Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1873
Erscheinungsjahr:
1873
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1873/3/
Vaduz, 20. Jänner. Der Landtag hat in seiner letzten 
Sitzung vom 9. Jänner das von seiner Durchlaucht zugesi- 
cherte unverzinsliche Anlehen von 125,000 fl. angenommen 
und den Landesverweser ermächtigt, die weitern Verhandlun- 
gen zur Feststellung der Abzahlungsraten fortzusetzen. Zugleich 
wurde die fürstliche Regierung aufgefordert, für die kommende 
Landtagsperiode eine Vorlage auszuarbeiten, welche zunächst 
den Stand unserer Rheinschutzbauten gegenüber den schweize- 
nschen Hochbauten einer eingehenden Besprechung zu unterzie- 
hen hätte und im Anschluß an diese einen stichhaltigen Ko- 
stenvoranschlag mit einem Finanzplane zur Beschaffung der 
nöthigen Bausumme enthalten soll. 
. Mit diesen Beschlüssen ist Landesverweser von Hausen 
schon am 10. Jänner an den fürstlichen Hof nach Wien ab- 
gereist und wird täglich zurückerwartet. 
Politische Rundschau. 
Das Hauptereigniß im neuen Jahre, das gegenwärtig noch 
lebhaft die Presse beschäftigt^, ist der am 9. d. in Chislehurst er- 
folgte Tod des Kaisers Napoleon. Nicht wegen dessen 
Rückwirkung auf den politischen und geschäftlichen Markt er- 
regte dieser plötzliche Vorfall allgemeines Interesse, sondern weil 
der Tod dieses einst so hochstehenden Mannes die guten und 
bösen Erinnerungen an dessen Leben und Thaten wachruft. 
Sein böser Engel war sein Ehrgeiz und seine dynastische Selbst- 
sucht, durch welche er. getrieben die französische Republik ver- 
rieth und das Attentat gegen die mexikanische Republik unter- 
nahm. Seine Hauplthaten in der Wagschale des Guten waren 
die Einführung des Freihandelsystems und die Freundschafts- 
Allianz mit England. Unserem Nachbarstaate der Schweiz 
leistete er durch seine Intervention im Neuenburger-Handel gute 
Dienste, verwischte aber zum guten Theil diese Erinnerung wie- 
der durch seine Flüchtlings-Hetze und durch sein wortbrüchiges 
Verhalten im Savoyer-Handel. — Am Leichenzuge Napoleons 
nahmen ungefähr 500 Personen Theil. Der Prinz war bleich, 
aber ruhig. Die Kaiserin blieb bis gegen 4 Uhr betend im 
Sterbezimmer. Ungefähr 12,000 Zuschauer nahmen schweigend 
und mit entblößlem Haupt an der Bestattung Theil, die ohne 
Störung um 12 Uhr beendet war. — Die Höfe von Oestreich, 
England und Italien« haben 12tägige Trauer angelegt. Die 
Höfe in Berlin und München baben noch nichts angeordnet. 
In Frankreich nützt gegenwärtig die bonapartische Par- 
tei den Tod Napoleons mit einer kaum begreiflichen Keckheit 
nach allen Seiten aus. Aus Chislehurst berichtet man, alle 
alter geübter Spieler scheiterten an dem Spiel des Barons. Er 
mochte die Karten wechseln, er mochte dieselben fortsetzen, gleich- 
viel, immer war sein der Gewinn. Der Baron gab das sel- 
tene Schauspiel eines Pointeurs, der darüber außer sich gerathen 
will, weil die Karten ihm zuschlagen, und so nahe die Erklärung 
dieses Benehmens lag, schaute man sich doch an mit bedenklichen 
Gesichtern, und gab nicht undeutlich zu verstehen, der Baron 
könne, von dem Hange zum sonderbaren fortgerissen, zuletzt in 
einigen Wahnsinn verfallen, denn wahnsinnig müßte doch der 
Spieler sein, der sich über sein Glück entsetzte. 
Eben der Umstand, daß er eine bedeutende Summe gewon- 
nen, nöthigte den Baron, fortzuspielen, und so, da aller Wahr- 
scheinlichkeit gemäß, dem bedeutenden Gewinn ein noch bedeu- 
tenderer Verlust folgen mußte, das durchzusetzen, was er sich vor- 
genommen. Aber keineswegs traf das ein, was man vermu- 
then konnte, denn sich ganz gleich blieb das entschiedene Glück 
des Barons. 
Ohne daß er es selbst bemerkte, regte sich in dem Innern 
des Barons die Lust an dem Farospiel, jdas in seiner Einfach- 
heit das verhängnißvollste ist, mehr und mehr auf. 
Er war nicht mehr unzufrieden mit seinem Glück, das Spiel 
Bchmten und Bedienten deS exkaiserlichen Hofes hätten Befehl 
erhalten den „kaiserlichen Prinzen" als Kaiser zu behandeln 
Uly mit „Majestät" anzureden; die Kaiserin selbst habe den 
Tiiel „Kaiserin Regentin" angenommen. An die bonapartisti- 
sch?n Blätter in Frankreich sei der Befehl ergangen, nicht mehr 
von „kaiserlichen Prinzen", sondern nur noch von Napoleon 
IV. zu sprechen und sie kommen denselben auch eifrig nach, da 
sie ihre diesbezüglichen Zeitungsartikel mit: „Der Kaiser ist 
tott! ES lebe der Kaiser! Napoleon III. ist todt, es lebe 
Napoleon IV." beenden Nach dem bonapartistischen Blatte 
„Ordre" hat Napoleon IV. allein Aussicht, den Thron zu be- 
steigen, und nach demselben Blatte ist der jetzige Präsident der 
französischen Republik unfähig, etwas zu gründen; er könne 
keinen militärischen Staatsstreich machen, da die Armee für den 
Kaiser sei, und keinen parlamentarischen, da die konservative 
Mehrheit sich nicht zum Mitschuldigen eines Attentates gegen 
die Ordnung machen wolle, u. s. w. Aehnlich wie „Ordre" 
drücken sich auch die übrigen bonapartistischen Blätter aus. — 
Die Mittel-Astatische Frage scheint durch die Sendung 
Schuwaloff'S nach London wieder in ein ruhigeres Fahrwasser 
gelangt zu sein. Die „Times" berichtet hierüber: Falls die 
russischen Erklärungen, was Schuwaloff's Mittheilungen zu be- 
stätigen scheinen, aufrichtig sind, daß Rußland vielmehr die 
Ausdehnung des Handels und die Sicherstellung der Frage, 
als neue Eroberungen in Centralasien suche, so ist dies ohne 
Erregung ausländischer Eifersucht erreichbar. Schuwaloff giebt 
an, daß die Expedition gegen Khiwa in 2 Punkten der brit- 
tischen Expedition gegen Abessinien ähnlich sei, nämlich in der 
Befreiung russischer Gefangener und zweitens darin, daß eine 
dauernde Besetzung des Landes nicht beabsichtigt sei. Schu- 
waloff erklärt ausdrücklich, daß unter keinen Umständen das 
Gebiet von Khiwa in Rußand einverleibt werden solle; die 
kommandierenden Offiziere seien angewiesen, nur bis zur Frei- 
lassung der Gefangenen in Khiwa zu verbleiben. Die Erfül- 
lung solcher Versicherungen, schließt die „Times", würde die 
Eifersucht der beiden Reiche in Asien besser beseitigen, als ge- 
schriebene Verträge. — 
Laut der „Allg. Ztg." ist nun die Zahl der Vertreter im 
künftigen österreichischen Reichsrath für alle Länder Eis- 
leithaniens mit Ausnahme Galizienö definitiv- hergestellt. Da- 
nach werden in demselben verteten sein der Großgrundbesitz mit 
63, die Städte mit 102, die Handelskammern mit 17, die 
Landgemeinden mit 91 Mitgliedern; total: 273. 
Der Herzog von Grammont wird der Rechtfertigung des 
früheren österreichischen Reichskanzlers Beust bald eine Wider- 
fesselte seine Aufmerksamkeit und hielt ihn fast ganze Nächte hin- 
durch, so daß er, da nicht der Gewinn, sondern recht eigentlich 
das Spiel ihn anzog, nothgedrungen an den besondern Zauber 
von dem sonst seine Freunde gesprochen, und den er durchaus 
nicht statuiren wollen, glauben mußte. 
Als er in einer Nacht, da der Bankier gerade eine Taille 
geendet, die Augen aufschlug, gewahrte er einen ältlichen Mann, 
der sich ihm gegenüber gestellt hatte, und den wehmüthig ernsten 
Blick fest und unverwandt auf ihn richtete. Und jedes Mal, 
wenn der Baron während des Spiels aufschaute, traf sein Blick 
das düstere Auge des Fremden, so daß er sich eines drückenden, 
unheimlichen Gefühls nicht erwehren konnte. Erst, als das Spiel 
beendet, verließ der Fremde den Saal. In der folgenden Nacht 
stand er wieder dem Baron gegenüber, und starrte ihn an un- 
verwandt mit düsteren, gespenstischen Augen. Noch hielt der 
Baron an sich; als aber in der dritten Nacht der Fremde sich 
wieder eingefunden, und zehrendes Feuer im Auge, den Baron 
anstarrte, fuhr dieser los; „Mein Herr, ich muß Sie bitten, sich 
einen anderen Platz zu wählen. Sie genieren mein Spiel." 
(Fortsetzung folgt.) k
        

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