ten Ostschweizer Stickerei, die mit etwa 40 000 Ar- 
beitskräften bereits um 1790 ihre Blütezeit hatte. 
Nach dem Zusammenbruch dieses Erwerbszweigs 
während den Revolutionswirren erfuhr die Stickerei 
ab 1820 in St. Gallen, im Appenzellerland, im Vorarl- 
berg und im Allgäu einen erneuten Aufschwung, 
nunmehr im Bereich des Handstickens mit Plattstich.* 
Ab 1828 fanden die ersten Stickmaschinen Verbrei- 
tung. Wáhrend es in und um St. Gallen zum Bau von 
Stickereifabriken kam, blieb im Rheintal die Verlags- 
industrie mit ihren Heimstickereien führend; die 
Stickmaschine wurde meist in einem An- oder Ne- 
benbau beim Wohnhaus untergebracht. So auch in 
Liechtenstein, wo in den 1840er Jahren die ersten 
Arbeitsplátze in der Heimstickerei entstanden. An- 
fangs der 1880er Jahre bot die Stickerei bereits über 
200 Arbeitsplätze, vor dem Ersten Weltkrieg gegen 
400,’ um danach wie in der übrigen Region zusam- 
menzubrechen. Es dürften in Liechtenstein noch etli- 
che Sticklokale in umgenutzten Zuständen erhalten 
sein. In Triesenberg wurde im Rahmen der Recher- 
chen für die Ausstellung «Fabriklerleben» eine Stick- 
maschine der Maschinenfabrik Georg Baum, Ror- 
schach, entdeckt, die aus dem Ende des 19. Jahr- 
hunderts stammt. 
Die späte Industrialisierung Liechtensteins 
Definiert man die Industrielle Revolution als rasche 
Umwälzung der ganzen Arbeits- und Lebenswelt in- 
folge schlagartiger Produktivitätssteigerungen in der 
Güterproduktion und im Verkehr, so erfolgte diese in 
Liechtenstein im Vergleich zu den Nachbarländern 
mit einer Verspätung von mehreren Jahrzehnten. 
1852 schuf die Zollunion mit Österreich die Grund- 
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lage für eine exportorientierte Wirtschaft. Der er- 
-leichterte Zugang zum grossen Wirtschaftsraum 
Österreich-Ungarns, zu dem damals Teile Polens, 
Italiens, des Balkans, Tschechiens und die Slowakei 
gehörten, veranlasste vor allem Unternehmer aus 
der Schweiz, Liechtenstein als Standort neuer Fabri- 
ken zu wählen. Aus der Schweiz kamen somit die 
entscheidenden Impulse zur Industrialisierung des 
Landes, während früheren Bemühungen einheimi- 
scher Unternehmer kein nachhaltiger Erfolg beschie- 
den war. Laut Ospelt? sind sámtliche bedeutenderen 
Industriegründungen Liechtensteins auf schweizeri- 
sche Textilunternehmer zurückzuführen. Auch heute 
noch sind die meisten der zu einem Drittel auslàndi- 
schen Einwohner Liechtensteins Schweizer. 
Die nordostschweizerische Textilindustrie hatte ihren 
Take-off bereits um 1800, nachdem durch die Fran- 
zósische Revolution und die Besetzung der Schweiz 
die alten Handels-, Gewerbe- und Wohnortein- 
schránkungen beseitigt worden waren. Die Mecha- 
nisierung des Handspinnens mittels Halbselfaktoren 
verfünffachte die Produktivitát; doch gleichzeitig 
verschárfte die Verdrángung der Heimspinnerei 
durch Spinnfabriken die Hungersnot von 1817 und 
führte zu einem Krisenhóhepunkt. Zwanzig Jahre 
zuvor lebten allein im Kanton Zürich etwa 34 000 
Familien vom Baumwollspinnen und weitere 6400 
vom Weben in ihren Stuben. In den 1830er Jahren 
erregte die kleine Schweiz bereits Konkurrenzángste 
in der Werkstatt der Welt, in Grossbritannien: Zürich 
sei «der industriellste Kanton der Schweiz», berich- 
tete der in die Schweiz gesandte Experte John Bow- 
ring 1837 seiner englischen Regierung, und «seit das 
Stadtmonopol umgestürzt ist, hat vielleicht kein Teil 
Bauten der Industrialisierung 
 
        

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