Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
40
Erscheinungsjahr:
2005
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000250386/19/
Krieg. Von der Gegenseite pflegt er – in defekter Symmetrie – als Kreuz - zug gegen den Terrorismus deklariert zu werden. Der Schauplatz dieser Guerilla ist überall, ihre Front nirgends; die kompakte Gefährdung im Kalten Krieg ist einer verallgemeinerten und diffusen Bedrohungslage gewichen, in der «Sicherheit» als Surrogat von Politik dienen muss – und immer weniger zu haben ist. Wo steht Europa, wie bewegt sich die Europäische Union in die - sem Spannungsfeld, dem sie doch nicht entgeht? Zuerst beruht die An - zie hungskraft der EU für ihre Beitrittswilligen auf dem Bedürfnis nach demokratischer Ordnung, rechtsstaatlichen Verhältnissen, wirtschaft - licher Freiheit und Prosperität. Das sind Verheissungen, mit denen sich Menschen identifizieren können, ohne dafür einer weiteren Identität zu bedürfen. Aber auch diejenige der begünstigten Westeuropäer hütete sich nach dem Krieg vor Übertreibung. Man war Europäer mit Vorbe - halt – auch weil man (zumal in der alten Bundesrepublik) alles vermied, was das transatlantische Bündnis hätte lockern und die existentiell un - ent behr liche Bindung an die NATO schwächen können. Noch die EU der Römer Verträge verstand sich primär als Subsystem der «freien Welt». Sie war eher vernünftig als «europäisch», und ihr ideeller Zweck liess sich an der Versöhnung unter ehemaligen Kriegsgegnern genügen – und am unausgesprochenen, doch schwer wiegenden Auftrag, den im- mer noch starken deutschen Teilstaat auf der eigene Seite fest einzu bin - den, wozu er seine kompromittierte nationale «Identität» willig mit ei- ner unverdächtigen «europäischen» vertauschte. Mit ihrem anspruchs - vol len «Verfassungspatriotismus» glaubten sich die EU-Deutschen be- reits hin rei chend in «Europa» verankert, das sich noch kaum als geo po - litische und nicht mehr als topographische Grösse verstand. Denn an der Gren ze, jenseits derer sich die «getrennten Brüder und Schwestern» be- fanden, war in den Jahren des Kalten Kriegs im Ernst doch nicht zu rüt- teln. Genug, wenn sie für «menschliche Erleichterungen» ein wenig durch läs siger wurde – kraft einer Diplomatie der kleinen Schritte, für die man auf ein differenziertes Einvernehmen mit den Regimes der andern Seite an ge wiesen war. Dass sie mit keiner ebenso differenzierten Wahrnehmung der be - trof fenen Völker einherging, zeigte sich nach der unverhofften Implo - sion der Sowjetunion – zwar nicht gleich, dann aber mit unbequemer Deutlichkeit. Die befreiten Völker des östlichen Mitteleuropa hatten ein ganz unterschiedliches Bild Europas und auch der EU, der sie in überra - 19 
Gibt es und brauchen wir eine europäische Identität?
        

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