Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
40
Erscheinungsjahr:
2005
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000250386/14/
aber beschränkt», heisst es in Goethes «Wilhelm Meister». Den Euro - päern begegnet heute die Zumutung, diese Maxime in gewissem Sinn ausser Kraft zu setzen: einen Sinn für ihre Gemeinschaft zu entwickeln, der sie nicht lähmt; sich zu Taten aufzuraffen, die 
nichtschon im Ansatz «beschränkt» sind. Ist das nicht die Quadratur des Zirkels? Die pragmatische Geo - metrie sieht es so. Was Europa betrifft, würde sie sich vielleicht mit ei- ner funk tionierenden Freihandelszone begnügen und es darauf ankom- men lassen, ob der globalisierte Wettbewerb von Europa, von europäi- scher Iden tität überhaupt etwas übrig lässt. Das ist, verkürzt gesagt, die angel säch sische Lesart, während (nicht weniger verkürzt), die französi- sche eines «Europa der Vaterländer» auf der politischen Notwendigkeit der Integration besteht – und auf dem guten Sinn der Abgrenzung, bei - spiels weise gegenüber der Türkei. Ganz offensichtlich muss aber der euro päische Weg ein 
dritterWeg sein. Und da er für die rein pragma - tische Betrach tung nirgends in Sicht ist, für die ideologische aber auf ein – wie klug immer verschleiertes – Diktat hinausläuft, wird man als Europäer schon den 
Anfangdieses Wegs anderswo suchen müssen: nämlich, mit allem unvermeidlichen Risiko, bei sich selbst, der eigenen Bereitschaft zur engagierten Reflexion. Denn am Individuum ent schei - det sich, mit seinem persönlichen Einsatz steht und fällt, was wir den Kern Europas nennen können. Das «integrationsfähige» Individuum ist gewisser mas sen die europäische Erfindung par excellence. Zugleich muss es aus der euro päischen Geschichte gelernt haben, seine Rolle mit der nötigen Beschei denheit zu betrachten, um ihr dennoch, und ebenso, das für das Gemeinwesen, die Res publica, Entscheidende nicht schuldig zu bleiben. Sehen Sie das Persönliche meiner Betrachtung in diesem notwen - diger weise gebrochenen Licht. Dabei kommt auch der Sprechende um ein Glaubensbekenntnis nicht herum. Ich möchte es im Geiste des klas - si schen Athen, der Mutter Europas, formulieren können: in seiner stärks ten, der perikleischen Zeit war es eine kulturelle Grossmacht, 
und darumeine politisch wirksame Grösse. Die Bündnisfähigkeit der grie - chi schen Stadtstaaten beruhte darauf, dass sie nicht in einem bloss rech - ne rischen Geist fundiert war, auch wenn dieser natürlich wie immer und überall den Vordergrund der politischen und militärischen Aktionen be - herrschte – und dafür sorgte, dass sich eine Polis gründlich verrechnen konnte. Aber die Essenz des Bündnisses – schon des amphiktyonischen 14Adolf Muschg
        

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