Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1873
Erscheinungsjahr:
1873
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1873/107/
Liechtensteinische 
Vaduz, Freitag 
Nr. 26. 
dm 18. Juli 1873. 
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werden franco erbeten an die Redaction in Vaduz. 
Vaterländisches. 
Vaduz, 15. Juli. Die Witterung, wie sie seit Anfangs 
Junt fortbesteht, hat schon Vieles gutgemacht, was der frostige 
April und der nasse Wonnemonat Mai vernachlässigt und ver- 
dorben hat. Bei uns, im Untenheinthale überhaupt und jen- 
seitS des Bodensee'S haben zwar Regengüsse das Sammeln des 
Heues erschwert. Unterdessen hat jedoch das prächtige „Treib- 
Wetter" die«Feldsaaten im raschen Gange aus der Erde gelockt 
und so auf der einen Seite mehr Vortheil gebracht, als auf 
der andern geschadet. Wir haben vorherrschend Föhnströmung 
und letzten Sonntag zum Glücke, denn dieser stm mische Kamerad 
hat am letzten Sonntag den im Gange gewesenen Landregen 
plötzlich unter gewaltigem Donnerrollen davon gejagt. Hätte 
der starke Regen länger gedauert, so hätte der Rhein eine ge- 
fährliche Höhe erhalten können. Der Föhn'ist oft ein wilder 
Kamerad, wenn er in die Thaltiefe zieht und dort verwüstet. 
Als Gewitterjager ist er jedoch oft nützlich/ 
Die Wolken müssen grimmen Respekt vor diesem Stürmer 
haben, daß sie dumpf brummend so schnell davonziehen. — 
Aus dem Auslande laufen im Ganzen günstige Berichte über 
den Stayd der Früchte ein. In Amerika sollen die Früchte 
sehr schön stehen. Ebenso soll man im mittleren und südlichen 
Frankreich mit dem Fruchtstand zufrieden sein. Gut lauten die 
Berichte auS Böhmen und Ungarn, wo sowohl über den Stand 
der Winterfrüchte, wie auch über die Entwicklung der Sommer- 
kulturen günstige Urtheile gefällt werden. Nicht minder vor- 
theilhast wird aus dem südlichen Rußland berichtet, wo na- 
mentlich der Stand der Winterfrüchte nichts zu wünschen übrig 
lasse- 
Die guten Berichte aus Amerika und dem südlichen Ruß- 
land sind insoferne besonders wichtig, als sie hauptsächlich den 
Ausschlag im Getreidehandel geben. 
DaS Obst scheint in ganz Europa mehr oder weniger feh- 
len zu wollen, nicht nur hier. Der Wein wird im besten 
Falle sparsam sein. Was wird man trinken? Bier und noch 
einmal Bier und zur Abwechslung auch vom ächten weißen 
Laufenburger. 
Politische Rundschau. 
Das Ideal deS Weltfriedens ist in England wieder auf- 
getaucht. Ein bekannter Friedensfreund, Richards, hat im eng- 
tischen Parlamente den Antrag gestellt, die Regierung solle be- 
auftragt werden, mit den übrigen Mächten über Aufstellung 
ständiger Schiedsgerichte und Verbesserung des Völkerrechts 
überhaupt zu unterhandeln. Der Antrag wurde trotz der hef 
tigen Opposition der Minister Gladstoneö und Cnsteldö mit 98 
.gegen 88 Stimmen angenommen. ES ist jedenfalls ein herbes 
Stück Arbeit eine Weltfriedensliga herzustellen. Wenn auch 
viele Politiker diese Idee als eine Schwärmerei belächeln, so 
läßt sich doch nicht ableugnen, daß durch die Einführung eines 
allgemeinen internationalen Schiedsgerichtes der Krieg zum we- 
nigsten seltener wird. Daß mit dem Zustandekommen eines 
solchen Schiedsgerichtes sogleich der allgemeine und ewige Welt- 
frieden beginnt, wird wohl Niemand behaupten. Aber eS ist 
unverkennbar ein edler Zug unserer Zeit, daß man wenigstens 
alle Mittel und Wege sucht um den Krieg seltener zu machen. 
Auf dieses Ziel muß die allgemeine Vernunft, wie sie sich in 
der fortschreitenden Civillsation kund gibt, unablässig hinarbeiten 
und es zu einer völkerrechtlichen Notwendigkeit zu erheben 
trachten. So lange dieses Ziel nicht erreicht ist, bleibt freilich 
Feuilleton. 
Meister Martin, der Küfner, und seine Gesellen. 
Novelle von E. T. A. Hoffmann. 
(Fortsetzung.) 
Die Sonne war herabgesunken, das Abendroth erlöschte und 
die Dämmerung stieg mit Macht herauf. Meister Martin, Rosa 
und die beiden Gesellen hatten sich an einen plätschernden Spring- 
quell gelagert. Neinhold erzählte viel Herrliches von dem fernen 
Italien, aber Friedrich schaute still und selig der holden Rosa in 
die Augen. Da kam Conrad heran, leise zögernden Schrittes, 
wie mit sich selbst uneins, ob er sich zu de.n Andern lagern 
solle, oder nicht. Meister Martin rief ihm entgegen: „nun, 
Conrad, kommt nur immer heran, Ihr habt Euch tapfer gehalten 
auf der Wiese, so kann ich's wohl leiden an meinen Gesellen, 
so ziemt es sich auch. Scheut Euch nicht, Geselle! setzt Euch 
zu uns, ich erlaub', es Euch!" Conrad warf einen durchboh- 
renden Blick auf den Meister, der ihm gnädig zunickte, und 
sprach dann mit dumpfer Stimme: „vor Euch scheue ich mich 
nun ganz und gar nicht, Hab' Euch auch noch gar nicht nach der 
Erlaubniß gefragt, ob ich mich hier lagern darf oder uicht, komme 
überhaupt auch gar nicht zu Euch. Alle meine Gegner Hab' ich 
in den Sand gestreckt im lustigen Nitterspiel, und da wollt' ich 
nur das holde Fräulein fragen, ob sie mir nicht auch wie zum 
Preis des lustigen Spiels den schönen Strauß verehren wollte, 
den sie an der Brust trägt." Damit ließ sich Conrad vor Rosa 
auf ein Knie nieder, schaute mit seinen klaren braunen Augen ihr 
recht ehrlich in's Antlitz und bat: „Gebt mir immer den schönen 
Strauß als Siegespreis, holde Rosa, Ihr dürft mir das durch- 
aus nicht abschlagen!" Nosa nestelte auch gleich den Strauß los, 
und gab ihn Conrad, indem sie lachend sprach: „Ei, ich weiß ja 
wohl, daß einem solchen tapfern Ritter, wie Ihr seid, solch ein 
Ehrenzeichen von einer Dame gebührt und so nehmt immer hin 
meine welk gewordenen Blumen." Conrad steckte ihn dann an 
sein Barret, aber Meister Martin rief, in dem er aufstand: „Nun 
seht mir Einer.-die tollen.Possen; — doch laßt uns nach Hause 
wandeln, die Nacht bricht ein." Herr Martin schritt voraus.
        

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