Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1873
Erscheinungsjahr:
1873
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1873/141/
— 135 - 
sich 15 sofort bereit erklärt, Vertreter nach Bern zu senden. 
Es bestätigt sich, daß Frankreich aus finanziellen Gründen, we- 
nigstens für die nächste Zeit, seine Mitwirkung abgelehnt hat, 
da es nicht daran denken könne, den Porto-Tarif demnächst 
herabzufetzen Die türkische Regierung, welche bekanntlich in 
der Erledigung von Geschäften etwas säumig ist, hat noch keine 
Zeit gefunden, eine definitive Antwort zu erlheilen; doch glaubte 
man bestimmt, daß dieselbe noch eintreffen und günstig lauten 
wird. Die Erklärung Rußlands endlich war für die Idee des 
Kongresses sehr sympathisch gehalten, hielt jedoch aus „äußer- 
lichen Gründen" die Zeit des Zusammentritts für nicht sehr 
geeignet und beantragte die Vertagung des Congresses. We- 
gen der großen Wichtigkeit, welche Nußland hinsichtlich seiner 
ungeheuren Ausdehnung für ein einheitliches Porto hat, befür- 
wortete die deutsche Regierung beim Schweizer Bunde den Ler- 
tagungkantrag des St. Petersburger Cabinets. 
Seit einiger Zeit rumorte in den Blattern die Mähr, ein 
böser deutscher Graveur habe auf die neuen schweizerischen 20 
Fr. Stücke nur mit der Loupe wahrnehmbar den Kopf des 
deutschen Kaisers in Gestalt eines Punktes oder Stern 
chens eingeschmuggelt. Dann hieß es, der Punkt sei ein 
Kindskopf, dann der Kopf des Graveurs. Nun ist es das 
gewöhnliche Münzzeichen der belgischen Münzstätte, in der die 
Stücke geprägt und überdies ist der Graveur kein Deutscher, 
sondern ein Belgier. 
Spanien. Emiiio Castelar, Spaniens großer Redner, ist 
mit zwei Duttel Stimmen zum Präsidenten der Körles erwählt 
worden. In seiner Antrittsrede hält er am föderalistischen 
Prinzip fest und verwirft die Diktatur. Dagegen dringt er 
energisch auf die Wiederherstellung der Ordnung und Unter- 
drückung jeder Empörung. 
Die Ka» listen sind in mehreren Treffen geschlagen worden; 
das bedeutendste ist die Niederlage, welche ihnen der General 
Santa Paul bei Arroniz in der Nähe von Estella (Provinz 
Navarra) beigebracht hat. Die Belagerung von Estella hatten 
die Karlisten aufgeben müssen, dagegen hatten sie in der Nahe 
dieser Festung eine befestigte Stellung eingenommen. Die Ver- 
lüfte, weiche sie erlitten, waren bedeutend, aber eben so groß 
die der republikanischen Truppen. 
Türkei. Der Aufenthalt des Schah von Perfien in 
Konstantinopel, dem ein so glänzender Empfang vorauSgegan- 
gen, endete in völliger Nichtbeachtung. Das Publikum nahm 
gar keine Notiz von dem Gaste und der Sultan markirte seinen 
höhern Rang m jeder Weise. Schon bei der Landung stieg 
er zuerst in sein Ruderboot hinab und rief dann dem hinter 
ihm Wartenden mit brüsker Geberde zu: „So komm doch!" 
Wer dem Schah auch nur nachfrug, gab sich als Europäer zu 
erkennen und galt als Maulaffe. 
Diesmal ließ sich Hans Grützner nicht lange bitten, da er 
noch größere Erle als sein Gebieter zu haben schien. Wie der 
Blitz fuhr er mit seinen Armen in den grauen Kommismantel 
setzte er die alte Soldatenmütze schief auf das kurz geschorene 
Haupt und stürzte fort nach dem Hause, vor dem die eben an- 
gelangte Feldpost hielt 
Hier war ein Drängen und Treiben, wie es sich gar nicht 
beschreiben läßt. Offiziere und Gemeine, Infanteristen und Ka- 
valleristen warteten mit Sehnsucht auf die Bertheilung der einge- 
gangenen Nachrichten aus der Heimath. So manche Hand die 
vor dem Feinde nie gezittert, bebte jetzt, als sie das Siegel er- 
brach' so manches Männerauge, das selten oder nie geweint, 
füllte sich jetzt mit Thränen und über manches wilde, bärtige Ge- 
ficht flog ein milder Freudenschimmer. Da stand der junge Soldat 
und las den Brief seiner Mutter, deren Liebe nicht nur aus jedem 
Worte, sondern auch aus den beigelegten blauen Wollensocken 
sprach, die sie mit eigener Hand gestrickt und neben ihm der alte 
Landwehrmann,' der die liebevollen, wenn anch unorthographischen 
Zeilen seiner Frau und die Krackelfüße seiner Kinder mit Ent- 
Amerika. In Massachusets, wo der Ausschank von Bier 
nicht allein am Sonntag, sondern jederzeit vom Gesetz zum 
Verbrechen gestempelt worden ist, wurden von der Zentral- 
Distrikts-Curt in Worcester am 7. d. M. sechs deutsche Bier- 
wirthe, die sich dieses Verbrechen zu Schulden kommen ließen, 
zu 6 Monat Korrektionshaus und einer Geldstrafe von 100 
Doll. verurtheilt, Dabei wurde noch vom Richter angeordnet, 
daß die Verurtheilten dafür 1000 Doll. Bürgschaft stellen, daß 
sie innerhalb eines Jahres sich nicht wieder desselben Verbrechens 
schuldig machen; in Ermanglung der Bürgschaft aber haben 
dieselben für die ganze Zeit in'S Gefangniß zu wandern. In 
Chicago sind die Zustände auch nicht minder schön. Dort wendet 
die Polizei ihre Kräfte nicht nur für strenge Durchführung der 
Polizeistunde an Erst neulich trieb sie eine Gesellschaft von 
Deutschen auseinander, indem sie dieselbe nach Ablauf der Poli- 
zeistunde mit ihren Knüppeln bearbeitete und nach dem Polizei- 
gewahrsam schleppte. Der Unwille der Deutschen gegen die 
Polizei über diese Behandlung ist groß, und sie sagen, daß es 
in Deutschland selbst in der schlimmsten Polizei- und Nacht-' 
wächterSzeit nicht ärger gewesen sei. 
Verschiedenes. 
* Zn Weinselden (Ct. Thurgau) findet vom 5. bis 14 
Oktober 1873 eine schweizerische landwirtschaftliche Ausstellung 
statt. Das Unternehmen soll colossale Dimensionen angenom- 
men haben. Die Viehausstellunq, ursprünglich auf 700 Stück 
berechnet, zählt mehr als 1200 Anmeldungen. Daneben fin- 
den sich landwirtschaftliche Erzeugnisse aller Art; ferner Ma- 
schinen und Geräthe. Auch die Bienenvölker werden in Wein- 
felven vertreten sein. 
Bei der geringen Entfernung Weinfelvens ist auch den 
unsrigen Landwirthen Gelegenheit geboten, die AusstellungS- 
gegenstände in Augenschein zu nehmen. 
* Aus - Mar seil l e wird gemeldet: „Die größte Thätig- 
keit herrscht seit mehrere« Tagen in unseren Marseiller Häfen; 
binnen 48 Stunden liefen 144 Schiffe mit Getreide ein. Die 
hiesigen griechischen Häuser haben eine Anzahl Schiffe aus- 
gerüstet, um weiteres Getreide in Odessa, in Taganrog und an 
den Ufern der Donau zu holen. Was seit einem Monate an 
Getreide gewonnen wurde, ist nicht zu berechnen. Die griechi- 
schen Häuser, wie Scaramanja, Radcanschi, Rallt und Argenti, 
legten Millionen zurück. Einfache Mäckler gewannen bis 20,000 
Franken die Woche. 
* In Wien ist das großartige Werk der Versorgung der 
Stadt mit Quellwasser aus den steierischen Gebirgen, 
an welchem seit 10 Iahren mit 21 Millionen Gulden Kosten- 
aufwand gearbeitet wurde, in das vorletzte Stadium der Vollen- 
dunq gelangt, Das Wasser brauchte 25^ Stunden, um die 
zücken las. Endlich kam auch die Reihe an Freund Grützner, 
der auf seine Anfrage etuen Brief erhielt, mit dem er zu seinem 
Herrn eiligst zurückkehrte 
„Nun wie steht's? fragte dieser, ungeduldig dem Boten die 
Hand schon von Weitem entgegenstreckend. 
„Es ist blos Einer gekommen," antwortete der Bursche 
phlegmatisch. 
„So gib doch her!" 
„Nicht für Sie, Herr Lieutenant, nur ein Brief für meine 
Wenigkeit." 
„Was der Kerl für ein Glück hat" dachte der Offizier, der 
seinen Diener im Stillen darum beneidete. 
Die gelauschte Erwartung war eben nicht dazu angethan, die 
gute Laune des Lieutenants zu verbessern. Verdrießlich starrte 
derselbe durch die gefrorenen Fensterscheiben den rothen Abend- 
Himmel an, während der Bursche einige abgebrochene Schemmel- 
beine in den Kamin warf und das letzte Stearinlicht anzündete, 
da es bereits in dem Zimmer dunkel geworden war. 
(Fortsetzung folgt.)
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.