PETER GEIGER 
  
Eigenständigkeitsstreben wie auch etwas von der früher erwähn- 
ten Abwehr der Schweizer Sogwirkung lag in der 1972 von Alt-Regie- 
rungschef Gerard Batliner propagierten Ablösung des aussenpoliti- 
schen «Bilateralismus» — Liechtenstein/Schweiz — durch eine neue, 
«multilaterale» liechtensteinische Aussenpolitik.43 Erfolgreich betrieb 
Batliner den Beitritt Liechtensteins zum Europarat (1978). In eine ähn- 
liche Richtung ging die schon 1970 vom damaligen Thronfolger (und 
heutigen Fürsten) Hans-Adam gehaltene «Rucksackrede»: Liechten- 
stein könne sich nicht weitere fünfzig Jahre im «bequemen Rucksack 
der Schweiz» tragen lassen, es müsse aus dem Dornröschenschlaf er- 
wachen und aussenpolitisch selbstverantwortlich auftreten, sonst sei 
es mitunter bald «mit unserer Selbständigkeit ziemlich sicher endgül- 
tig vorbei». Den Gedanken fortspinnend, fügte Hans Adam damals, 
1970, an: «Wenn wir in einem Vereinten Europa nur den Status eines 
Beobachters haben, ist es besser, wir bitten die Schweiz, Liechtenstein 
als 23. Kanton aufzunehmen. »44 
Man wird an die weiter oben zitierten Selbstzweifel von Peter 
Kaiser und Karl Schädler in der Situation von 1848/49 erinnert. Doch 
diente des Erbprinzen Überlegung 1970 vorab als Argument für eine 
eigenständigere Aussenpolitik. Einer solchen ist Liechtenstein seit den 
1970er Jahren auch behutsam und seit den 1990er Jahren, nun unter 
Fürst Hans-Adam ı1., verstärkt gefolgt. 1990 nahm die UNO Liechten- 
stein als Mitglied auf. 1992 stimmte das Liechtensteiner Volk dem Bei- 
tritt zum Europäischen Wirtschaftsraum zu, und zwar im Wissen um 
die nur eine Woche zuvor erfolgte Ablehnung eines EWR-Beitritts 
durch das Schweizervolk. Freilich kann man diese bewusste Wahl einer 
eigenen Wegrichtung in den EWR nicht als nationalistischen, anti- 
43 Gerard Batliner, Die vôlkerrechtlichen und politischen Beziehungen zwischen 
dem Fürstentum Liechtenstein und der Schweizerischen Eidgenossenschaft (Re- 
ferat, gehalten an der Mitgliederversammlung der Schweizerischen Gesellschaft 
für Aussenpolitik in Bern am 9. Mai 1972), in: Liechtenstein Politische Schrif- 
ten (LPS), 2 (1973), 21-48. 
44  Ansprache des Erbprinzen Hans Adam in Triesen am 12. September 1970, abge- 
druckt im Liechtensteiner Vaterland, 15. September 1970; auszugsweise wie- 
dergegeben in: Robert Allgäuer /Norbert Jansen / Alois Ospelt, Liechtenstein 
1938-1978. Bilder und Dokumente, Vaduz 1978, 394. 
  
  
        

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