Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1873
Erscheinungsjahr:
1873
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1873/37/
hat nicht wenig Einfluß auf die Weltgeschichte geübt. Sie, die 
ihrer Reize wegen in den Adelsstand erhobene Tocbter deS Spe- 
zereihändlerö gab der Tochter Euqenie die klugen Rachschlage, 
wie sie den vor Kurzem zu den Todten gegangenen Napoleon 
beherrschen könne. 
Holland. In Holland tragt man sich mit dem sühnen 
Gedanken, die große Zuyder-See trocken zu legen. ES sind 
57 Quadratmellen Landes, um die es sich handelt, ein Strich, 
so groß wie die Herzogtümer Alten bürg und Coburg-Gotha 
zusammen genommen. Er könnte gewonnen werden, wenn ein 
40,000 Meter langer Damm quer durch das nördliche Ende 
des Zuyder-See gebaut würde. Kolossale Pumpwerke müßten 
ihn krönen, um die Fluchen dem deutschen Ocean zurückzuge- 
ben, welche im dreizehnten Jahrhundert Städte und Dörfer ver- 
schlangen und 80,000 Menschen den Tod brachten. 
England. Mary Ann Cot ton, die englische Giftmi- 
schert», die im Verdachte steht, eine entsetzliche Anzahl ihrer 
Verwandten vergiftet zu haben, ist zum Tode verurtheilt wor- 
den, da nachgewiesen wurde, daß sie ihren Stiefsohn vergiftet 
hat. Der Richter Archibald hielt der Angeklagten bei Perle- 
sung des Unheils eine sehr eindrückliche Rede, wahrend welcher 
sie bitter weinte, obwohl sie bis dahin sehr standhaft gewesen 
war. Von den zwanzig Verwandten und mehr, die sie ver- 
giftet haben soll, sind nur vler ausgegraben worden, und in 
diesen fand man Giftspuren. Herr Archibald machte keinerlei 
Andeutungen, daß das Urtheil durch einen Gnadenakt werde 
umgewandelt werden. 
Spanien. Die k a r l i st i sch e Bande Dorregarray, 2000 
Mann stark, wurde bei Monreal in Navarra geschlagen und 
verlor viele Todte und Gefangene. Eine andere karlistische 
Bande unter dem Befehl Soretas wurde ebenfalls gründlich 
geschlagen in den Bergen von Oyorzuna, verlor 23 Todte, 
worunter Sorna, und viele Verwundete; die Uebrigen flüchten 
sich nach Frankreich. 
Es geht das Gerücht, der General Nouvilas, welcher 
kürzlich den Oberbefehl in den baskischen Provinzen und Na- 
varra übernommen, habe einen mißlungenen Angriff gegen die 
KarUsten gemacht und sei, nachdem die Truppen erhebliche Ver- 
luste erlitten, nothgedrungener Weise nach Pamplona zurück- 
marschirt, um seine Armee wieder in Ordnung zu bringen. 
wahnsinnig! — Hoho, Chevalier, vernehmt, daß mich, mich Euer 
Weid, ich weiß es, unaussprechlich liebt, — vernehmt, daß ich 
jener Duvernet bin, des Nachbars Sohn, mit Angela erzogen, 
in heißer Liebe mit ihr verbunden, den Ihr mit Euern Teufels- 
künften vertriebt! — Ach, erst als ich fort mußte in den Krieg, 
erkannte Angela, was ich ihr war, ich weiß Alles Es war zu 
spät! Der finstere Geist gab mir ein, im Spiel könnte ich Euch 
verderben, deßhalb ergab ich mich dem Spiel folgte Euch nach 
Genua — es ist mir gelungen! — Fort nun zu Eurem Weibe!" 
Vernichtet stand der Chevalier, von tausend glühenden Blitzen 
getroffen. Offen lag vor ihm jenes verhängnisvolle Gehemmiß: 
nun erst sah er das volle Maß des Unglücks ein, das er über 
die arme Angela gebracht. 
„Angela, mein Weib, mag entscheiden," sprach er mit dumpfer 
Stimme und folgte dem Obristen, welcher fortstürmte. 
Als in's Haus gekommen der Obrist die Klinke von Angelds 
Zimmer erfaßte, drängte der Chevalier ihn zurück und sprach: 
„Mein Weib schläft, wollt Ihr sie aufstören aus süßem Schlafe?" 
— „Hm," erwiederte der Obrist, „hat Angela wohl jemals ge- 
legen in süßem Schlaf, seit ihr von Euch namenloses Elend be- 
reitet wurde?" 
Der Obrist wollte in's Zimmer; da stürzte der Chevalier 
ihm zu Füßen und schrie in heller Verzweiflung: „Seid barm- 
herzig! — Laßt mir, den Ihr zum Bettler gemacht, laßt mir 
mein Weib!" 
„So lag der alte Vertua vor Euch, dem gefühllosen Böse- 
wicht, und vermochte Euer steinhartes Herz nicht zu erweichen; 
Schweiz. (Auswanderung.) Gegenwärtig sind man- 
che Alpenthäler von einem AuswanderungSsieber ergriffen. In 
Schwanden (GlaruS) bereiten sich nicht weniger als 50 Per- 
sonen zur baldigen Abreise nach Nordamerika vor und im gan- 
zen Kanton vielleicht drei Mal so viele; das Bündnerland hat 
bereits die ersten bedeutenden Züge dorthin eröffnet, auch die 
Unterwaldner rücken nach und die Walliser suchen zu Hunder- 
ten ihr Hell in Südamerika. Auch aus dem benachbarten Be- 
zirke Werdenberg bereiten sich wieder Viele zur Abreise vor, 
aus Sevelen allein zirka 28 Personen. Aller Wahrscheinlich- 
keit nach wird da6 Jahr 1873 die größten Zahlen in den 
Auswanderungölisten aufweisen. 
Verschiedenes. 
Ein reicher Engländer, so erzählt I. Lay im „Sprudel," 
der sich im letzten Sommer in einem der Pyrenäenbäder auf- 
hielt und sich durch seine Originalität überall bekannt gemacht, 
hat seine seltsamste That ausgeführt. An einem Markttage be- 
merkte er in dem Badeorte eine, wie es schien sehr arme, noch 
junge und sehr schöne Frau, die Obst verkaufte, weil sie früh- 
zeitig Wittwe geworden war und durch den kleinen Handel die 
Mittel zu ihrem und ihres Kindeö Unterhalt zu erwerben hoffte. 
Das Kind spielte neben der Mutter, als unser Engländer daher- 
kam. Er sah Mutter und Kind lange verwundert an, dann 
trat er zu der Frau und sagte: „Sie gefallen mir und Ihr 
Kind auch; ich will Ihnen auch sagen, warum. Ich hatte 
eine schöne Frau, die Ihnen sehr glich und die ich über Alles 
in der Welt liebte Leider starb sie bald und hinterließ mir 
nur einen Sohn, ihr Bild, einen Engel von einem Kinde, das 
jedoch ebenfalls der Mutter bald nachfolgte. Ich kaufe nun 
jedes Kind, das meinem William gleicht. KeinS von den Kin- 
dern, die ich bereits gekauft habe, gleicht aber meinem William 
so sehr, als das Ihrige. Wollen Sie es mir verkaufen, so 
gebe ich jede Summe, die Sie verlangen." Die Mutter fühlte 
sich durch diese Worte auf's Tiefste verletzt, drückte ihren Sohn 
an sich und antwortete kurz: „Herr, ich perkaufe Kirschen und 
keine Kinder." „Die Sache eilt nicht," antwortete der Eng- 
länder mit der kältesten Gelassenheit. „Ich bezahle gut und 
verlange nichts weiter, als daß die Eltern die Kinder nicht 
dafür die Rache des Himmels über Euch!" — So sprach der 
Obrist und schritt aufs Neue nach Angelds Zimmer. 
Der Chevalier sprang nach der Thür, riß sie auf, stürzte hin 
zu dem Bette, in dem die Gattin lag, zog die Vorhänge aus- 
einander, rief: „Angela, Angela!" — beugte sich hin über sie, 
.faßte ihre Hand — bebte wie im plötzlichen Todeskampfe zu- 
sammen, rief dann mit fürchterlicher Stimme: „Schaut hin! — 
Den Leichnam meines Weibes habt Ihr gewonnen!" — 
Entsetzt trat der Obrist au das Bette — keine Spur des 
Lebens. — Angela war todt — todt. 
Da ballte der Obrist die Faust gen Himmel, heulte dumpf 
auf, stürzte fort. — Man hat nie mehr etwas von ihm ver- 
nommen!" — 
So hatte der Fremde geendet und verließ nun schnell die 
Bank, ehe der tief erschütterte Baron etwas zu sagen vermochte. 
Wenige Tage daraus fand man den Fremden vom Nerven- 
schlag getroffen in seinem Zimmer. Er blieb sprachlos bis zu 
seinem Tode, der nach wenig Stunden erfolgte; seine Papiere 
zeigten, daß er, der sich Baudasson schlechthin nannte, niemand 
anders gewesen, als eben jener unglückliche Chevalier Menars. 
Der Baron erkannte die Warnung des Himmels, der ihm, 
als er eben sich dem Abgrunde näherte, den Chevalier Menars 
in den Weg führte zu seiner Rettung, und gelobte, allen Ver- 
lockungen des täuschenden Spielerglücks zu widerstehen. 
Bis jetzt hat er getreulich Wort gehalten.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.