Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
34
Erscheinungsjahr:
2001
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000147462/152/
scher ist diese Wolke der Gegenstände und Möglichkeiten, in die er sich ver wandeln kann. Das Lebensgelände des Menschen ist mit den beiden Steuerungs sys - te men Ratio und Psyche eine Landschaft aus halb Wunsch, halb Wirk - lich keit. Das Bewusstsein beschäftigt sich mit der dauernden Verferti - gung des Gleichgewichts zwischen den beiden Polen. Überwiegen die Wünsche, wird der Mensch realitätsfremd; tut es die Logik, erstarrt ein Leben. Die Möglichkeitswolke um einen Geldbetrag übt eine starke Gravi - ta tion auf den Wunsch aus. Geld zieht Wünsche aus der Psyche an die Ober fläche des Lebens: Es ist eine bewusstseinsverändernde Substanz, ein Halluzinogen. Viel Geld destabilisiert das Gleichgewicht zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Um diesen Effekt zu neutralisieren, wird Geld traditionell an Ar beit, an dafür eingetauschte Körperzeit gebunden: Man hat es sich ver-dient. Was geschieht in einem Kollektiv, dessen Gleichgewicht durch un- verdientes, d.h. nicht gegen Arbeit eingetauschtes Geld gestört ist? Eine kleine amerikanische Wissenschaft namens Psychohistorie5, die sich die Frage stellt, ob der historische Prozess durch psychische Funktionen oder Zyklen bestimmt wird, beantwortet die Frage mit einer Vergif - tungs theorie. Eine Gesellschaft mit zu viel Wohlstand oder unverdientem Geld fühle sich vergiftet. Um sich zu reinigen, inszeniere sie ein Opfer. Dies kann bewusst geschehen: Man kennt auf Stammesebene sogenannte «Potlach»-Rituale, in denen das geltende Zahlungsmittel – Kupfer plat - ten/Wolldecken – absichtlich und in Anwesenheit des Kollektivs zer- stört wird. Oder es geschieht unbewusst: Im nationalstaatlichen Mass - stab seien das, so die Psychohistorie, Kriege, in denen nicht nur das Staats vermögen, sondern auch ein Teil der jungen Generation, bzw. der Zivilbevölkerung geopfert werden. Durch dieses Opfer fühle sich die Gesellschaft danach gereinigt und könne sich wieder unbeschwert an den Aufbau von Wohlstand machen. Man erinnere sich an die eingangs besprochene Grundbedeutung von Geld: die Entrichtung eines Opfers. 152Stefan 
Sprenger 5Lloyd DeMause: Was ist Psychohistorie? Eine Grundlegung. Psychosozial-Verlag, Giessen 2000 .
        

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