Das Bauhaus 
In den Niederlanden experimentierte die reformeri- 
sche Bewegung unter dem Begriff «Neue Sachlich- 
keit», in Italien hiess sie «Futurismus und Rationalis- 
mus», in Frankreich nannte sich die Avantgarde 
«Esprit Nouveau» und in der Sowjetunion «Kon- 
struktivismus und Suprematismus».* 
In Deutschland war das Staatliche Bauhaus, die 
Schule für Kunst, Produktegestaltung und Architek- 
tur, Zentrum und geistiger Nährboden der Refor- 
men. 1919 in Weimar eröffnet, zog das Bauhaus 
1925 nach Dessau um. Sein Gründer und erster Di- 
rektor, Walter Gropius (1883-1969), gehörte zu den 
namhaften Vordenkern moderner Architektur und 
Produktegestaltung. Er lehrte, dass soziologische Er- 
kenntnisse und Befunde in den Planungsprozess ein- 
zubinden seien. Konkret waren dabei die Landflucht, 
die neuen individualisierten Lebensformen sowie die 
Erwerbstátigkeit der Frau zu berücksichtigen. 
Gropius' Nachfolger, der Schweizer Architekt Hannes 
Meyer, ging noch weiter und vertrat die Auffassung, 
Architektur sei nicht Baukunst, sondern eine Wissen- 
schaft. Die Ideenschmiede «Bauhaus» übte eine star- 
ke Wirkung aus, obwohl diese in umgekehrtem Ver- 
háltnis zu der Anzahl der Leute stand, die sie von 
innen kannten. Insgesamt besuchten nur gerade 
1250 Personen das Bauhaus wáhrend seines kurzen 
Bestehens.* 
Das Bauhaus und mit ihm das Neue Bauen fanden ein 
abruptes Ende, jedenfalls im Land, wo die Ideen ge- 
dacht, die Formen erprobt und realisiert worden waren. 
Theorie und Praxis waren unmittelbar mit der deut- 
schen Sozialdemokratie und der Weimarer Republik 
verknüpft und galten den Rechten längst als subversiv.° 
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So waren die Stuttgarter Schule und ihre bekannten 
Exponenten Paul Bonatz und Paul Schmitthenner 
dem Neuen Bauen nicht gerade hold. Sie suchten 
«süddeutsche Züge zu pflegen», urteilt das Lexikon 
der Architektur des 20. Jahrhunderts. «Politisch 
waren diese Architekten für die Ideologie des Natio- 
nalsozialismus zumeist empfänglicher als die Anhän- 
ger des Neuen Bauens, die in den von Mitte-Links- 
Regierungen bestimmten Städten und Reichsländern 
Erfolg hatten.»’ 
In den 1930er Jahren wurde in Deutschland das 
Neue Bauen praktisch nicht mehr geduldet. 
1933 schloss die Gestapo das Bauhaus, und das flach 
gedeckte Gebáude wurde mit einem Giebeldach ein- 
gedeutscht.? Die Lehrer und Leitfiguren emigrierten 
ins Ausland.’ 
Die meisten Bauhaus-Leute wanderten in die USA 
aus. Mies van der Rohe, der letzte Leiter, zog nach 
Chicago und begründete dort das New Bauhaus, 
von wo aus die Bauhaus-Ideen nun weltweit verbrei- 
tet wurden. Auch Bauhaus-Begründer Walter Gropi- 
us liess sich später in den USA nieder, wo er an der 
Harvard University in Cambrigde (Massachusetts) 
lehrte. 
Wer als Architekt in Deutschland weiter arbeiten 
wollte, wurde im Bund Deutscher Architekten gleich- 
geschaltet." 
Beton versus Bruchstein 
Neues Bauen 
Die deutsche Hetze gegen die Moderne fand auch 
im nahen Ausland, wo dieselbe Sprache gesprochen 
wurde, fruchtbaren Boden. So fühlten sich Heimat- 
schutzbewegungen in ihren Bestrebungen plötzlich 
sehr bestärkt. Das Neue Bauen, das man erst bol- 
  
 
        

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