Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
40
Erscheinungsjahr:
2005
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000250386/17/
din gung, dass wir in das Projekt überhaupt hineinkommen. Es bildet sich durch die für es und an ihm Gebildeten – und weil ich mit diesem Wort keinen akademischen, sondern einen eminent praktischen Sinn ver binde, nenne ich Europa ein kulturelles Projekt. Was also heisst: europäische Identität? «Identität» – mit kaum einem Begriff wird in politischen Diskursen der gröbere und auch gefährlichere Missbrauch getrieben, und ich halte es für dringend notwendig, ihn zu entzaubern. Denn was als nationale, aber auch europäische, was ganz besonders als kulturelle Identität in An - spruch genommen und ausgespielt wird, dient in erster Linie zum Aus - schluss, zur Disqualifikation von Menschen und Menschengruppen. Auf Identität wird gepocht, wenn man um andere Gründe zur Grenzbefes ti - gung verlegen ist. Und in diesem Pochen steckt das Potential für den Gebrauch gröberer Waffen, den man dann nicht mehr zu rechtfertigen braucht. «Identität» ist gewissermassen das als Gütezeichen auf trump - fende Alibi für das Indiskutable des eigenen Standpunkts und liefert das Zeug, aus dem sich jederzeit eine Uniform schneidern lässt. Identität: als Behauptung ist sie auf den höheren Stufen des Lebens so unhaltbar wie auf seiner elementaren. Von blosser Abgrenzung hat schon die Zelle nicht gelebt. Sie ist auf Stoffwechsel angewiesen und be- darf zur Selbsterhaltung einer durchlässigen Grenze, der Membran, die sie zugleich vor dem Ersticken in sich selbst und vor der Überflutung von aussen bewahrt. Die Evolution bedient sich – nach Darwin – nicht der identischen, sondern der «fehlerhaften» Kopie genetischer Infor ma - tion. In der erdrückenden Mehrzahl der Fälle mag die Abweichung kas - siert werden; in wenigen, doch entscheidenden Fällen eröffnet sie ihm eine höhere Entwicklung. Komplexere Organismen kennen die 
ge - schlecht licheFortpflanzung, mit der die beteiligten Individuen immer ein Risiko eingehen. Sie tun es, weil nur so eine erfolgversprechende Breite des genetischen Repertoires zu gewinnen ist – aber auch, weil wir, wie wir nicht nur als Romanleser wissen, mit dem sich-Einlassen auf die Fremde des andern Geschlechts ein einzigartiges Hochgefühl verbinden. Das Anderssein des Andern ist der Zauber, dem wir vorübergehend ex - klu siv verfallen; im Grenzfall sind wir bereit, dem Ausnahmezustand der Passion das eigene Leben zu opfern. An ihm messen wir unsere Leben - dig keit; was wir Liebe nennen, schliesst immer auch etwas wie «Fremd - ge hen» ein. Wir überschreiten die Grenzen der Identität, weil zur Er hal - tung des Lebens offenbar mehr gehört als schiere Selbsterhaltung. 17 
Gibt es und brauchen wir eine europäische Identität?
        

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