Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1873
Erscheinungsjahr:
1873
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1873/45/
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Fabelhafte, waren aber nichtsdestoweniger wahr und blieben 
unwiderlegt. Miether aber ist mit Ausnahme der Hausherren 
oder der Inhaber einer Amtswohnung Jedermann, und somit 
fühlte, einer verschwindend kleinen Mehrheit entgegen, die über 
und über vorwiegende Mehrheit der Bevölkerung sich gedrückt 
und unbehaglich dabei. Nun verfielen jene, die irgend ein Ver 
kaufs» oder Absatzgeschajt betreiben, auf das ihnen als gerecht- 
fertigt erscheinende AuokunftSmittel, den Preis ihrer Waare 
gleichfalls entsprechend zu erhöhen und auf diese Art sich ihres 
Schavens wieder an vem Publikum zu erholen. Allein, da das 
Publikum aus allen zusammen besteht, und da der Verkäufer 
einerseits auf der andern Seite auch wieder ein Käufer und 
der Produzent anderen Produzenten gegenüber hinwiederum ein 
Konsument ist, so war damit eigentlich ein Krieg aller gegen 
alle heraufbeschworen, und als ein solcher dauert er noch un- 
ausgesetzt fort. Findet in Folge dessen der Hausherr, daß er 
für sich zunehmend theurer einzukaufen hat, so schlägt er eS 
von neuem auf die Mietpreise, die von neuem gesteigerten 
Miether verlheuern abermals ihre Waaren, und so geht es in 
unerquicklichem Kreisläufe weiter wie in einem Tretrade — 
wie eine Schraube ohne Ende — wie eine Schlange, die sich 
in den Schwanz beißt. Es ist fast unglaublich, wie vielerlei 
Dinge mit in diesen Schwindel hineingezogen werben. Da sieht 
man denn recht anschaulich, was eine Weltstadt ist und was 
nicht. Wahrend der großen Ausstellung in London blieb dort 
alles in seinem Geleise; die Londoner waren großstädtisch ge- 
nug, um wegen einer Ansammlung von täglich 50- oder 60,000 
Fremden weiter noch keineswegs aus Rand und Band zu ge- 
rathen; sie machten keine Lustsprünge darüber, sondern „hielten 
sich geseyt, sowie sie pflegen", und sowohl Einheimische als 
Fremde befanden sich besser dabei. Dies war englische Gediegen- 
heit und Solidität; sowie man es dermalen in Wien treibt, 
nähert sich die Sache mehr einem Schwindel im Geschmacke 
der A'Nikees. Da jedoch im Ganzen je einer den andern be- 
schwindelt und auf diese Art alle zusammen einander gegen- 
seitig bineinsteigern und übervortheilen, so gewinnt am Ende 
niemand bei dem Durcheinander als die Reichen und bei denen 
thäle es nicht noth. 
Deutschland. Heber den Anlaß der Stuttgarter Straßen- 
kravalle, die gegenwärtig so viel Redens machen, meldet der 
„Württemberqische Staatsanzeiger": Ein Soldat ging mit 
Verwandten in den Laden des Kleiderhändlers Baruch in der 
Hirschstraße, um Kleider für einen Knaben einzukaufen. Da 
die Käufer, nachdem sie verschiedene Kleider anprobirt, schließlich 
nichts kauften, so entstand ein Wortwechsel, in Folge dessen 
Baruch um polizeiliche Hilfe zur Entfernung deS Soldaten 
aus seinem Laden nachsuchte. Der Solvat leistete der an ihn 
gerichteten Aufforderung des Poll^isoloalen, sich zu entfernen, 
geschafft, war immer geladen. Unterhalb dieser Klippe war der 
Platz für die neue „Stadt", die erbaut werden sollte. Das Ufer, 
wie eine Landzunge gegen die schmale Einfahrt in den Krater 
ausgestreckt, war ziemlich breit und eben, dort schlug man die 
Zelte auf, für die Seesoldaten und Matrosen besondere, für die 
Diener und für den Koch, bald hatte jedes einen Ort, wo es 
sein Haupt hinlegen tonnte. Besonders schön war des Kapitäns 
Behausung, der Gouvernenrs-Palast, wie man sie im Scherze 
nannte; auf der Insel standen einige elende Baracken, in denen 
die Wallfischfahrer ihren Thran auösvtten, schmutzige, finstere 
Köcher mit unerträglichem Geruch; ein solches wurde für den Ka- 
pitän hergerichtet. Zuerst riß man eine von den Seitenwänden 
ganz nieder, dann legte man einen neuen Fußboden, reinigte das 
ganze Haus mit Karbolsäure, baute dann die Wand wieder auf, 
aber setzte zwei Fenster ein, die man aus der Kajüte nahm. 
Heber die Wände wurde Leinwand gezogen als Tapeten, der Bo- 
den mit guten Brettern belegt, Tische, Stühle hineingeschasft, die 
Hängematte aufgemacht, mit Spiegel- und Toilettetisch und Vor 
hängen sah der Raum recht behaglich aus, und von außen weiß 
keine Folge. Es kamen zwei weitere Polizeisoldaten, welchen 
der Soldat ebenfalls Widerstand entgegensetzte. Dabei zog er 
sich^ Verletzungen zu, von denen man übrigens keine Gefahr 
befürchtet. In Folge des Lärms und auf daS Gerücht, das 
(ich sofort verbreitete, daß der Soldat gestorben sei, fanden 
nun starke Zusammenrottungen statt, gegen welche neben der 
Polizei und der GenSdarmerie wiederholt auch Militär requirirt 
werden mußte. Der Gouverneur Graf v. Scheler. der Stadt- 
direkter v. Wolff, Oberbürgermeister Hack, der Polizeiamtmann 
waren zur Stelle. Mit Einbruch der Nacht äußerten sich die 
Störungen der Ruhe auch dadurch, daß an Häusern ganz un- 
beteiligter Einwohner Fenster eingeworfen wurden. Verletz- 
ungen kamen übrigens keine vor. Die Ruhe war erst gegen 
Mitternacht wiederhergestellt. Verhaftungen wurden etwa 40 
vorgenommen. Ein in den Straßen angeschlagenes Plakat 
vertraut zu dem Ordnungssinn der Einwohner, daß solche be- 
dauerliche Scenen sich nicht wiederholen, fordert aber die Ein- 
wohner auf, im Fall eine abermalige Störung beabsichtigt sein 
sollte, den zur Aufrechterhaltung der Ordnung berufenen Or- 
ganen dabei thatkräftig beizustehen. 
Italien. Den tiefsten Eindruck hat der Räumungsvertrag 
zwischen Frankreich und Deutschland in Italien gemacht. Frank- 
reich frei am 5. September, feien wir auf der Hut! Diese 
Losung war hinreichend, sofort den halbleeren Parlamentssaal 
in Rom zu füllen. Seltsames Verhältniß der angeblichen la- 
teinijchen Schwestern, welche übrigens nur die Aehnlichkeit ihrer 
romanischen Sprachen gemein haben. Und weite Wege biS 
zur Allianz der romanischen Völker! 
Spanien. Die Nachrichten aus Spanien lassen ein be- 
denkliches Wachsthum des Earlistenaufstandes durchblicken. An 
mehreren Orten sind die wüsten Bursche Sieger. Indessen ist 
das „Elend der Wirklichkeit" auch jemand Anderm zu Kopfe 
gestiegen, als dem wackern Eastelar. Es wird gemeldet, der 
„König" Don Carlos habe abgedankt zu Gunsten seines Sohnes. 
Bruder Alfons soll die Regentschaft führen. 
Die Earlisten drangen bewaffnet auf französisches Territo- 
rium ein und umzingelten das Haus eines Maire, in welchem 
sich zwei flüchtige Earlisten befanden, die sie mit sich wegführ- 
ten. DaS dürfte ihnen nun übel bekommen. 
Der alte Earlistengeneral Ea^brera soll wieder auf dem 
Schauplatze erscheinen und die militärische Leitung der Carli- 
sten übernehmen. 
Rußland. In Rußland ist stark die Rede von einer Ei- 
senbahn von Moskau nach Peking. So abenteuerlich der Plan 
erscheint, ;so wird er doch bereits eifrig studirt. Diese 1540 
Meilen lange Niesenbahn soll in acht Jahren vollendet sein. 
Die Erbauungskosten sind auf 960,000 Fr. per Meile ge- 
schätzt, so daß die 1430 Mellen, welche Nischnei-Nowgorod 
angestrichen, glänzt der „Palast" weithin. In den Seehandbüchern 
findet sich, daß St. Paul wasserlos ist; die Waffervorräthe zu 
retten und sür frisches Wasser zu sorgen, war die Hauptsorge. 
Eine Entdeckungsreise auf der Insel führte nur zu einer heißen 
Schwefelquelle, aber in der Höhe von 400', in ziemlicher Ent 
fernung von der „Stadt", fanden sich einige Lachen, in denen 
sich das Negenwasser sammelte; sie mochten zusammen drei Ton- 
nen halten, aber der Regen einer Nacht genügte, sie wieder zu 
füllen; nun wurde eine Wasserleitung hergestellt, bis zum Signal- 
Posten wurde das Wasser in Fäßchen getragen und von dort in 
Schläuchen in die „Stadt" hinabgelassen. Für die trockene Iah- 
reszeit, wenn die Regengüsse aufhören sollten, nahm man die 
Hilfe eines Kondensators in Aussicht, den die Techniker des 
Schiffes schnell konstrnirt hatten, und der täglich 360 Gallonen 
(Maß) Wasser destilliren konnte; darum wurden die Kohlen auch 
sehr gespart. Bäume gab es keine auf der Insel, und der Koch 
mußte dürres Gras und Torf und die Trümmer des Schiffes 
brennen. 
(Schluß folgt.)
        

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