An Reformversuchen hatte es seit der Mitte der 30er Jahre nicht gemangelt, 
alle Anläufe zur Aufhebung der Gerichtsgemeinden durch die Schaffung 
moderner Kreise oder der Versuch, die Volkssouveränität zu verankern, 
scheiterten am Veto der Zweidrittelsklausel bei den Gemeinden, die eifer- 
süchtig ihre alten Befugnisse verteidigten. Die Klagen über den egoistischen 
«Örtligeist» und «Gemeindligeist» häuften sich in der liberalen Presse, der 
Ruf nach Reformen wurde immer lauter. Ein Reformprogramm wurde nach 
1841 durch den liberalen Reformverein bis in konkrete Vorschläge ausfor- 
muliert, das bei den Debatten des Grossen Rates auch 1848 die Traktanden 
bestimmte.!? In der Márzsession nahm der Grosse Rat erneut Anlauf zu 
einem Reformversuch der kantonalen Verfassung. 
Grossráte besprachen eine Fülle verschiedenster Themen. Behandelt wurden 
im Lauf des Jahres die Rekrutenausbildung, Leichenbestattungen innert 48 Stun- 
den bei Seuchengefahr, Wuhrverhältnisse im Churer Rheintal, überhand- 
nehmende Auswanderung, Befreiung der Schullehrer vom Militärdienst, Tran- 
siterleichterungen für Vorarlberger Fabrikate, Probleme der Viehmärkte im 
Bergell, die Übersetzung der Grossratsakten ins Romanische, Überschwem- 
mungen und Abholzungen und vieles mehr. Wirkliche Neuerungen beschloss 
das Parlament aber nur wenige. Zunächst rang man sich im Zeichen des 
neuen demokratischen Geistes dazu durch, die Verhandlungen ôffentlich zu 
führen (23. März), was aber angesichts des engen Raumes im Regierungs- 
gebäude eher illusorisch und ohne Folgen blieb. Die grôsste Neuerung bil- 
dete aber die Neuordnung der Zivilgerichtsbarkeit in 14 Bezirken, die heute 
noch bestehen; sodann wurden Vermittlerämter eingeführt, das war ein gros- 
ser Reformschritt. Das aktive Wahlrecht sollte überdies jedem Kantons- 
bürger am Orte seines Wohnsitzes zustehen (16. Juni). Alle übrigen Ver- 
suche, die Verfassung der Bundesordnung anzupassen, zum Beispiel auch 
das Gesetz über die politischen Rechte Niedergelassener (3. November), 
blieben — abgesehen von kleinen Retuschen — erfolglos. Mit einer gewissen 
Befriedigung kommentierte die «Churer Zeitung» am Ende des Jahres im 
üblichen Ton konservativer Polemik, «dass der Grosse Rath auch in den 
kühleren Herbsttagen ausser dem Traubenessen nicht viel anderes leistet». 12 
Den Konservativen gelang es, den Revisionsprozess der Kantonsverfassung 
bis 1854 zu blockieren. 
Abschliessend noch eine Bemerkung zur Haltung Graubiindens in der eid- 
genössischen Politik. Bündner Politiker hatten sich seit den Auseinander- 
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