Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1873
Erscheinungsjahr:
1873
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1873/133/
gesteigertes Verfolgungssystem hervor. Starrsinn, Rachsucht I 
und Geldgier waren Karl's hervorragendste Eigenschaften, denen 
selbst die Unabhängigkeit der Rechtspflege zum Opfer fallen 
mußte. Die vom Grafen Münster 1820 vereinbarte landstän 
dische Verfassung hatte Karl eigenmächtig aufgehoben und ver- 
kaufte die Staatsdomamen zum Vortheil setner Privatkasse. 
In Braunschweig behagle ihm der Aufenthalt in Folge der, 
wenn auch langsam, doch stetig steigenden Gährung nicht; er 
war am liebsten in Paris. 'Am 31. Mai ]829 traten endlich 
während seiner Abwesenheit die Landftände aus eigener Mackt- 
Vollkommenheit zusammen, um eine Beschwerde an den Bundes- 
tag zu berathen Des Herzogs Günstling Bitter wußte die 
Verhandlungen in die Länge zu ziehen, so daß bis zum Juli 
1830 nichts zu Stande gekommen war. Da brach in Paris 
die Juli-Revolution aus und vertrieb den Herzog. Heimlich 
kehrte er nach Brauschweig zurück. Kaum war jedoch seine 
Ankunft bekanntgeworden, so brach in Braunschweig der offene 
Aufruhr loS: das Volk stürmte das Residenzschloß und steckte 
eS in Brand, der Herzog entfloh. Der durch die freiheitlichen 
Bewegungen in Deutschland in Schrecken gesetzte Bundestag 
legitimirte später die braunschweigische Revolution, erklärte Karl 
für regierungsunfähig und erkannte seinen Bruder Wilhelm 
(den 1806 geborenen, noch jetzt regierenden Herzog), der den 
Beschwerden der Braunschweiger Abhülfe verheißen und provi- 
sorisch die Regierung übernommen hatte, als Bundessürst an. 
Karl hatte im Auslande ein' bedeutendes Vermögen unterge- 
bracht und hielt sich seitdem in London und Paris auf, wo er 
mehrmals zu scandalösen. Prozessen Anlaß gab. Im Jahre 
1870 hatte er das Schicksal aller Deutschen aus Paris vertrie- 
ben zu werden, und siedelte sich in Genf an, wo ein schneller 
Tod seinem ruhmlosen Dasein jetzt ein Ende gemacht hat. 
* Durch eine vom 6. Februar 1833 datirte Vereinbarung der 
Agnaten wurde ihm die eigene Administration, so wie die Dis 
position über sein Vermögen entzogen und über dasselbe eine 
neue Vormundschaft angeordnet, gegen welche er am 8. Mai 
1833 protestirte. 
Daö Testament des verstorbenen ehemaligen Herzogs von 
Braunjchweig schenkt der Stadt Genf sein ganzes Vermögen: 
Schloß, Wälder, Diamanten, Aktien zc. ac Der hier realisir- 
bare Theil des Vermögens wird auf eine Million Pfd. Sterl. 
geschätzt. Ein weit bedeutenderer im Auslande befindlicher Theil 
desselben dürfte für ben Bezug einige Schwierigkeiten verur« 
fachen. Der Dahingeschiedene wünscht, daß seine Leiche ein- 
balsamirt und daß ihm in einem hervorragenden Stadttheile 
eine Reiterstatue errichtet werde. Er verbietet der Stadt jeden 
.Kompromiß mit der Familie. Dem Testamentsvollstrecker George 
Thomas Smith bestimmt er eine Million Franken, auch andere 
persönliche Legate sind ausgesetzt. 
sei, zur Hausfrau geben solle. Meister Martin ließ Beide aus- 
reden, dann zog er sein Käpplein ab und sprach lächelnd: „Ihr 
lieben Herren nehmt Euch des Gesellen wacker an, der mich auf 
schändliche Weise hintergangen hat. Doch ich will ihm verzeihen; 
verlangt indessen nicht, daß ich um seinetwillen meinen festen 
Entschluß ändere, mit Rosa ist es nun einmal ganz und gar nichts." 
In diesem Augenblick trat Rosa hinein, leichenblaß mit verweinten 
Augen und setzte stillschweigend Trinkgläser und Wein auf den 
Tisch. „Nun, begann Herr Holzschuer, „nun muß ich denn wohl 
dem armen Friedrich nachgeben, der seine Heimat verlassen will 
aus immer. Er hat ein schönes Stück Arbeit gemacht bei mir, 
das will er, wenn Ihr es, lieber Meister, erlaubt, Eurer Rosa 
verehren zum Gedächtniß schaut es nur an." Damit holte Meister 
Holzschuer einen kleinen überaus künstlich gearbeiteten, silhernen 
Pokal hervor und reichte ihn dem Meister Martin hin, der großer 
Freund von köstlicher Gerätschaft, ihn nahm und wolgefällig von 
allen Seiten beäugelte. In der That konnte man auch kaum 
herrlichere Silberarbeit sehen, als eben dies kleine Gefäß. Zier- 
liche Ranken von Weinblättern und Rosen schlangen sich rings 
Oesterreich. Wiener Weltausstellung. Von den weit 
über fünfzigtausend Ausstellern ist die höchste Auszeichnung, 
welche die Jury der Wiener Weltausstellung zu verleihen hatte, 
daS Ehrendiplom, nicht mehr als 418 Ausstellern zuerkannt 
worden. Man ist also ziemlich streng mit der Auswahl ver- 
fahren. Von diesen 418 Ehrendiplomen fallen aus die kleine 
Schweiz 21. 
Der in Hamburg versammelte deutsche Journalistentag hat 
in seiner zweiten Sitzung vom 18. d. einen anerkennenswerthen 
Beschluß gefaßt, nach welchem er es als Ehrenpflicht der ge- 
sammten periodischen Presse Deutschlands ansieht, die Aufnahme 
aller Annoncen, Reklamen u. dgl. zu verweigern, welche dem 
offenbaren Schwindel auf medizinischem, gewerblichem, industriel- 
lem und kommerziellem Gebiete Vorschub leisten, oder welche 
die Schamhaftigkeit verletzen. Der Journalistentag rechnet dabei 
auf die Unterstützung des gesammten Publikums, insbesondere 
aber des Standes der Aerzte und Apotheker. Wer weiß, wie 
das Publikum durch derlei Schwindel-Ankündigungen geprellt 
wird, kann diesen Beschluß nur warm begrüßen. 
Stand der Cholera in München. Von Montag, den 18. 
d. Abends bis Dienstag, den 19. d. Abends beträgt der Zu- 
gang an Erkrankungen 21, jener der Todesfälle aus der Ge- 
jammtzahl aller seit Beginn der Epidemie Erkrankten 14, so 
daß sich bis jetzt die Zahl aller Erkrankungen auf 353, aller 
Todesfälle auf 138 beziffert. Am 19. August deS JahreS 
1854 betrug der Zugang an Erkrankten 127/jener der Todes- 
fälle 75, somit der Gesammtstand des JahreS 1854 an Er- 
krankungen 1104, an Todesfällen 430. 
Frankreich. Der „Courier de Lyon" schreibt über den 
bevorstehenden Prozeß gegen Bazaine: Die Regierung befürch- 
tet, wie eS scheint, eben so sehr die Freisprechung als die Ver 
urteilung, letztere wegen deS ungünstigen Lichtes, daS dadurch 
auf die Führer der Armee fallen müßte, und wegen des Stoßes, 
den die Disziplin dadurch erleiden würde; die Freisprechung 
wegen des schlechten Eindrucks, den sie auf die nach Deutsch« 
lanv als Kriegsgefangene abgeführten Soldaten machen muß, 
die sich als die Opfer der Jntriguen und Berechnungen von 
Bazaine betrachteten. Man weiß ferner, daß der Advokat La- 
chaud, wenn er seinen Klienten von einem Todesurtheil bedroht 
sieht, um ihn zu retten, Alles aufbieten, und die Generale, 
welche bei der Kapitulation von Metz betheiligt gewesen, nicht 
schonen, alle schlecht ausgeführten Befehle, alle Fehler aufdecken 
würde. Das Kriegsgericht ist noch nicht offiziell konstituirt, 
aber seine Zusammensetzung ist bereits festgestellt und die Re- 
gierung kann auf willkürliche Weise nichts daran ändern. 
Amerika. Ueber den schmählichen Handel mit italienischen 
Kindern als Musiker, Prostituirte u. s. w., von dem in den 
letzten Monaten fast alle Zeitungen berichtet haben, kommen 
herum, und aus den Rosen, aus den brechenden Knospen schauten 
liebliche Engel, so wie inwendig auf dem vergoldeten Boden alt- 
muthig liebkosende Engel gravirt waren. Goß man nun hellen 
Wein in den Pokal, so war es, als tauchten die Engelein auf 
und nieder in lieblichem Spiel. „Das Geräth", sprach Meister 
Martin, „ist in der That ganz zierlich gearbeitet und ich will eS 
behalten, wenn Friedrich in guten Goldstücken den zweifachen 
Werth von mir annimmt." Dies sprechend, füllte Meister Martin 
den Pokal und setzte ihn an den Mund. In demselben Augen- 
blicke öffnete sich leise die Thür und Friedrich, den tödtenden 
Schmerz ewiger Trennung von dem Liebsten auf Erden im leichen- 
blassen Antlitz, trat in dieselbe. So wie Roja ihn gewahrte, 
schrie sie laut auf mit schneidendem Ton: „O mein liebster 
Friedrich!" und stürzte ihm halb entseelt an die Brust. Meister 
Martin setzte den Pokal ab, und als er Rosa in Friedrichs Armen 
erblickte, rieß er die Augen weit auf, als sähe er Gespenster« 
(Schluß folgt.)
        

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