gesamte Staatsgewalt, wurde aber durch die Verfas- 
sung in der Ausübung dieses Privilegs eingeschränkt. 
Paragraf 2 der Verfassung hielt fest: «Der Landes- 
fürst ist Oberhaupt des Staates, vereinigt in sich alle 
Rechte der Staatsgewalt und übt sie unter den in ge- 
genwärtiger Verfassungsurkunde festgesetzten Be- 
stimmungen aus.» Die Person des Fürsten wurde als 
«heilig und unverletzlich» definiert. 
Die Volksvertretung, das Gegengewicht zum Monar- 
chen, bestand aus dem fünfzehnköpfigen Landtag. 
Dessen materiell wichtigsten Aufgaben und Rechte 
erstreckten sich vorwiegend auf folgende Gegen- 
stände: 
- Mitwirkung in der Gesetzgebung 
- Steuerbewilligung 
- Mitwirkung bei der Militäraushebung (bis 1868) 
- Recht auf Anträge und Beschwerden in Beziehung 
auf die Staatsverwaltung überhaupt. 
Drei der fünfzehn Abgeordneten ernannte der Lan- 
desfürst aus der wahlfähigen männlichen Bevölke- 
rung. Die übrigen zwölf Mitglieder wurden indirekt 
über Wahlmänner aus dem Volk gewählt. 
Die Regierung, welche sich aus dem Landesverweser 
und zwei Landräten zusammensetzte, wurde vom 
Fürsten ohne jegliche Mitwirkung des Volkes oder 
des Landtags ernannt und war nur diesem unmittel- 
bar unterstellt. Der als Regierungschef amtierende 
Landesverweser stammte in der Tradition der liech- 
tensteinischen Landvögte des 19. Jahrhunderts aus 
Österreich. Die Rechtsprechung wurde in erster In- 
stanz durch das Landgericht in Vaduz ausgeübt. Als 
Verwaltungsbeschwerdeinstanz und Appellationsge- 
richt amtete die fürstliche Hofkanzlei in Wien. Dritte 
Gerichtsinstanz und damit oberster Gerichtshof war 
  
Abb. 3: Zollamt Balzers mit dem österreichischen und liechten- 
steinischen Staatswappen. Quelle: Vogt, Paul: Brücken zur Ver- 
gangenheit. Vaduz, 1990 
das Oberlandesgericht in Innsbruck. Volk und Land- 
tag hatten keinen Einfluss auf die Besetzung der 
Gerichte. 
Die von Fürst Johann Il. (1840-1929) gewährte und 
vom Volk zum Teil ertrotzte neue Verfassung brach- 
te insgesamt doch jene Neuerungen, die in Liechten- 
stein schon seit Jahrzehnten gewünscht und gefor- 
dert worden waren. Die neue Verfassung wurde vom 
Volk aus diesem Grund denn auch als fortschrittlich 
empfunden und mit «Dankbarkeit und Jubel» be- 
grüsst.* 
Wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Gege- 
benheiten in der zweiten Hálfte des 19. Jahrhunderts 
Einleitung 
Liechtensteins Wirtschaft war in der ersten Hälfte 
des 19. Jahrhunderts von der agrarwirtschaftlichen 
Ausrichtung geprágt. Handwerk und Gewerbe spiel- 
ten nur eine untergeordnete Rolle. Die Industrialisie- 
rung fasste, im Gegensatz zur Nachbarschaft, in 
Liechtenstein noch nicht Fuss. Die Begründung dafür 
 
        

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