teiligten sich persönlich am Aufbau der jungen Sow- 
jetunion, von der sie sich allerdings unter dem stali- 
nistischen Kurs auch bald wieder abwandten. Unter 
ihnen Bruno Taut, Mart Stam, Hans Schmidt, Hannes 
Meyer, Margarete Schütte-Lihotzky und andere 
mehr. 
Bei ihren Gegnern galten Flachdach und schmuck- 
lose Kuben geradezu als Metaphern für den ge- 
fürchteten «Kulturbolschewismus». Konservative 
und reaktionäre Kreise fanden sich in Bauformen 
eher wieder, die an Tradition, Handwerk und Länd- 
lichkeit anknüpften. Insofern gibt es Übereinstim- 
mungen zwischen Bauweise und Ideologie, sind sie 
ein Stück weit Ausdruck der Übereinstimmung von 
Inhalt und Form. Aber eben nur ein Stück weit und 
längst nicht in jedem Fall. Am so genannten Heimat- 
stil lässt sich dieses Verhältnis gut aufzeigen. 
Gebauter Heimatschutz 
Der Heimatstil, auch Heimatschutzstil oder die Re- 
gional- beziehungsweise Nationalromantik, wie 
unter anderen Kritikern der Architekturhistoriker 
Friedrich Achleitner zumindest für das benachbarte 
Vorarlberg prázisiert^ war zwar verglichen mit dem 
Neuen Bauen formal rückwárts gewandt. Trotzdem 
stellt auch er einen Ausdruck moderner Baukunst 
dar, vergleichbar dem ókologischen Bauen in den 
achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhun- 
derts, nàmlich insofern, als er sich als Kritik an der 
bisherigen Architekturpraxis des Eklektizismus, noch 
stárker aber als grundlegende gesellschaftspolitische 
Kritik verstand. Heimatstil wurde von Architekten 
und Historikern propagiert, die sich angesichts der 
raschen technischen, urbanistischen und landschaft- 
92 
  
lichen Veránderungen um die Zukunft der Umwelt 
sorgten wie beispielsweise Paul Schultze-Naumburg 
oder Ernst Rudorff, die die Folgen neuer Entwicklun- 
gen mit Besorgnis beobachteten. So den wachsen- 
den Strassen- und Schienenverkehr; den Tourismus, 
der den Hotelbau im grossen Stil und die Erschlies- 
sung der Gipfel mit Zahnrad- und Standseilbahnen 
vorantrieb; und die Landwirtschaft, deren Mechani- 
sierung und Spezialisierung verdichtete und aus- 
gelaugte Bóden mit sich brachte. Bereits die Heimat- 
schützer der ersten Stunde warnten vor irreversiblen 
Folgescháden wie etwa Bodenerosion, Verminde- 
rung der Pflanzen- und Tierarten sowie Klimaverán- 
derungen. Sie favorisierten kleinräumige Bewirt- 
schaftung, Heckenpflanzungen und die Beachtung 
alter Landwirtschaftsregeln. Eine Industrialisierung 
des Bauens wiederum — was ebenfalls zum Pro- 
gramm des Neuen Bauens gehórte - leistete der ra- 
schen Zersiedlung und Verstádterung Vorschub. Fol- 
gerichtig lehnten sie auch diese ab und propagierten 
stattdessen die Rückbesinnung auf ein traditionelles, 
handwerkliches Bauen, das Identität stiften und 
einen menschlichen Massstab garantieren sollte. Ihre 
an sich berechtigten Befürchtungen — das Ausmass 
heutiger Umweltzerstórung beweist es — wurden 
aber verknüpft mit einer gesellschaftlichen und poli- 
tischen Rückwartsorientierung, die schliesslich in den 
vólkischen und rassistischen Dogmen des National- 
sozialismus mündete. Man sehnte sich nicht nur 
nach dem schützenden Walmdach und damit den 
Formen einer früheren Zeit, sondern auch nach der 
einst unumstósslichen politischen Ordnung einer 
ständischen, «von Gott und Kaiser» gewollten Ge- 
sellschaft. Das Làndliche wurde idealisiert, die wach- 
Bauten des Historismus
        

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