Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
34
Erscheinungsjahr:
2001
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000147462/84/
Die unmittelbare Folge war eine lang anhaltende Entfremdung vom Dialekt, der in der Euphorie dieser neuen Erfahrung so arm, so bedürf- tig erschien. Erst nach Jahren und auf Umwegen über andere Sprach - erfah rungen gewann ich ihn, genauer die Dialekte, den Triesner wie den Triesenberger, wieder zurück. Es war weniger die später staunend zur Kennt nis genommene Tatsache, dass Studenten aus gutbürgerlichen Fami lien ohne Schwierigkeiten in ihrem jeweiligen Dialekt über kompli- zierte Dinge gewandt diskutieren konnten, die meinen Mund dem Dia - lekt wieder öffneten, sondern einzelne Begegnungen und Freundschaf - ten, die erst relativ spät mit ein paar wenigen Liechtensteinerinnen und Liechtensteinern im und durch den Dialekt sich ereigneten und ent- wickelten. Es waren meist solche, die hauptsächlich in kritischer Distanz zur herrschenden liechtensteinischen Mentalität sich befanden und doch in einer Weise da zu Hause waren, wie es die liechtensteinischen Neu rei - chen, so schien es mir wenigstens, in ihren neuen Protzbauten niemals waren und sind. Unter ihnen gibt es Schreibende wie Iren Nigg. Sie schreibt nicht Dialekt, aber wenn sie ihn spricht, hat er die Resonanz eines Reichtums, der aus weiten Erfahrungen herkommt und der als Grundton ihre Schrift sprache trägt und rhythmisch bewegt. Nicht zuletzt von ihr habe ich wieder sprechen gelernt, und gerade lese ich einen Text von ihr, wo von eben dieser Rückkehr jubelnd die Rede ist: 
An einem Morgen vor sieben Jahren – es war im Mai! – geschah es. Schwarz und funkelnd der Kaffee, ich versuchte, wach zu werden, plötzlich schüttelt’s mich vor Lachen – ein Mundartwort! Ein Mundartwort in meinem Kopf, und noch eines, und dann noch eins! Geburtstag, Weihnachten! Meine Muttersprache war zu mir zurückgekehrt, nach Jahrhzehnten. Ich hatte sie wohl sprechen, aber nie mehr denken können ...Mir fällt beim Lesen ein anderer Augenblick ein, vor Jahren in Baltimore im Auto. Ich hatte es eilig, die Ampel wechselte auf Grün, vor mir will einer sich nicht be- wegen. Und plötzlich höre ich mich laut zu mir selber sagen: «ischt das an Söderi». Das Wort, das mir in all den Jahren nie in den Sinn gekom- men war, war plötzlich da, laut, klang so komisch, dass ich lachen muss - te und der Ärger über den 
Söderivor mir völlig in Luft und Lachen auf- gelöst war. Und da ist die Landschaft, die für mich vor allem und zuerst von den Linien der Bergzüge geprägt ist. Diese Züge sind mit den Staats gren - zen nicht identisch. Aber die Landschaft und die Berge sind auch nicht 84Rainer Nägele
        

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