Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
40
Erscheinungsjahr:
2005
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000250386/22/
man einigermassen getrost dem tätigen Minimum einvernehmlicher Ge - wohn heiten überlassen – aufgrund eines geteilten Respekts für Men - schen- und Bürgerrechte. Planetarisch betrachtet, handelt es sich bei die- sem Minimum schon um ein bisher noch nirgends erreichtes und immer noch utopisch anmutendes Maximum. Sein wahrer Kern ist kos mo - politisch: ich sehe die europäische Union als Testfall für einen plane ta - rischen Völkerbund, eine Gemeinschaft von Nationen, die Frieden hal- ten und 
darummit Konflikten umgehen können. Als blosser Wirt - schafts raum kann es aber diesem Anspruch nicht genügen – ebenso we- nig allerdings als Global Player unter andern im geopolitischen Macht- Poker der Zukunft. Wieviel Identität braucht ein Kosmopolit? Zu seinem Glück – und dem seiner Umgebung – hat auch der einzelne Mensch keine scharfen Ränder. Das Individuum, das kleinste, doch ausschlaggebende Glied Euro pas und der Welt, muss, als Glied einer Res Publica, aber auch als Bruder und Schwester 
teilenlernen. Eben dafür ist es, anders als die Wort bedeutung von «Individuum» suggeriert, auch selbst teilbar – in be - stimm ten Grenzen, gewiss, aber erstaunlich ausdehnungsfähigen Gren - zen. Jeder von uns lebt mit mehreren Hüten und kann seine Loyalität verteilen, ohne sie oder sich verraten zu müssen. Kollektive mögen ein - fäl tiger reagieren. Dennoch wissen auch sie sich auf mehreren Niveaus mit ihrem Gemeinwesen zu arrangieren und seine kulturelle Vielfalt so- gar als Reichtum zu buchen. In meinem Land fühlt sich die Mehrheit auch heute noch zuerst als Bürger eines Kantons, in zweiter Linie einer Gemeinde. Erst in dritter Linie kommt der Bundesstaat, die 
Confoede - ra tio helvetica, in Betracht: im strengen Sinn keine Nation, und doch – wie schon der Sport-Patriotismus (ungeachtet seiner mutlikulturellen Be legschaft) beweist – auch für das Gefühl viel mehr als die Summe sei- ner Teile. Wenn der Eigen-Sinn der europäischen Nationalitäten zu ih- rem Recht kommt, ist also nicht einzusehen, warum sie nicht auch dau - erhaft bündnisfähig sein sollten. Und am Umgang mit eigenen Min der - heiten lässt sich ihre Bereitschaft, im grösseren Verband selbst Min der - heit zu sein, immer noch am zuverlässigsten messen; denn Minder heiten sind in Europa auch die grössten Mitgliedstaaten ausnahmslos. Überhaupt steht und fällt die politische Kultur des Ganzen mit der Neu gier und dem Interesse, das die Glieder für einander aufbringen. Europa ist ein Projekt dieser politischen Kultur. Blosse Toleranz wäre als Kitt nicht ausreichend – «dulden heisst beleidigen», lautet ein Merksatz 22Adolf Muschg
        

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