Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
40
Erscheinungsjahr:
2005
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000250386/15/
– beruhte auf der Anerkennung gemeinsamer Heiligtümer wie denen von Delphi und Olympia, Stätten des Gemeingeistes und friedfertigen Wettbewerbs, der den Separatismus der Bündnisgenossen immer wieder einem verbindlichen und auch handlungswirksamen Mass unterwarf. Eine solche Grundlage konnte nur dadurch geschaffen werden, dass die einzelne Polis, durch Handel und Konflikt gewitzigt, die Bereitschaft ent wickelte, die Gottheit der 
anderenStadt in die eigene Gemarkung aufzunehmen und ähnlich der eigenen zu verehren. Was die panhelle ni - sche Präsenz der Schatzhäuser beim Orakel von Delphi, einem exzentri - schen Mittelpunkt Griechenlands, für dessen Zusammenhalt zu bedeu - ten hatte, das leistete der vereinigte Olymp der homerischen Epen für die getrennten Stadtkulturen. Hier sahen sie den kleinsten und doch von allen verehrten kulturellen Nenner am Werk, der die Griechen erst zu Hellenen machte und sie von den Barbaren unterschied. Nicht von un - ge fähr war darum ein grosses, um nicht zu sagen: 
dasgrosse Thema der attischen Tragödie die Befähigung einer Polis zur Gastfreiheit, zur Be - reit schaft, den Verfolgten als Verkörperung eines verwandten Gottes zu behandeln und als Boten einer politischen Wertgemeinschaft, dem man Schutz und Asyl gewährt. Diese Wertegemeinschaft Europas gibt es heute, und sie ist poli - tisch wirksam. Das ist kein Glaubensbekenntnis, es ist eine Tatsache, und Europa hat sie auf Grund der Erfahrung geschaffen, wie erschütterbar, gefährdet und gebrechlich diese Werte sind. Diese Erfahrung aber wird nie ein für alle Mal gemacht; sie wird Europa heute aufs Neue zuge mu - tet. Doch der Umgang mit den Krisen seiner Werte gehört seinerseits zur «Kernkompetenz» Europas. Sie ist, dank des französischen und nieder - län dischen Nein, wieder herausgefordert. Nur die reale kulturelle «Ver - fas sung» Europas kann die Antwort auf die Ablehnung einer geschrie - benen Verfassung geben, und es wird sie zu geben wissen. Nein, Europa ist nicht verloren, und mit der Bewegung, in die es geraten ist, verlässt es seinen angestammten Boden nicht. Bereits geschaffene Tatsachen sorgen da für, dass der Realitätssinn – auch der pragmatische – die Höhe der Auf gabe nicht ganz und gar verfehlen kann. Natürlich kommen viele Schweizer der EU heute nur in der Hoff - nung entgegen, ihr dann um so weniger beitreten zu müssen – aber sie bewegen sich doch, und Hegels List der Vernunft kümmert sich weniger, als wir fürchten, um die vordergründigen Motive ihrer Akteure. Natür - lich ist Europa in der Krise; aber diese Krise ist kein Unglück: in ihr, und 15 
Gibt es und brauchen wir eine europäische Identität?
        

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