LIECHTENSTEIN: «... EIN VÖLKLEIN VORSTELLEN » 
Verfassung geschaffen, eine aussenpolitische Umorientierung Richtung 
Schweiz eingeleitet werden. Den letzten Landesverweser, Baron von 
Imhof, veranlasste der liechtensteinische Landtag in den turbulenten 
Novembertagen 1918 zum Abgang, in einer Überrumpelungsaktion, 
welche Ziige eines «Piitschchens» trug.2¢ 
Das Motto «Liechtenstein den Liechtensteinern!» klang zwar 
chauvinistisch. Doch war es nicht gegen die im Lande lebende auslän- 
dische Bevölkerung gerichtet, nicht gegen «die Österreicher» als Volks- 
gruppe. Vielmehr war die Bewegung Ausdruck des gestiegenen demo- 
kratischen Selbstbewusstseins der «Liechtensteiner», sie wollten nicht 
zugleich halbe Österreicher, Schweizer oder Deutsche sein. Die ge- 
nannten Forderungen fanden in der Verfassungsrevision von 1921 und 
in den Verträgen mit der Schweiz, vor allem dem Zollanschlussvertrag 
von 1923, Verwirklichung. 
Eine gewisse Unsicherheit für Liechtenstein lag nach dem Ersten 
Weltkrieg für kurze Zeit in der Frage eines Vorarlberger Anschlusses an 
die Schweiz. Die republikanische Schweiz hätte sonach die monar- 
chisch-exotische Enklave Liechtenstein ganz umflossen.?7 In Liech- 
tenstein blieb nach dem Zollanschluss die Befürchtung wach, zu sehr 
unter schweizerischen Einfluss — analog zum eben abgestreiften öster- 
reichischen — zu geraten. Warnend bemerkte der Unterländer Abgeord- 
nete Emil Batliner 1927 im Landtag: «Eines Tages sind wir Schwei- 
zer.»28 Die grösste Gefahr kam aber alsbald vom Dritten Reich. 
«Liechtenstein ist unsere Heimat, Deutschland ist unser Vaterland» 
Nationalsozialismus und Drittes Reich bedrohten auch Liechten- 
stein, von aussen wie von innen.? Der völkische Anspruch auf alle 
Deutschen umfasste die Liechtensteiner mit. Ausserhalb des «Altrei- 
26 Rupert Quaderer-Vogt, Der 7. November 1918, Staatsstreich — Putsch — Revolu- 
tion oder politisches Spektakel im Kleinstaat Liechtenstein?, in: JBL, 93 (1995), 
187-216. 
27 Vel. Gerhard Wanner/Robert Allgäuer (Hg.), «Eidgenossen, helft euern Brüdern 
in der Not!». Vorarlbergs Beziehungen zu seinen Nachbarstaaten 1918-1922, 
Feldkirch 1990. — Daniel Witzig, Die Vorarlberger Frage, Basel/Stuttgart *1974. 
28 LLA Landtags-Prot. vom 15. November 1927, nicht öffentlich. 
29 Peter Geiger, Krisenzeit, Liechtenstein in den Dreissigerjahren 1928-1939, 
2 Bde., Vaduz /Ziirich *2000. — Joseph Walk, Liechtenstein 1933-1945. National- 
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