Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
34
Erscheinungsjahr:
2001
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000147462/79/
und eingesogen hatte, schien ihm in jeder Weise exterritorial zu sein. Zwei Liechtensteiner, die seitdem eine lebenslange Freundschaft verbin- det, trafen sich. Aber was sie an liechtensteinischer Erfahrung damals bei ihren ersten Treffen mitbrachten, war auf keinen Nenner und keine Iden tität zu bringen. Das Liechtenstein des Freundes aus Vaduz war ein sehr anderes als das des Gymnasiasten aus Triesen. Als der Brief dann den Adressaten in Paris endlich erreichte, stol- perte ich – es ist an der Zeit auch dieses Pronomen einzuführen, denn Pronomen spielen eine grosse Rolle in Identitätskonstruktionen – stol- perte ich über die ersten zwei Sätze in Frageform. «Sehr geehrter Herr Nägele», stand da handschriftlich und fuhr dann in Druckschrift fort: «Wie steht es um die liechtensteinische Identität? Wissen wir noch wer und was wir sind oder haben uns Wohlstand von innen und Anfeindun - gen von aussen in eine Identitätskrise gestürzt?» Der Wechsel von der einmalig geschriebenen handschriftlichen na- mentlichen Anrede an einen Einzelnen zur reproduzierten Druckschrift der beiden Fragen zeigt eine Bruchstelle, die die Formulierung der bei- den Fragen verdecken möchte. Dass es eine Bruchstelle anzuerkennen gibt, heisst nicht, dass der Einzelne abstrakt und abgelöst dastünde, ohne Vermittlungen mit Zusammenhängen und Prägungen, wohl aber, dass diese unbekümmerte Voraussetzung zuerst in Frage zu stellen wäre, wenn die erste Frage 
die liechtensteinische Identitäthin- und voraus- setzt. Was unter anderm damit auch vorausgesetzt wird, spricht die nächste Frage fraglos aus, wenn auf einmal im Pronomen 
wirvon der Krise dieser Identität die Rede ist, und dass die liechtensteinische Iden - ti tät die Frage beantworten könnte wer und was wir sind. Es stellt sich aber als erste Frage, was das überhaupt wäre: eine Identität, von der nicht nur in der brieflichen Frage fraglos die Rede ist, sondern auch in vielen der vorgeschlagenen Titel. Und da gibt nun frei- lich die zweite im Brief formulierte Frage eine verräterische Antwort, wenn sie die angenommene Identitätskrise in einem Zustand 
von Innen und 
Anfeindungen von aussenvermutet, aber so als hätte der Zustand in- nen und die sogenannten «Anfeindungen» von aussen nichts miteinan- der zu tun, und als wäre Kritik irgendwelcher Art an Zuständen im Land nur in der Form von Anfeindung vorstellbar. Was hier als Momente ei- ner Krise angesprochen ist, spricht einen Grundzug von Identitätskon - struk tionen aus: die Abgrenzung eines Innen, das am liebsten im Prono - men «wir» sich darstellt, gegen ein feindliches Aussen. Identitäten sind 79 
Nichtidentisches: Aus distanzierter Nähe
        

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