LIECHTENSTEIN: «... EIN VÖLKLEIN VORSTELLEN » 
nach dem Blut zu urteilen [...] Vom christlichen Standpunkt aus ist 
Mensch eben Mensch und es kommt nicht auf die Rasse an, sondern 
auf das, was einer tut.» 
Doch der Oppositionsführer Dr. Otto Schaedler blieb bei seiner 
antisemitischen Meinung: «Wir sind ein eigenes Völklein und ich bin 
dagegen, dass der Charakter unseres Volkes durch fremdstämmige 
Menschen verunreinigt wird.»4> 
Die «Volksdeutsche Bewegung in Liechtenstein» praktizierte dann 
von 1938 bis 1945 ihre menschenverachtende, antisemitische Gesin- 
nung in Wort und Tat, durch Zeitungshetze, Flugblitter sowie Papier- 
bôller und Schmierereien. Eine gewisse antisemitische Strömung hielt 
auch über das Kriegsende hinaus an. 
Bedrohungserfahrung 
Mit dem Zusammenbruch des Dritten Reiches war für Liech- 
tenstein die Anschlussgefahr vorbei. Die Liechtensteiner hatten sich 
behauptet, waren davongekommen. Nun war man stolz darauf, der 
NS-Versuchung und den «Volksdeutschen», die man als Volksverräter 
einstufte, widerstanden zu haben. Existentielle Bedrohungserfahrung 
und Selbstbehauptung — welche man grossenteils eigener Tüchtigkeit 
zurechnete — wirkten nachhaltig identitätsstiftend. Gleiches gilt für 
den Fürsten: Franz Josef 11. wurde in der Kriegszeit zur Identifikations- 
figur für die liechtensteinische Bevôlkerung, zum Symbol für die liech- 
tensteinische Selbsterhaltung. Selbst die nachsichtige Reintegration 
der nationalsozialistischen Mitbürger diente, sozialpsychologisch ver- 
standen, der neuen Homogenisierung des Liechtensteiner Volkes. 
Eigenständige Aussenpolitik 
Das liechtensteinische Bemühen um Selbstbehauptung blieb in 
den Jahrzehnten seit 1945 wach, gerade mitten unter sich zentralisie- 
renden Nationalstaaten und im Integrationsprozess Europas. Immer 
blieben auch Mediatisierungsängste, ebenso die Sorge des Identitäts- 
verlustes. 
  
42  LLA, Landtags-Prot. vom 16.Juni 1936, nichtôffentliche Sitzung. 
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