Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1873
Erscheinungsjahr:
1873
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1873/17/
Bischofs unter Mitwirkung der Abgeordneten der Konferenz 
innerhalb 14 Tagen zu ernennen, Berathung zu pflegen. Die 
Antwort lautete, man könne, da der Bischofssitz weder durch 
Todesfall erledigt, noch der Bischof exkommunizirt sei, noch de- 
missionirt habe, die Stelle nicht als erledigt betrachten und 
daher auch keine Wahl eines BiSthumsverwesers vornehmen. 
Am 30 Januar hat in Rüthi (Kt. ©t. Gallen) abermals 
ein Unglück durch Herabstürzen von Stein, und Schuttmassen 
stattgefunden. Zwei Arbeiter wurden nur unbedeutend verletzt, 
einem dritten, Fidel Frei, Vater von 5 unerwachsenen Kindern, 
wurde ein Bein unter dem Knie weggerissen; der Unglückliche 
liegt jetzt im Marolanischen Spital in Altstetten. 
Frankreich. Zwischen Thiers und der Dreißigerkommission, 
den 30 Chinesen, wie sie genannt werden, stehen die Dinge 
so ziemlich auf der Spitze. Hinsichtlich der Frage eines neuen 
Wahlgesetzes hielt Thiers am allgemeinen Stimmrecht mit dem 
einzigen Korrektiv des einjährigen Domizils fest. Anderseits 
hat die Mehrheit der Dreißigerkommission Thiers erklären las- 
sen, er möge doch nicht daran festhalten, an einer förmlichen 
Diskussion in der Nationalversammlung Theil zu nehmen und 
zum zweiten Mal zu sprechen. Die Dreißiger wollen Thiers 
nur einmal den Mund aufthun lassen und ihm dann denselben 
schnell zuklappen. Er soll nicht einmal der fernern Diskussion 
zuhören, sondern, so bald er seine Rede vom Stapel gelassen, 
soll er, als um Zentnerschwere, also hinreichend erleichtert, aus 
dem Saale geschafft werden. Wenn Thiers das nicht eingehe, 
sagen die Dreißiger, sei keine Verständigung möglich, denn das 
sei ihnen die Hauptsache. 
England. Am 6. Februar wurde das Parlament durch 
eine Kommission unter den gewöhnlichen Förmlichkeiten eröffnet. 
Der Inhalt der Thronrede, welche vom Lordkanzler bei dieser 
Gelegenheit verlesen wurde, ist ungefähr folgender: 
Die Negierung hat Versicherungen der Freundschaft von 
allen Selten erhalten. Wir leben in Freundschaft mit aller 
Welt und empfingen von den auswärtigen Nationen die Ver- 
stcherung, daß sie uns ihre Mitwirkung gewähren würden, um 
die Sklaverei der afrikanischen Küste abzuschaffen. Bezüglich 
der mit Rußland begonnenen Unterhandlungen wegen der gegen- 
seitigen Beziehungen in Asien versicherte Schuwaloff die Königin 
der freundschaftlichen Gefühle seines Hofes gegen England. 
Der Handelsvertrag mit Frankreich wird darauf abzielen, -die 
Freundschaft zwischen den beiden Ländern zu erhalten. Thiers 
willigt ein, Schiedsrichter zwischen Portugal und England zu 
sein bezüglich deS Territoriums, welches die beiderseitigen Be- 
sitzungen an den Nordküsten Afrikas trennt. Die Rede spricht 
sovann auch von der Alabama- und der San Iuan-Frage 
werden könnte, auch nur einen einzigen Louisd'or entlocken zu 
wollen. Die Flüche und Verwünschungen einer Menge Men- 
schen, ja ganzer Familien, die durch seine satanischen Spekulativ- 
nen in's tiefste Verderben gestürzt wurden, lasten schwer auf ihm. 
Er ist bitter gehaßt von Allen, die ihn kennen; Jeder wünscht, 
daß die Rache für alles Böse, das er thac, ihn erfassen und sein 
schuldbeflecktes Leben enden möge. Gespielt hat er, wenigstens 
so lange er in Paris ist, niemals, und Ihr dürft Euch nach alle- 
dem über das tiefe Erstaunen gar nicht verwundern, in das wir 
geriethen, als der alte Geizhals an den Spieltisch lrat. Ebenso 
mußten wir uns wohl über seinen bedeutenden Berlnrst freuen, 
denn arg, ganz arg würde es doch gewesen-sein, wenn das Glück 
den Bösewicht begünstigt hätte. Es ist nur zu gewiß, daß der 
Reichthum Euerer Bank, Chevalier, den alten Thoren verblendet 
hat. Er gedachte Euch zu rupfen, und verlor selbst die Federn. 
Unbegreiflich bleibt es mir aber doch, wie Vertua, dem eigent- 
lichen Charakter des Geizhalses entgegen, sich entschließen konnte 
zu solch hohem Spiel. Nun, er wird wohl nicht wieder kommen, 
wir sind ihn los. 
Diese Vermuthung traf jedoch keineswegs ein, denn schon 
und erwähnt die vorzulegenden Gesetzentwürfe, unter anderen 
einen zur Verbesserung des Unterrichtssystems in Irland. 
Die Einigung zwischen England und Rußland über die 
mittelasiatische Frage soll darin bestehen, daß Rußland Khiva 
züchtige und seine dort gefangenen Angehörigen befreie, aber 
ohne von Khiwa Besitz zu nehmen, ferner, daß Afghanistan 
als neutrales Scheidegebiet zwischen England und Rußland 
erklärt und seine streitige Grenze friedlich festgestellt werde. 
Verschiedenes. 
Südamerikanisches. Der erschossene Präsident von 
B oliv i a, Morales, muß ein ganz absonderlicher Gesellschafts- 
retter gewesen sein Als er den Präsidentensitz einnahm, nannte 
er den Congreß eine Schaar fauler Männer und Schurken, 
gewissenlose, unwürdige Schufte, Venäther und Auswürflinge 
und versprach aus den Boliviern eine große Nation zu machen 
und die Freiheit zu " begründen. Als darauf alle Räche und 
Beamten ihre Entlassung nahmen, wollte er die Diktatur aus- 
rufen lassen und haranguirte bald mit Schmeicheleien bald mit 
Drohungen gegen die ganze Weit die Truppen. Dann folgte 
ein acht südamerikanisches Drama: 
Es bricht die Nacht herein; finstern, rachebrütenden Her- 
zens setzt er sich zum Mahle nieder, große Massen Eognacs 
hinunterstürzend; ein anonymes Schreiben theilt ihm mit, er 
solle in dieser Nacht durch zwei seiner Adjutanten, La Vina 
und La Silva, gemeuchelt werden. Da bricht er los, stürzt 
in das Vorzimmer und schlägt mehrere Offiziere unter einer 
Flutb von Drohworten mit geballter Faust inS Gesicht. Wie 
er La Vina erblickt, wirft er sich auf ihn und faßt ihn an die 
Kehle, um ihn vom Balkon auf die Straße zu schleudern, un- 
ter gewaltigen Anstrengungen gelingt es diesem, sich der furcht- 
baren Umarmung zn entwinden und durch einen Satz aus der 
Thür dem sichern Tode zu entrinnen: schäumenden Mundes 
stürmte MoraleS dann gegen La Silva; aber ehe er ihn er- 
reicht, fällt ihm sein Neffe Federico La Faye in den Arm, um 
den Rasenden zu beschwichtigen. Aber Morales versetzte ihm 
mit der Faust einen mächtigen Hieb an den Kops, daß er jäh- 
lings zu Boden stürzt, und wendet sich zum Gehen. Doch mit 
Blitzesschnelle rafft sich der junge Offizier vom Boden auf, reißt 
in unbändiger Wuth einen Revolver heraus und jagt seinem 
Oheim eine Kugel in den Rücken. Dieser dreht sich um, aber 
ehe er einen Schritt gethan, fühlte er sich noch fünfmal getrof- 
fen. Morales, ein hochgewachsener Mann von herkulischer 
Körperkrast. spricht kein Wort, mit keuchender Brust hält er 
sich noch einen Augenblick an einer Tischecke fest und bricht 
in der folgenden Nacht statkd Vertua wiederum an der Bank des 
Chevaliers und setzte und verlor viel bedeutender als gestern. 
Dabei blieb er ruhig, ja er lächelte zuweilen mit einer bittern 
Ironie, als wisse er im Voraus, wie bald sich Alles ganz an- 
ders begeben würde. Aber wie eine Lavine wuchs schneller und 
schneller in jeder der folgenden Nächte der Berlnrst des Alten, 
so daß man zuletzt nachrechnen wollte, er habe an dreißigtaufend 
Louisd'or zur Bank bezahlt. Da kam er einst, als schon längst 
das Spiel, begonnen, todtenbleich, mit verstörtem Blick in den 
Saal, und stellte sich fern von dem Spieltisch hin, das Auge 
starr aus die Karten gerichtet, die der Chevalier abzog. Endlich, 
als der Chevalier, die Karten gemischt hatte, abheben ließ und 
endlich die Taille beginnen wollte, rief der Alte mit kreischendem 
Ton: Halt! daß Alle beinahe entsetzt sich umschauten. Da drängte 
sich der Alte durch bis dicht an den Chevalier hinan, und sprach 
ihm mit dumpfer Stimme in's Ohr: „Chevalier, mein Haus in 
der Straße St. Honore nebst der ganzen Einrichtung, der Habe 
an Silber, Gold und Juwelen ist geschätzt auf achtzigtausend 
Franken, wollt Ihr den Sa^ halten?" „Gut!" erwiderte Ver 
Chevalier kalt, ohne sich umzusehen nach dem Alten, und begann 
die Taille. ' (Fortsetzung folgt.)
        

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