes 
zur Berathung der Statuten für die neugegründete liechten- 
steinische ViehversichmmgS-Gesellschaft Die nächste und Haupt- 
sächlichste Veranlassung zu dieser Gründung gaben sowohl die 
schlimmen Erfahrungen, welche die in unserem Ländchen stark 
verbreitete Viehassekuranz „ApiS" hinterlassen hat, alS auch die 
Ueberzeugung, daß für den einzelnen Viehbesitzer die theilweise 
Sicherstellung eines so großen Kapitals, wie es heutzutage im 
Viebstande repräsentirt wird, eine wichtige Sache sei; endlich 
wollte man die nicht unbedeutende Summe der Prämiengelder 
eher einer inländischen, auf festen Grundlagen ruhenden Ge 
sellschaft zuwenden, als einer unsicher» ausländischen. 
Der neugegründete Verein beruht auf Gegenseitigkeit und 
gewahrt jedem Mitglieds im Unglücksfalle einen Schadenersatz 
von % des aufgenommenen Schätzungswertes. Im Gegen- 
satze zu andern derartigen Gesellschaften ist Direktion und Ver- 
waltung sehr einfach zusammengesetzt. Die DireklionSgeschäfte 
hat Herr Landesverweser von Hausen freiwillig über sich ge- 
nommen und verdient sowohl dieses UmstandeS wegen, als auch 
wegen der raschen und günstigen Organisation deS Vereines 
die vollste Anerkennung Bis jetzt haben sich nahezu 300 Vieh- 
bescher zum Eintritte angemeldet. Eine eingehende Beleuchtung 
der beschlossenen Statuten wird später folgen. 
Vaduz, 14. Mai Unser Landsmann, der Komponist Josef 
^Rheinberger, welcher bekanntlich Professor am Münchener Eon 
servatorium ist. hat wieder eine neue Oper: „DeS ThürmerS 
Töchterlein" auf die Bühne gebracht. Ein Beweis, wie ehren- 
voll feine Werke anerkannt werden, liefert eine Stelle aus einer 
diesbezüglichen Kritik der „Allg. AugSb. Ztg.", die wir hier 
folgen lassen. Dieses Blatt schreibt: „Die neue komische Oper: 
„Des Thürmers Töchterlein" ist eine Schöpfung deS Kompo 
nisten I. Rheinberger, der durch seine Oper: „Die sieben Raben" 
und noch mehr durch seine Wallenstein-Symphonie sich längst 
eine ausgezeichnete Stellung in der musikalischen Welt errungen 
hat, und ein neuer Beweis für feine künstlerische Begabung 
sowohl, als sein reines, durchweg edles Bestreben, dieselbe in 
würdigen Leistungen zum Ausdruck zu bringen. Mit vollende- 
ter Technik geht ein nicht großartiges, aber liebenswürdiges 
ErfindungStalent Hand in Hand und offenbart ein mehr zu 
Habsucht finden wolltet. Und noch wäre Alles gut gegangen, 
wenn Ihr spracht: „Ja mein lieber würdiger Herr, wenn Ihr 
selbst kämt als Brautwerber mit Euerm Sohne, ja auf solche 
hohe Ehre war' ich nimmer gefaßt, da würd ich wanken in 
meinen festen Entschlüssen. Ja wenn Ihr so spracht, was wäre 
dann davon anders die Folge gewesen, als daß der alte Span- 
genberg, die vorige Unbill ganz vergessend, heiter gelächelt und 
guter Dinge geworden wie vorher. „Scheltet mich nur," sprach 
Meister Martin, „scheltet mich nur wacker aus, ich Hab' es wohl 
verdient, aber als der Alte solch' abgeschmacktes Zeug redete, es 
schnürte mir die Kehle zu, ich konnte nicht anders antworten. * — 
„Und dann," fuhr Paumgartner fort, „und dann der tolle Vor- 
satz selbst, Eure Tochter durchaus nur einem Küper geben zu 
wollen! Dem Himmel, spracht Ihr, soll Eurer Tochter Schicksal 
anheim gestellt sein, und doch greift Ihr mit irdischer Blödsinnig- 
keit dem Nachschluß der ewigen Macht vor, indem Ihr eigensin- 
nig festsetzt, aus welchem kleinen Kreise Ihr den Eidam nehmen 
wollt. Das kann Euch und Eure Rosa in's Verderben stürzen. 
Laßt ab, Meister Martin, laßt ab von solcher unchristlicher kin- 
sinnigem Ernst geneigtes, als von Humor überströmendes Ge- 
müth. Seine Melodien sind empfunden und gut gebaut, feine 
Instrumentation ist charakteristisch und gewählt, und nament- 
lich einzelne mehrstimmige GefangSnummern sind warm und 
schön. Die Behandlung im Ganzen hält zwischen der alten 
Opernform und dem Wagner'fchen Musikdrama eine klug ge 
wählte Mittelbahn ein: sie schreitet dramatisch fort, ohne an 
geeigneter Stelle auf breiteren lyrischen Erguß zu verzichten." 
Politische Rundschau. 
Deutschland. Der preußische Minister deS Innern hat 
die Anwendung körperlicher Züchtigung auch in den Arbeits- 
Häusern untersagt. 
Die deutsche Münzeinheit ist an eine Klippe gerathen, in- 
dem der Reichstag ein Zweimarkenstück beschlossen hat und an 
demseben festhält, während der Bundesrath dasselbe durchaus 
nicht will. 
Oesterreich. Wir entnehmen dem Berichte eines Wiener 
Korrespondenten der „Allg. Ztg." vom 9. Mai über die Aus- 
stellung folgendes: Die Herren Ausstellungsspekulanten — und 
ihnen gehört der weitaus größte Theil der Bevölkerung an — 
beginnen stark die Köpfe hängen zu lassen. Die Fremden kom- 
men einstweilen spärlich, sie wollen eben mehr als aufgestapelte 
Colli sehen, und die da kommen, werden es schnell müde, sich 
in der schamlosesten Weise rüpfen zu lassen. Alle die riesigen 
neuen Hotels — die alten haben ihr Stammpublikum, das 
auch ohne Ausstellung um diese Zeit nach Wien kommt 
stehen nahezu leer, und demnach sind auch die zu unerhörten 
Preisen hinaufgewucherten Privatquartiere fast billiger als zu 
gewöhnlichen Zeiten zu haben. Dazu das scheußliche Wetter 
und der große „Krach" an der Börse — Wien ist in einer 
entschieden nachdenklichen Stimmung, und der Generaldirektor 
der Ausstellung, der in seinem Kostenüberschlag mindestens 
50,000 zahlende Besucher täglich berechnete, hat in den ver- 
flossenen 9 Tagen noch bei weitem keine 5t),000 Menschen, 
alles in allem, gesehen." — Die Wiener haben demnach Ur« 
sache, bald recht gutes Wetter zu wünschen. 
Nach übereinstimmenden Berichten soll der AuSstellungS- 
Palast einen imposanten Eindruck machen. 
Einen ungefähren Begriff von der Großartigkeit des Aus- 
stellungSgebäudes kann man sich machen, wenn man die Di- 
mensionen des die Mitte desselben krönenden Kuppelbaues, der 
sogenannten Rotunde, in'S Auge faßt. Diese Rotunde ist über 
40 Klafter hoch; jeder Pfeiler, welcher die so gewichtige Decke 
trägt, ist so umfangreich, daß man ein kleines SommerhäuS- 
chen darin unterbringen könnte. Von dem Parterre aus ge- 
sehen, erscheinen die Menschen auf der ersten Gallerie schon 
bischer Thorheit, laßt die ewige Macht gebieten, die in Eurer 
Tochter frommes Herz schon den richtigen Ausspruch legen wird." 
„Ach mein würdiger Herr," sprach Meister Martin kleinmüthig, 
„nun erst seh ich ein wie übel ich daran that, nicht gleich Alles 
herauszusagen. Ihr meint, nur die Hochschätzung meines Hand- 
Werks habe mich zu dem unabänderlichen Entschluß gebracht, Rosa 
nur an einen Küpermeister zu verheirathen; es ist dem aber 
nicht so, noch ein anderer, gar wunderbarer, geheimnißvoller 
Grund dazu ist vorhanden. — Ich kann Euch nicht fortlassen, 
ohne daß Ihr Alles erfahren habt, Ihr sollt nicht über 
Nacht auf mich grollen. Setzt Euch, ich bitte gar herzlich darum, 
verweilt noch einige Augenblicke. Seht hier steht noch eine Flasche 
des ältesten Weins den, der mißmuthige Junker verschmäht hat, 
laßt es Euch noch bei mir gefallen." Paumgartner erstaunte 
über Meister Martins zutrauliches Eindringen, das sonst gar nicht 
in seiner Natur lag- es war, als laste ihm etwas ganz schwer auf 
dem Herzen, das er los sein wollte. Als nun Paumgartner sich 
gesetzt, und ein GlaS Wein getrunken hatte, fing Meister Martin 
aus folgende Weise an: „Ihr. wißt, mein lieber, würdiger Herr,
        

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