Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
40
Erscheinungsjahr:
2005
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000250386/18/
Im Ausnahmezustand verbirgt sich also eine Spielregel des Leben - di gen. Selbst die geschlossenen Systeme archaischer Stammes ge sellschaf - ten kennen mindestens zwei Ausnahmen von der Regel der Autarkie: die Exo gamie, also die grenzüberschreitende Heirat (die man als er wei - tertes Inzestverbot verstehen kann) und die Gastfreiheit als notwen dige Ein schrän kung «natürlicher» Fremdenfeindschaft. Beides sind gezielte Grenz überschreitungen, die den Stoffwechsel der Gesellschaft garan tie - ren, aber immer auch ihre Sicherheit in Frage stellen. Die Ambivalenz im Ausbalancieren widersprechender Bedürfnisse kommt auch in der Spra - che zum Ausdruck. «Hospes» = Gastfreund und «hostis» = Feind sind aus derselben indogermanischen Wurzel gewachsen. Auch die geistige Entwicklung des menschlichen Individuums schrei tet über die Aneignung des «Fremden» zur eigentlichen «Bildung» fort. Es kann seine Identität nicht auf angestammte Gewohnheiten be - schrän ken, ohne selbst stillzustehen und zu verarmen. Beschränkt es, was es seine Identität nennt, auf das Bekannte, so versteht es am Ende auch dieses nicht mehr; denn man steigt – mit Heraklit zu reden – nie zwei mal in denselben Fluss. Dann kann auch Heimat zur Schimäre, zur leeren 
Behauptungwerden, und in diesem Vakuum gedeihen Resigna - tion oder Aggression. Die Renaissance des Rechtsextremismus in Europa erkläre ich mir so; aber auch wenn seine Exzesse trostlos sind, seine Ablehnung alles Fremden barbarisch: ganz ohne Verständnis kann man ihn nicht betrach - ten. Die Globalisierung hat – im Zeichen eines als wirtschaftliche Ver - nunft verkleideten Sachzwangs – massenhaft Enterbte geschaffen, denen jedes politische Referenzsystem und damit auch die soziale Bindung und das gesellschaftliche Bewusstsein, verloren gegangen sind. Um nicht nur Opfer zu sein, kultivieren sie das Phantom einer grandiosen Identität, die sich nur durch fortgesetzte Ausgrenzung anderer halten lässt. Und ver schärfen damit noch eben jenes darwinistische Prinzip, das sie selbst disqualifiziert hat. Bei ganzen Bevölkerungen ist diese Unglücksreaktion zugleich eine berechtigte, wenn auch defekte Antwort auf die Entwertung von Raum und Zeit durch die zügellosen Kräfte des globalisierten Marktes. Gegen die Vernichtung traditioneller Reviere des Glaubens und der Ge - wohn heit wehren sich Menschen im Namen ihrer «Kultur», je verzwei - fel ter, desto fundamentalistischer, und erklären einer «Zivilisation», die sie als Angriff und tödliche Kränkung ihrer Identität erfahren, den 18Adolf Muschg
        

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