Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
26
Erscheinungsjahr:
1999
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000083525/358/
Wolfram Höfling Kirche und Weltkonzernen wie Coca Cola u. ä. angesprochen,1 führt der Landesfürst aus: «Ja, diese Konzerne sind wie die Kirche hierarchisch organisiert, sie haben einen klaren Auftrag, sie haben klar eingerichtete Gremien mit umrissenen Kompetenzen.» Und auf die weitere Frage, ob der Fürst sich als Mitglied der Kirche oder als Angestellter oder Käufer einschätze, fährt er fort: «Käufer, sicher nicht Angestellter. In diesem Sinne bin ich ein Konsument dessen, was mir die Kirche offeriert. Und wenn ich bei McDonald's nicht zufrieden bin mit dem Angebot, dann gehe ich vielleicht zum Burger King.»2 Bei dieser Lektüre fragte ich mich, was das Staatsoberhaupt den Le­ sern mit diesem Gleichnis sagen wollte. Die erste Deutung, dass Seine Durchlaucht Auskunft über die kulinarischen Vorlieben bei Hofe geben wollte, habe ich gleich wieder verworfen. Doch dann kam mir eine lite­ rarische Assoziation und ich dachte, auch der Landesfürst hat vielleicht «seinen» Marx gelesen, der bereits Mitte des 19. Jahrhunderts die Margi- nalisierung von Religion als blossem Privatinteresse scharfsichtig analy­ siert hat. In seiner 1843 erschienenen Schrift «Zur Judenfrage» be­ schreibt Marx die «Dislokation der Religion aus dem Staat in die bür­ gerliche Gesellschaft», ihr Hinabgestossensein «unter die Zahl der Privatinteressen». Und in polemischer Zuspitzung formuliert er, der vollendete christliche Staat sei der «atheistische Staat, der demokratische Staat, der Staat, der die Religion unter die übrigen Elemente der bürger­ lichen Gesellschaft» verweist.3 Grundelemente eines zeitgemässen Staatskirchenrechts Marx hat damit eine Zuordnung von Religion und Kirche konstatiert, gegen die sich die katholische Kirche des 19. Jahrhunderts noch heftig gewehrt hat. Ihr Selbstbild war das der Repräsentation der Allgemein­ heit - insoweit durchaus dem Staat vergleichbar; sie hielt es für inakzep­ 1 Einen interessanten und höchst anregenden Ansatz, eine «Psycho-Analyse der Katho­ lischen Kirche» (so der Untertitel) durch die Übertragung systemischen und lösungs- orientierten Denkens auf eine grosse Organisation vorzunehmen, hat soeben vorgelegt: Manfred Lütz, Der blockierte Riese, 1999. 2 Siehe LIEWO, Ausgabe 10/99 vom 21. März 1999, S. 8. 3 Karl Marx, Zur Judenfrage, in: MEW, Bd. 1, 1874, S. 374 (376)., 366
        

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