Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1873
Erscheinungsjahr:
1873
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1873/63/
Liechtensteinische 
Vaduz, Freitag Nr. 15, den 2. Mai 1873. 
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Vaterländisches. 
Baduz, 29. April Unser mit Blüthen bekränztes Früh- 
lingsschiff, das in unserer letzten ZeitungSnummer, umflogen 
vom heitern HoffnungSwimpel, einem erntereichen Herbste zu- 
steuerte, ist vom kalten Nordwestwind plötzlich aus eine Eis- 
dank getrieben worden, auf der es arg strandete. Der Scha- 
den ist groß und wird dieses Jahr um so empfindlicher und 
fühlbarer, als schon letztes Jahr die Wein- und Obsternte wie 
nichts war. „Grüne Weihnachten, weiße Ostern" und „wenn'S 
im Aprilen donnert, so kommt bald Schnee," beide Sprüch- 
Wörter haben sich dieses Jahr bewährt. Ein solches plötzliches 
Nalurereigniß ist ein herber Schlag, besonders für ein Volt- 
lein, das nebenbei auf Leben und Tod mit Elementarereignissen 
zu kämpfen hat. Die heurigen ungeheuren Rheinlasten und nun 
nebenbei die Voraussicht einer Fehlernte im Weine müssen inSbe- 
sondere den Mittelbauer doppelt hart treffen. Mögen auch die Feld- 
früchte noch gut gerathen, so werden sie wohl den Verlust 
mildern und die Ernte dieses JahreS hat, komme es jetzt, wie 
es wolle, doch schon eine sehr große Lücke erhalten. 
Unsere Furcht betreffs des Importes fremder Getränke 
und dessen Folgen hat für dieses Jahr nun wieder jeden Hoff- 
nungl»anker verloren und das ist vielleicht für unsere socialen 
Zustände für die Zukunft bedauerlicher als der materielle Scha- 
den, den uns der Würgengel Frost angerichtet. Es wäre da- 
her doppelt angezeigt, wenn in dieser Beziehung nach unseren 
Andeutungen in der letzten Nummer Maßregeln ergriffen wür- 
den. Den besten Trost haben wir zwar in dem guten Frühling 
gesucht, dieser ist nun aber gefallen. 
Hoffen wir zum Schlüsse unserer Frühlings- oder vielmehr 
kalten Wintergedanken, daß der Sommer wieder manches gut 
machen wird, und daß der Vater Rhein, wie es sich einem ge- 
setzten Manne' geziemt, gesetzt und ruhig in seinen Schranken 
dahin fließen und sich keine jugendliche Wildheiten und Muth- 
Willigkeiten erlaube. Das haben wir nämlich in unseren Ge- 
schicken voraus, daß uns bei einem Unglücke noch die Furcht 
vor fernerem Verlust übrig bleibt; dessenungeachtet müssen wir 
trotz FrühlinqSnoth und Rheinnoth hoffen, denn „die Hoffnung 
entfernt selbst von dem Grabe sich nicht." 
Soeben mit unserer mehr allgemeinen Schilderung be» 
endet, erhalten wir eine Einsendung, die den Frostschaden spe- 
ziell vom fachmännischen Standpunkte aus näher beleuchtet und 
die Leser jedenfalls besonders interessiren wird. Wir geben sie 
dem Wortlaute nach wie folgt: 
Die Nacht vom 26/27. April war eine mehr als verhäng- 
nißvolle; sie hat die Hoffnungen des Winzers auf einen guten 
Herbst vernichtet; die meistens schon weit vorgerückten Triebe 
der'Reben erlagen dem bösen Froste und hängen sammt den 
zahlreich zum Vorschein gekommenen Trauben vertrocknet und 
wie verbrannt am Stocke, so daß bei diesem traurigen Anblicke 
ein geheimes Wehe das Herz des Menschenfreundes beschleicht. 
Wie viele freudige Hoffnungen, wie viele frohe Erwartungen, 
wie viele Berechnungen hat diese Eine Nacht zu Grabe ge- 
tragen! Wie viele Arbeit ist umsonst gethan, wie vieler Schweiß 
nutzlos vergossen! Die letztjährigen Ruthen zeigen zwar noch 
frisches Holz und sind saftig, haben aber wahrscheinlich, sowie 
der ganze Stock, durch den so plötzlich gestörten Sastumlauf 
in dieser Zeit der stürmischen Saftperiode gelitten, worüber 
unS erst die Zukunft volle Gewißheit verschaffen wird. Der 
alte Winzerspruch: „Erfriert der Wein in der Wolle, so trinkt 
man ihn auS der Bolle," soll wohl den Weingärtner trösten; 
aber leider waren ganz wenig Augen mehr während des Fro- 
Feuilleton. 
Meister Martin, der Küfner, und seine Gesellen. 
Novelle von E. T. A. Hoffmann. 
(Fortsetzung.) 
„Ei," rief er mir heller Stimme, „ci, mein lieber Meister 
Martin, Ihr seid ein wohlhabender, ein reicher Mann, aber die 
schönste Himmelsgabe, die Euch der Herr bescheert hat, ist doch 
Eure holde Tochter Rosa. Geht uns alten Herren,'wie wir Alle 
im Rath sitzen, das Herz ans und können wir nicht die hlöden 
Augen wegwenden, wenn wir das liebe Kind schauen, wer mag's 
denn den jungen Leuten verargen, daß sie versteinert und erstarrt 
stehen bleiben, wenn sie auf der Straße Eurer Tochter begegnen; 
daß sie in der Kirche Eure Tochter sehen, aber nicht den geist- 
lichen Herrn,' daß sie auf der Allenviese oder wo es sonst ein 
Fest gibt, zum Verdruß aller Mägdelein nur hinter Eurer Toch- 
ter sind mit Seufzern, Liebesblicken und honigsüßen Reden. Nun, 
Meiste? Martin! Ihr möget Euch Euern Eidam wählen unter 
unfern jungen Patriziern, oder wo Ihr sonst wollet." 
Meister Martin'S Gesicht verzog sich in finstere Falten, er 
gebot der Tochter, edeln alten Wem herzubringen und sprach, 
als sie, über und über glühend im Gesicht, den Blick zu Boden 
gesenkt, fortgegangen, zu dem alten Paumgartner: „Ei, mein 
lieber Herr, es ist zwar in der Wahrheit, daß mein Kind ge- 
scbmückt ist mit ausnehmender Schönheit, und daß auch hierin 
mich der Himmel reich gemacht hat; aber wie mögt Ihr denn 
davon sprechen in des Mägdleins Gegenwart, und mit dem Ei- 
dam Patrizier ist es nun ganz und gar nichts." „Schweigt," 
erwiderte Paumgartner lachend, „schweigt, Meister Martin, wovon 
das Herz voll ist, davon geht der Mund über! — Glaubt Ihr 
denn nicht, daß mir auch das träge Blut im alten Herzen zu 
hüpfen beginnt, wenn ich Rosa sehe, und wenn ich dann treu- 
herzig heraussage, was sie ja selbst recht gut wissen muß, daraus 
wird kein Arges entstehen " 
Rosa brachte den Wein und zwei stattliche Trinkgläser herbei. 
Martin rückte dagegen den schweren, mit wunderlichem Schnitz-
        

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