Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1873
Erscheinungsjahr:
1873
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1873/197/
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baldige Eintritt in's Ministerium. Anläßlich dieser ungarischen 
Wirren zirkuliren über den Kaiser Franz Joses und über den 
Reichskanzler Andrassy folgende geflügelte Worte: AlS im 
Deakklub bekannt wurde, der Kaiser habe das Demissionsgesuch 
deS Ministeriums zurückgewiesen^, erhob sich eine Stimme : „ES 
gibt doch noch einen gescheidten uyd ruhig denkenden Mann in der 
Deakpartei." Darauf größeS Erstaunen und Rufe.- „Wer ist 
eS?" „Namen nennen!" und so durcheinander „Nun — 
der König —" lautete die lakonische Antwort. Und Eljen a 
f$raly extönte eS ringsum In einem Kreise altkonservativer 
Peputirten fiel das Wort: Andrassy ist bis tt Uhr ein Trau- 
mer, um> Uhr wird er genial." Als man dem Minister 
tziese Kritik hinterbrachte, rief er halb lächelnd, hdb n^müthip 
„Gebe Gott, daß es baio t t ^ Uhr schlagt 
Der Kaiser von Oesterreich wird stch am 7. Jan. 1874 
nach St. Petersburg begeben. 
Frankreich. DaS Kriegsgericht in Trianon hat sein Ur- 
theil gesprochen, Marschall Bazaine ist zum Tode verurtheilt. 
Wir stehen nicht an zu behaupten — und diesx.HlsiM Werves 
auch unixre ÄM mw' dch VethantßGM gMWtWben 
daß nicht dieÄhemiS mit verbundenen Augen, sondern daß die 
Parteileidenschaft und AachsWldieses Urthjeil diktirt haben. Di? 
Htmee, die Bo!lapartist 
digen haben, auf dessen Haupt, als des Urhebers aller Nieders- 
tagen und allen Unglücks, die ganze Schuld: für Ausgan 
Vxö Krieges geladen werden konnte. Die öffentliche Meinun 
bezeichnete den Marschall Bazaine zu dieser Rolle, wie sie ih 
Wch den ersten Niederlagen als denjenigen bezeichnet hatte dejr 
Dein im Stande sei das Vaterland zu retten. Eine schwach^ 
Regierung warf ihn gegen ihre bessere Ueberzeugung dem rq- 
stnden See zum Opfer hin. 
£6 ist bekannt, daß Bazaine, obwohl begütert genug diz 
Offiziers Cariere einzuschlagen, nicht die Schule von St. Ey 
besuchte, sondern alö simple soldat eintrat, und stch nach eine 
Ämfbahn die selbst in Frankreich durch ihr reißendes Vorwärts 
Effekt gemacht hat, in 33 Dienstjahren den Marfchallstab ey- 
rang. Der Kaiser verlieh ihm diese höchste militärische Würde 
seines HeereS während der mexikanischen Expedition. 
Ueber den letzten Akt des Kriegsgerichtes erzählt der „Gau- 
löiS": Nach dem Schlüsse der Debatten zog sich der Marschall 
in seine Zimmer zurück, wohin ihn die Mitglieder seiner Fa- 
milie, die Marschattin, sein Bruder, seine beiden Neffen und 
ihre Frauen, und die übrigen Getreuen der letzten Stunde, un 
gefähr l5 Personen, begleiteten. Während der Berathung des 
Kriegsgerichts unterhielt stch. der Marschall mit den Anwesenden 
in unbefangener, fast fröhlicher Weife, als wenn sein Kopf nicht 
auf dem Spiele stehe, und wahrend die Angst seinen um ihn 
versammelten Freunden fast den HalS zuschnürte. Nach wem» 
gen Augenblicken verließ die Marschallin, welcher die Scene 
daS Herz zerriß, den Salon und begab sich mit der' Tochter 
Lachaud's in die Kapelle, u5t» dort zw beten. George Lachaud, 
der Sohn des Bertheidigers, welcher die Verkündigung deS 
UrtheilS angehört hatte, begab sich zum Marschall, um ihn auf 
den Besuch deS RegierungS-KommissärS General Pourcet vor- 
zubereiten. „Ist er freigesprochen?" fragte Oberst Billette mit 
zitternder Stimme George Lachaud schüttelte den Kopf und 
stieg die Treppe hinauf, die zu den Zimmern des Marschalls 
führte. Beim Geräusch, das die Thüre machte, wandte sich 
der Marschall um, trat zum jungen Lachaud heran und er sah, 
ohne daß ein Wort gewechselt wurde , auS dessen verzweifelter 
Miene, welches Unheil man gesprochen. „Sie haben mich also 
zum Tod?) verurtheilt" — so sagte einfach her Warschall 
Bazaine, indem, er den» jungen iLachauddie Hand drückte. Utzd 
als derselbe schwieg, fügte er hinzu: „Mit welcher Majorität?" 
— „Einstimmig" antwortete Lachaud mit erstickter Stimme. — 
„Ah!" daS war, die einzige Antwort des Marschalls, der dann 
die Unterhaltung wieder aufnahm. 
Alle Anwesenden weinten bitterlich. Rur der Berurtheifte? 
bewahrte seine Ruhe. In diesem Augenblick trat Oberst Billette 
in den Salon. Er that einen Schritt zum Marschall hin, zu 
dessen Diener er sich seit 18 Monaten gemacht. Als er aber 
j feine Hand ergreifen wollte, verließen ihn die Kräfte und er. 
stürzte ohnmachtig zu. Boden. Der Marschall ging, um seine, 
Rührung zu verbergen, in daS anstoßende Zimmer, w# sein 
Vertheidiger Lqchaud sich «Muhte. Gr theilte demselben gefaßt 
ruhig das Urtheil znit. Bald dmauf wurde Lqchaud zu Au- 
male beschieden, der ihm das Begnadigungsgesuch vynlaS. 
Diese Lösung hatte man erwartet. 
Der Herzog von Aumale hatte sie der Fürstin W Trubetz- 
koi anvertraut. Der Herzog sagte detselbyu „Wir ry^den. 
gerecht, aber milde sein." 
Gegen y 2 t0 Uhr fand stch General Poureet beim Mar?» 
schall Bazaine ein, yly ihm Kenntniß von seiner Verurtheiluyg 
zu geben. Er war voy den übrigen Mitgliedern deS ParqusO 
begleitet. Der GerichtSschreiber Alla laS daS Urtheil vor.. Nach 
dem Vortrage sagt? General Pourcet: „Herr Marschall, Sie. 
haben 24 Stunden, um. Berufung einzulegen. " Der Marschall 
sah ihn scharf an, lächelte und sagte: „Wenn Sie mich auf der. 
Stelle erschießen wollen, so iß mir daS sehr gleichgültige; ich. 
bin bereit." ES fand dann eine herzzerreißeflye Szene statt. 
Die Marschallin, der Bruder, die Reffen, die UichtM d^S War-, 
schalle, sowie seine Freunde schluchzten laut. Der Marschall 
vergoß keine Thräne.ynd tröstete Jedermann 
Der Marschall hatte sich geweigert, sein RevifionSMuch zu 
unterzeichnen. Denen, .welche ihn baten, eS zu thun, sagte er: 
„Ich habe lange gen^g gelebt!" , , v 
Hundertthalerschein, damit du etwas in der Tasche hast, falls du 
einmal per Zufall von nur abkommst Bist du dabei?" 
. „Ich bin dabei!" jauchzte Bueephal. „MitHant und Haar 
bin ich dabei! Bivat Kalmäuser, Mops und Kompagnie!" 
„Wir brauchen jetzt diesen Tabak nicht mehr," sagte Kal- 
mäuser überlegend. „Jetzt können wir uns leyantimschen Kanaster 
und Havannazigarren kaufen Ich will, so gut ich eS verstehe, 
den Mops wieder ausstopfen. Man kann nicht wissen, wozu es 
gut ist. Nachher kamt, um dann wenigstens kein Mensch beweisen, 
daß wir das liebe Thier aufgeschnitten haben." — 
Er machte sich sogleich an die Arbeit, die ihm Dank der 
Kenntnisse, welche er bei seinem früheren Hauswirts dem Thier* 
ausstopser, gesammelt hatte, recht gut von dep Hand ging.. 
Schließlich nähte er die Naht wieder zusawmen, wobei er die 
Beobachtung machte, daß dieselbe schon früher einntql .aufgetrennt 
worden sein müßtt: WMfcheMUch'hatte^ 
es gethan, als sie ihren Schatz verbarg. Als' er ganz fertig? 
war, sah der Mops gerade so aus, als ob ihm gar nichts Passirt 
vöäre. Allen Tabak hatte der jungeMedizmer fieAH'' mcht"wieder 
einpressen können. Ein kleiner Hausen MopSkanaster war übrig 
geblieben, der, um ihn aus der Welt zu schaffen, noch schleunigst 
verraucht wurde. 
Dann stellte Kalmäuser den Mops in seinen Kleiderschrank, 
der ohnehin leer wav, verschliß die^N sorgfältig unt^verließ 
rauf mit seinem Freunde itt Begleitung der fünftausend Thaler 
das Gemach. Aus der Treppe begegneten sie dem Hauswirts 
welchem der junge Studentx sagtet daß er etwa attf 14 Tage 
verreisen würde. Der biedere Bürstenbinder brummte ein wenig, 
sagte aber nichts — nicht einmal: Aus Wiedersehen. 
(Fortsetzung folgt )
        

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