Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1873
Erscheinungsjahr:
1873
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1873/56/
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bringt. Jedoch nicht nur der Industrielle, der Kaufmann wer. 
den durch die Industrieausstellungen angeregt und gefördert 
nein, jeder einigermaßen Gebildete wird seine Kenntnisse er- 
weitern, sein Urlheil scharfen, seinen Kunstgeschmack erhöhen. 
(Schluß folgt.) 
Baduz, 15. April. Wie wir vernehmen, sollen die vor 
einigen Wochen ausgewanderten S.eveler (27 an der Zahl) 
sich auch auf dem untergegangenen „Atlantic" befunden haben. 
Ob und wie viele sich unter den Geretteten befinden, ist noch 
nicht bekannt. Nach den neuesten Nachrichten hatte der „At- 
lantic" 938 Menschen an Bord, von denen etwa 430 gerettet 
wurden, so daß im Ganzen allerdings immer noch eine furcht« 
bar große Zahl — über 500 — umgekommen wären 
Die New-Uorker Zeitungen und auch einige englisch! 
Wersen dem Kapitän des „Atlantic" Untüchtigkeit vor. Di« 
Gesellschaft scheint bis jetzt kein Vorwurf zu treffen. Si> 
weist nach, daß Kohlen genug an Bord waren, und daß de? 
' Dampfer in jeder Beziehung gut war. Da jedoch eine Unteo 
suchung angestellt werden wird, bleibt jedes Urtheil am bestell 
noch verschoben. 
Politische Rundschau. 
Die Parlamente sind überall in die Osterferien gegangen 
und die gesammte christliche Welt feiert dieselben mit Der 
deutsche Reichstag hat nach eingreifender Thätigkeit kein an- 
genehmes Ostergeschenk mit nach Hause genommen. Die Rechts " 
einheit ist nämlich noch nicht angenommen, sondern wieder auf 
eine Klippe gestoßen, indem die Königreiche den Reichsgerichts- 
Hof als urteilende Behörde verwerfen und nur als RechtShof 
d. h. als CassationSbehörde für die einheitliche Handhabung 
deS Rechtes annehmen wollen. Jndeß wird dieß kein dauern- 
des Hemmniß bilden. 
Frankreich. Endlich hat auch die französische National- 
Versammlung ihre Osterferien angetreten. Man athmet auf, 
und wie Todten, von denen man nur GuteS redet, wünscht 
man den Abgeordneten alleS mögliche Angenehme, vorzüglich 
aber mebr Gemütsruhe bei der auf den 19. Mai anberaum« 
ten Rückkehr nach Versailles. 
DaS Ergebniß der Session, die beinahe fünf Monate ge- 
dauert, war kein erfreuliches Außer dem Gesetze, welches Thiers 
zu einem französischen „Mandarinen" macht, wurde auch fast 
keine einzige Sache erledigt. 
Das „Siecke" macht den feinen Witz: „Die National-Ver- 
sammlung ist zur Ruhe gegangen, gestern Abend halb 12 Uhr.'^ 
Dieses Blatt betont wieder, daß „die Frechheit der Reakti- 
onäre nicht so groß wäre, wenn die Regierung mehr Festigkeit 
Träumerei, die ihn mitten in alle Herrlichkeit der alten Reichs- 
stadt versetzte. Er gedachte jener treuherzigen Verse des Paters 
Rosenblüth: 
O Nürnberg, du edler Fleck, 
Deiner Ehren Bolz steckt am Zweck, 
Den hat die Weisheit daran geschossen, 
Die Wahrheit ist in dir entsprossen. 
Manches Bild des tüchtigen Vürgerlebens jener Zeit, wo 
Kunst.-und Handwerk sich im wackern Treiben die Hände boten, 
stieg hell empor und prägte sich ein dem Gemüth mit besonderer 
Lust und Heiterkeit. Laß es Dir nun gefallen, geliebter Leser, 
daß eins dieser Bilder vor Dir aufgestellt werde Vielleicht magst 
Du es mit Behaglichkeit, ja wohl mit gemüthlichem Lächeln au- 
schauen, vielleicht wirst Du selbst heimisch in Meister Martins 
Hause und verweilst gern bei seinen Kufen und Kannen. Nun! 
— Dann geschähe ja das wirklich, was der Schreiber dieser 
Blätter so recht aus Grund des Herzens wünscht. 
zeigte und den Feinden der Republik begreiflich machte, daß sie 
dieselbe ihnen nicht ausliefern könne." 
Vor dem Antritt der Osterferien ist als daS bedeutendste 
TageSereigniß in Frankreich der Wechsel im Präsidium der 
Nationalversammlung zu bezeichnen. In dem abtretenden Prä- 
sidenten Grevy hat die Versammlung einen Mann aus dem 
Vorsitze verloren, welcher daS Vertrauen der Unparteilichkeit 
bei allen Parteien besaß. Hingegen hatte Grevy selbst daS 
Zutrauen verloren, daß mit Unparteilichkeit jetzt noch vielmehr 
auszurichten sei und entschloß sich daher, in den Schooß seiner 
Partei zurückzukehren, in deren Reihen er alsbald eine hervor- 
ragende Rolle spielen wird. Gambetta beglückwünscht ihn in 
seiner „Republique lYancaise" über diesen Beschluß. 
Der neue Präsident ist Büffet, Orleanist und Bonapartist, 
der bekannte zweimalige Minister unter Napoleon. 
Spanien bietet immer mehr und mehr das Bild eines 
traurigen Bürgerkrieges. Die Carlisten haben in den letzten 
Tagen den Verkehr auf drei der wichtigsten Eisenbahnen lahm 
gelegt In Catalonien haben sie ihre Operationen gegen Pugg- 
cerda begonnen, die ihnen jedoch nach dem neuesten Telegramme 
nicht gelangen. 
Italien. Wir entnehmen einem Artikel „Ueber die Lage 
Italiens" aus der „Allg. Ztg * folgendes über eine allenfalls 
sige Kriegsverwicklung Italiens mit Frankreich: 
Die Italiener sind stch wohl bewußt, gegenüber Frankreich 
die Regeln selbst der gewöhnlichsten Erkenntlichkeit nicht be- 
folgt, ihre Handlungsweise nur ihrem eigensten Interesse an- 
gepaßt zu haben, waS Zeder begreiflich und recht findet, nur 
derjenige nicht, der etwas anderes erwartet hat und nun un 
angenehm betroffen wird. Dieser urtheilt eher subjektiv, als mit 
einer über der realen Welt schwebenden Objektivität. Auf 
jeden Fall muß aber der Staat, der „die Welt durch seine 
Undankbarkeit in Staunen gesetzt hat," die Folgen seiner That 
tragen. Die Italiener sind sich aber auch noch bewußt, im 
Sommer 1870 eine nicht ganz klare Politik gegenüber Deutsch- 
land befolgt zu haben, woran sie erst neulich Fürst Bismarck 
gemahnt und was jetzt auch schwer auf ihrem Gewissen lastet. 
Da sagen sie nun: Preußen hat ja nicht für uns, sondern 
nur für sich gearbeitet, was aber nicht ausgeschlossen, daß die- 
seS Nur-Für-Sich-Arbeiten Preußens den Italienern eine lang 
ersehnte Provinz in den Schoß warf. Die schwankende Politik 
im Sommer 1870 kann in Berlin demnach nur einen unan- 
genehmen Eindruck hinterlassen haben — eine Politik, die, wie 
jene Oesterreichs, nur dann die gerade Linie einhielt, als die 
Sache in Frankreich entschieden war. Oesterreich hatte aber 
keine Pflicht, erkenntlich zu sein, ja im Gegentheil, so daß der 
Vergleich zwischen österreichischer und italienischer Politik, die 
beide nach langem Schwanken zu dem gleichen Resultat kamen, 
Wie Herr Martin zu m Kerzenmeister erwählt wurde 
und sich dafür bedankte. 
Am ersten Mai des Jahres Ein tausend fünf hundert und 
achtzig hielt die ehrsame Zunft der Böttcher, Küper oder Küfner 
in der freien Reichsstadt Nürnberg, alter Sitte und Gewohnheit 
gemäß, ihre feierliche Gewerksversammlung. Kurze Zeit vorher 
war einer der Vorsteher oder sogenannten Kerzenmeister zu Grabe 
getragen worden, deßhalb mußte ein neuer gewählt werden. Die 
Wahl fiel auf den. Meister Martin. In der That mochte es bei- 
nahe Keiner ihm gleich thun an festem und zierlichem Bau der 
Fässer,' Keiner verstand sich so, wie er, auf die Weinwirthschaft 
im Keller, weßhalb er denn die vornehmsten Herren unter seinen 
Kunden hatte und in dem blühendsten Wohlstande, ja wohl in 
vollem Neichthum lebte. Deßhalb sprach, als Meister Martin 
gewählt worden, der würdige Rathsherr Iakobus Paumgartner, 
der der Zunft als Handwerksherr vorstand: „Ihr habt sehr wohl- 
gethan, meine Freunde, den Meister Martin zu Eurem Vorsteher 
zu erkiesen, denn in bessern Händen kann sich gar nicht das Amt 
befinden. Meister Martin ist hochgeachtet von Allen, die ihn
        

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