Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1873
Erscheinungsjahr:
1873
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1873/148/
und italienischen Krieges von 1866. Weniger hart betroffen 
find die Monarchen selbst, als Bismarck, auf den Lamarmora 
eS besonders abgesehen hat. Bismarck erscheint als derjenige, 
der alle Fäden gesponnen, den Krieg mit Oesterreich angezettelt, 
seinen König dazu beredet. Napoleon hinter'S Licht geführt 
hat Zc ES werden von ihm gelegentlich auch noch weitere 
Abenteuer von anderer Seite enthüllt, er habe die Hofkorre- 
spondenz mit Kaiser Franz Josef, vermittelst welcher königliche 
Mütter Preußen neuerdings nach Olmütz zu führen gedachten, 
unterschlagen, er habe wahrend deS Krieges stets einen Revol 
ver bei sich gehabt, um sich den Kopf zu zerschmettern, wenn 
es etwa schlecht ginge. Besonders wird Bismarck vorgehalten, 
er habe zu General Govone gesagt, er sei mehr Preuße als 
Deutscher und ihm käme eS auf ein Stück Rheinland oder 
Pfalz nicht an, aber der König würde darein nicht willigen, 
als in einer höchsten Krisis. Govone suchte nämlich Bismarck 
zu den Zwecken Napoleons zu erforschen. Bismarck wußte eS 
und' gab ihm einen Esel für ein Pferd zu kaufen, wie eS 
unter solchen Umständen nicht nur jeder Diplomat, sondern 
jeder gescheidte Bauer thäte. Jnfoferne hat Lamarmora'S spitzer 
Pfeil auch den Kaiser von Deutschland getroffen, als er den 
hohen Herrn stark fühlen läßt, daß er von seinem großen 
Minister geführt worden ist und hohe Herren fühlen daS nicht 
gerne, besonders nachdem Alles gut gegangen ist. 
Am 16 September, Morgens um 9% Uhr, gingen die 
letzten deutschen Krieger über die französische Grenze zurück und 
in Frankreich steht jetzt kein einziger^ deutscher Soldat mehr. 
Mehrere Blätter, die diesem Ereigniß längere Leitartikel widmen, 
weisen darauf hin, daß Elsaß-Lothringen auch wieber an Frank- 
reich zurückkommen müsse, aber, daß man vorsichtig sein und 
zuwarten müsse, bis Frankreich wieder stark genug sei, um seine 
„rechtmäßigen" Forderungen mit dem gehörigen Nachdrucke 
stellen zu können. Mehrere Blätter, wie „Rappel", „Evene- 
ment" und „XIX. Siecle" bringen ein Geti^t von Viktor 
Hugo, daS die Überschrift trägt: „La lib^ration du Territoire," 
und worin der romantische Burggraf klagt, daß er sich nicht 
befreit findet, daß „er erstickt" und daß „ihm ein feuerspeiender 
Berg auf der Brust liegt", weil Elsaß-Lothringen noch nicht 
wieder befreit sei. Ein rechter Schwung herrscht in den Massen 
nicht; man ist zu sehr wegen der nächsten Zukunft besorgt, der 
alle Welt ziemlich trübe entgegensieht und welche wahrscheinlich 
furchtbare innere Krämpfe bringt. Die Räumung ging ohne 
alle besonderen Zwischenfälle vorüber. 
Oesterreich. Nach amtlichen Zusammenstellungen sind in 
Ungarn und Galizien bis 1. September 104,000 Menschen 
der Cholera erlegen. Seit Anfang deS laufenden Monats be* 
ginnt nun zwar die Cholera allenthalben zu schwinden und ist 
sonach zu hoffen, daß sich die obengenannte enorme Zahl nicht 
verwundern war. Voll Ungeduld erwartete der Bursche die An 
kunft der nächsten Feldpost, aber fast noch ungeduldiger erschien 
sein Herr. Endlich schmetterte das Horn wieder und Grützner 
lief mit Siebenmeilenstiefeln, so daß er außer Athem schon nach 
wenigen Minuten mit dem ersehnten Briefe zurückkehrte, den der 
Lieutenant laut vorlas. 
„Das wird ja immer toller!" sagte dieser, nachdem er geendet 
hatte. „Wenn hier nicht Zauberei im Spiele ist, so steht mir 
der Verstand still. Den Brief könnte die Rahel oder Bettina ge- 
schrieben haben." 
„Die sind mir nicht bekannt und gehen auch nicht mit der 
Louise um." 
„Das glaube ich gern," lachte der Lieutenant. „Doch wie 
kommt das Mädchen zu solchem Geist? — Dahinter steckt sicher 
ein Geheimniß!" setzte er nachdenklich hinzu. 
„Ich hab's!" rief der Bursche. „Die Louise ist schlau und 
hat sich gewiß den Briefsteller für Liebende gekauft. Da ist es 
keine Hexerei, daß man gebildet schreibt" 
„Du bist ein Dummkopf. Kein Briefsteller in der ganzen 
mehr wesentlich vermehren werde, allein an Stelle der Cholera 
sind andere verderbliche Krankheiten getreten, welche gleichfalls 
beträchtliche Verheerungen anrichten. — In Wien dauert die 
Cholera in gleichem Maße wie bisher. — In Italien läßt die 
Cholera nach. In Schweden, Belgien und Frankreich ist die 
Epidemie zerstreut aufgetreten. 
Die Reise des Königs von Italien nach Wien und Berlin 
wird vom italienischen Volke mit großer Befriedigung aufge- 
nommen und applaudirt. Nach Meldungen der Telegramme 
ward der König auf der Fahrt überall von jubelnden Volks- 
mengen begrüßt. Cantelli hat interimistisch das Ministerium 
deS Aeußern, Finali daS der Finanzen übernommen. Viele 
Munizipalitäten sandten dem Ministerium Glückwünsche anläß- 
lich der Reise des Königs. 
Am 17. d. M. traf Viktor Emanuel in Wien ein. Die 
Bevölkerung von Wien benahm sich bei seiner Ankunft sehr 
sympathisch. Alle früheren Schmerzen sind jetzt vergessen. Der 
Kaiser Franz Josef lehrt durch die That, ein Fürst müsse zur 
rechten Zeit zu vergessen und zur rechten Zeit sich zu erinnern 
wissen. Ein Stichwort der „Tageschronik" sagt, in Wien 
werde von Politik gesprochen, zu Berlin in Politik gehandelt 
werden. 
Die Ernte hat in Ungarn nicht nur den gehegten Erwart- 
ungen nicht entsprochen, es ist vielmehr mit Grund *u befürch 
ten, daß daS gegenwärtige Jahr zu den schlimmsten Nothjahren 
zu zählen sein und die Hilfeleistung deS Staates vielseitig und 
dringend in Anspruch genommen werden wird. Wie verlautet, 
hat die Regierung unter Anderem schon beschlossen, größere 
Straßenbauten ausführen zu lassen und australischen Weizen 
und Roggen als Saatkorn für die heimgesuchten Gegenden 
anzuschaffen. 
Cholera und Hungersnoth sind die beiden schauerlichen 
Textesworte, über welche die Presse predigt. Namentlich auch 
unter, der bäuerlichen Bevölkerung soll große Noth walten, die-' 
Felder seien entwerthet und das Wucherthum mache sich den 
herrschenden Geldmangel in großartiger Weise zu Nutze. 
Italien. Im Befinden des Papstes ist wohl eine Wend- 
ung zur Besserung eingetreten, doch bleibt die allgemeine 
Schwäche. Aber trotz aller Schwäche und Hinfälligkeit kün- 
digen sich noch oft die munteren Lebensgeister in der einen und 
andern ungewöhnlichen oder scherzhaften Aeußerung an. Als 
ein noch von Gregor XVI. ernannter Kardinal ihn besuchte 
und die kurze Unterhaltung auf das heilige Kollegium kam, da 
bemerkte Pius: „Ich habe hundert Kardinäle begraben, die 
meine Vorgänger oder ich'ernannt haben, eS fehlt nur noch 
einer, die Salve bei meinem Tode (101 Kanonenschüsse) voll 
zu machen " 
Spaniens politische Lage scheint sich zu verbessern, Dank 
Welt besitzt diese Annmth, Grazie und liebenswürdige Schalkheit, 
die aus jeder Zeile spricht. Dagegen komme ich mir wie ein 
Stümper vor und ich schäme mich, ihr einen solch armseligen 
Brief geschrieben zu haben." 
„Wir dürfen nur nicht die Courage verlieren," tröstete der 
gutmüthige Hans. „Das nächste Mal wollen wir uns ordent- 
lich zusammennehmen und der Louise zeigen, daß wir Haare auf 
den Zähnen haben und uns nicht von einem Frauenzimmer aus 
dein Sattel heben lassen " 
Damit war der Lieutenant einverstanden, da ihn das Aben- 
teuer reizte. Sogleich mußte sich der Bursche niedersetzen und 
die Antwort schreiben, die er ihm unter dem frischen Eindruck 
des eben empfangenen Briefes in die Feder diktirte. Unwillkür- 
lich wurde seine Sprache leidenschaftlicher und wärmer, seine 
ganze Ausdrucksweise feiner und gewählter. Wenn er auch den 
Geist und die Maske eines Offiziersburschen beibehielt, so be- 
mühte er sich doch, überall, wo sich dazu Gelegenheit bot, seinen 
Witz und angebornen Humor glänzen zu lassen. Mit der Be- 
schreibung des Lagerlebens und der kriegerischen Ereignisse
        

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