Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1873
Erscheinungsjahr:
1873
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1873/112/
ferner bei Ankauf von Werthpapieren auf deren Sicherheit be- 
sondere Rücksicht werde genommen werden. 
Folgt die Abstimmung über den Antrag der Finanzkom- 
Mission, es seien die 1872er öffentlichen Fondsrechnungen und 
die Eisenbahnrechnung für richtig befunden zu erklären, und die 
einstimmige Annahme desselben. 
4. Gegenstand. Erneuerung des österreichisch-liechtensteinischen 
Zoll- und Steuervertrages. 
Hier bringt der Abgeordnete Dr. Schädler folgenden moti- 
virten Antrag ein: 
In Anbetracht, daß der auf der heutigen Tagesordnung 
stehende B?rathungsgegenstand betreffend die Erneuerung des 
österreichisch-liechtensteinischen Zoll- und Steuervertrages die In- 
teressen des Fürstenthums in einem hohen Grade berührt; 
In Erwägung, daß die dem Landtage zur Würdigung und 
Erwägung einer so wichtigen Angelegenheit gebotene Zeit un- 
bedingt zu kurz war; 
In Erwägung, daß die Erledigung dieses Gegenstandes 
nicht so dringend ist, daß sie nicht eine Verschiebung aus die 
nächste LandtagSsaison erleiden könnte; 
In Anbetracht, daß der vorliegende Kommissionsbericht eine 
allseitige und eingehende Einsicht in den fraglichen Gegenstand 
nicht gewährt; 
In Erwägung endlich, daß die Vertretung eines hart be- 
drängten Ländchens eine so wichtige Landesangelegenheit einer 
übereilten Beschlußfassung nicht aussetzen darf, beschließt der 
Landtag, über den Gegenstand betreffend die Erneuerung des 
österreichisch-liechtensteinischen Zoll- und Steuervertrages zur 
Tagesordnung überzugehen und denselben zur nochmaligen 
gründlichen Durckwathung und zur Berichterstattung in der 
nächsten Landtagssaison dem Laudesausschusse zu überweisen. 
Der fürstliche Regierungskommissär ersucht hierauf das Prä- 
sidium, die heutige Sitzung von nun an für eine geheime zu 
Da nach $ 21 oer Geschäftsordnung dieses Verlangen vem 
Regierungskommissär zusteht, erklärt der Präsident die Sitzung 
von jetzt an für eine geheime. 
Politische Rundschau. 
Deutschland. In München hat der Magistrat mit allen 
gegen eine Stimme beschlossen, zwei demnächst neu zu erstellende 
Schulen in dem Sinne als konfessionell gemischte einzurichten, 
daß die Aufnahme der Schüler, die Wahl der Lehrer — mit 
Ausnahme der Religionslehrer — und die Bestimmung der 
Lehrmittel ohne alle konfessionelle Rücksicht erfolgen soll. 
München. Die Untersuchung in Sachen deS betrügeri 
schen Bankerotts der Adele Spitzeder hat den Schleier über der 
fette, und hat dabei in seinem ganzen Wesen auch etwas der- 
dämmt Vornehmes, was zum Schurzfell nicht recht passen will. 
Und dabei thut er so als wenn nur er allein zu gebieten hätte, 
und die Anderen ihm gehorchen müßten Hat er es doch in der 
km'en Zeit seines Hierseins dahin gebracht, daß Meister Martin, 
von Konrad's schallender Stimme angedonnert, sich seinem Willen 
sögt. Aber dabei ist Konrad wieder so gntmüthig und grund- 
ehrkch, daß man ihm gar nicht gram werden kann. Vielmehr 
muß ich sagen, daß er mir, trotz seiner Wildheit, beinahe lieber 
ist, als Reinhold, denn zwar spricht er auch oft gewaltig hoch, 
aber man verstehts doch recht gut. Ich wette, der ist ein Mal, 
mag er sich auch stellen, wie er will, ein Kriegsmann gewesen. 
Deshalb versteht er sich noch so gut auf die Waffen, und hat 
sogar was vom Ritterwesen angenommen, das ihm gar nicht 
übel steht. — Nun sagt mir nur ganz unverholen, liebe Rosa, 
wer von den drei Gesellen Euch am besten gefällt? „Fragt," 
erwiederte Rosa, „fragt mich nicht so verfänglich, liebe Frau 
Martha. Doch so viel ist gewiß, daß es mir mit Reinhold gar 
nicht so geht, wie Euch. Zwar ist es richtig, daß er ganz anderer 
Dachauer-Bank in trauriger Weise gelüftet Nach der Anklage- 
fchrist stehen in diesem Konkurse den Aktiven von si. 1,974,0(30 
Passiven von sl. 10,063,319 gegenüber. — Diese Summen in 
ihre Hände zu erlangen, hat die Spitzeder alle erdenklichen 
Mittel benutzt und offenbar juristische Rathgeber mit hohen 
Summen bezahlt. — Wohlthaten aller Art wurden aus dem 
Verdienste armer Dienstboten gethan, nachdem die Landzeitungen 
nicht mehr Aufhebens genug machten, mußte dies ein eigenes 
Organ, das „Münchner Tagblatt", thun — Die Angestellten 
bezogen dafür große Gehalte, so der frühere Buchdruckerei- 
besitzer Homolatsch, der, obgleich kaufmännischer Kenntnisse 
durchaus bloß, als Kassier fungirte, monatlich fl 250. 
Im Hause der Adele wurde vortrefflich gespiesen und ge- 
trunken, 28 bis 30 Personen thaten dies gegen das Ende deS 
Schwindelgeschäftes alle Tage; die Besuch-, Wohn- und Schlaf- 
zimmer waren fürstlich möblirt, und wenn die Spitzeder mit 
ihren drei Equipagen Sonntags eine Spazierfahrt unternahm, 
so ging's hoch her und es herrschte nur eine Stimme darüber, 
wie gastfreundlich die Betrügerin sei. — Ihre Brillanten re- 
präsentirten einen Werth von ff. 37,137. Geschenke in baarem 
Gelde und Schmuckgegenständen aller Art flogen geradezu um 
die Spitzeder herum und wer ihr Freund und Bekannter war, 
hatte gute Zeiten. So namentlich die Gesellschaftsdame, eine 
hübsche, 21 Jahre alte, noch ledige Schauspielerin, Rosa Ehinger, 
welche nicht nur durch Freundschaft, sondern noch durch einen 
mysteriösen Sinnlichkeitskultus mit ihr innig verbunden war. 
Erst wenn man in diese kolossale Verschwendungssucht hinein- 
sieht, begreift man, wie ein Weib in wenig Jahren Millionen 
von Gulden verschlagen kann. 
Es sind außer der Adele Spitzeder, welche deS betrügen- 
schen Bankerottes im Zusammenflusse mit einem Vergehen des 
einfachen Bankerottes angeklagt ist, folgende Personen wegen 
Gehülfenfchaft auf die Anklagebank gewiesen: Rosa Ehinger, 
Gesellschaftsdame; Jakob Nebel. Bedienter: Maria Pngler, 
Auvgeyetln, und Georg Pregler, Ausgeher. Das neueste Tele- 
gramm meldet über die Schwurgerichtsverhandlung: 
Im Spitzederprozeß sind fämmtliche Angeklagte im Sinne 
der Anklage schuldig gefunden worden. Bei Adele Spitzeder 
werden keine mildernden Umstände angenommen. Der Staats- 
anwalt beantragt gegen Spltzeder 14 Jahre Zuchthaus. 
Oesterreich. Die Gluthitze der letzten Tage hat in Wien 
die Falle von Cholera und verwandten Krankheitserscheinungen 
dedeutend gesteigert; die medizinische Wochenschrift konstatirt in 
fünf Tagen 66 Erkrankungen. Am 13. ds. sollen in der Heu- 
markts-Kaserne 25 Cholerafälle vorgekommen fein, von denen 
13 mit dem Tode endeten. 
Spanien. Aus Spanien kommen immer schlimmere Nach- 
richten und die Republik steht auf dem Punkte, in den Abgrund 
Art ist, als seines Gleichen, daß mir bei seinen Gesprächen zu 
Muthe wird, als thne sich mir plötzlich ein schöner Garten auf, 
voll herrlicher glänzender Blumen, Blüthen und Früchte, wie sie 
auf Erden gar nicht zu finden, aber ich schaue gern hinein. Seit 
Reinhold hier ist, kommen mir auch manche Dinge ganz anders 
vor, und Manches, was sonst trübe und gestaltlos in meiner 
Seele lag, ist nun so hell und klar geworden, daß ich es ganz 
deutlich zu erkennen vermag." Frau Martha stand auf und im 
Davongehen Rosen mit dem Finger drohend, sprach sie: „Ei,, 
ei, Rosa, also wird wohl Reinhold dein Auserwählter sein. Das 
hatte ich nicht vermuthet, nicht geahnet," „Ich bitte Euch," er- 
wiederte Rosa, sie zur Thüre geleitend, „ich bitte Euch, liebe 
Frau Martha, vermuthet, ahnet gar nichts, sondern überlasset Alles 
den kommenden Tagen. Was die bringen ist Fügung des 
Himmels, der sich Jeder schicken muß in Frömmigkeit und Demuth." 
In Meister Martins Werkstatt war es indessen sehr lebhaft 
geworden. Um alles Bestellte fördern zu können, hatte er noch 
Handlanger und Lehrburschen angenommen, nnd nun wurde ge- 
hämmert und gepocht, daß man sie weit und breit hören konnte.
        

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