Die Industrialisierung im Bereich der Alpenrhein-Re- 
gion (Schweiz/Liechtenstein/Vorarlberg) ging vor- 
wiegend von Schweizer Unternehmern aus. Die Ei- 
senbahnlinien im Schweizer Rheintal und jene der 
Vorarlberger Bahn im österreichischen Rheintal hat- 
ten im 19. Jahrhundert eine grosse integrative Kraft. 
Gegenüber Vorarlberg entwickelte sich in Liechten- 
stein der Industrialisierungsprozess später, und die 
überwiegenden Agrarstrukturen blieben im Fürsten- 
tum lange bis in das 20. Jahrhundert hinein erhalten. 
Die neuen Verkehrswege brachten für die einzelnen 
Wirtschaftszweige nicht nur Vorteile. Welchen Ver- 
änderungen einzelne Bereiche ausgesetzt waren, be- 
richtet der Landwirtschaftliche Verein im Jahr 1886. 
«Es lässt sich nicht verkennen, dass die neu geschaf- 
fenen, grossen Verkehrsverbindungen mit dem In- 
nern des grossen österreichischen Kaiserstaates auf 
die hierländischen und die benachbarten österreichi- 
schen und schweizerischen landwirtschaftlichen Zu- 
stände bereits einen merklichen Einfluss ausüben 
und uns allmählich aber stetig in eine vollständige 
Umwälzung des landwirtschaftlichen Betriebes hin- 
einziehen. Heutzutage kann bei uns nur derjenige 
Bauer von einem wirklichen landwirtschaftlichen 
Nutzen sprechen, welcher ein schönes Stück Vieh, 
Wein oder Obst zu verkaufen hat. Alle anderen Pro- 
dukte rentieren sich mit Ausnahme der Kartoffeln 
gar nicht oder nur schlecht, weil eben in anderen 
grossen Ländern die gleichen Produkte aus mehrfa- 
chen Gründen bedeutend billiger erzeugt werden 
können. Diese Tatsachen, welche jeder einsichtige 
Landwirt zugeben muss, üben auf uns eine zwin- 
gende Macht aus und fordern dazu auf, den alten 
Gewohnheitsweg zu verlassen und den landwirt- 
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schaftlichen Betrieb mit vorsichtigem Verständnis 
den Ansprüchen der veränderten Zeitlage anzupas- 
sen. Es ist selbstverständlich, dass unsere Landwirt- 
schaft ihr Hauptaugenmerk auf diejenigen Produkte 
werfen muss, deren Absatz uns einen wirklichen 
Nutzen bringt. Diese sind wie schon bemerkt: Vieh, 
Obst und Wein.»"“ 
Die Eisenbahn, vor allem die Arlbergbahn, ermög- 
lichte die Einfuhr von Getreide aus Österreich-Un- 
garn. In der Folge reduzierte sich in Liechtenstein der 
Ackerbau und die frei werdenden Flächen wurden 
für den Futteranbau genutzt. Damit konnte der 
Viehstand vergrössert und hochwertiges Vieh ge- 
züchtet werden, welches gegenüber dem Absatz von 
Acker- und Obstprodukten einen grösseren Erlös er- 
brachte. 
Negative Folgen des grossräumigen Warentrans- 
ports ergaben sich auch für den liechtensteinischen 
Weinbau. Dieser verringerte sich, seit Weine aus 
Österreich-Ungarn, vor allem aus Südtirol, über die 
neuen Eisenbahnlinien mit geringen Transportkosten 
nach Vorarlberg und Liechtenstein und weiter in den 
Westen exportiert werden konnten. 
Besonders im Bereich der Landwirtschaft führten die 
Arlbergbahn und die das Rheintal durchziehenden 
Eisenbahnlinien zu Veränderungsprozessen. So lie- 
ferte unter anderem Osterreich-Ungarn billiges 
Schlachtvieh zu konkurrenzlosen Preisen. Die liech- 
tensteinischen Bauern waren daher gezwungen, 
durch Züchtung eines hochwertigen Viehbestandes 
den Absatz zu verbessern. 
Für das liechtensteinische Gastgewerbe brachte die 
Eisenbahn ebenfalls grosse Umwálzungen. In der 
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zählte der durch 
Der Eisenbahnbau in Liechtenstein 
 
        

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