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ist7%. Der Kernbereich eines Grundrechts ist schlechthin gewährleistet, gleich- 
gültig, welches Allgemeininteresse zur Rechtfertigung des Eingriffs aufgeboten 
wird. Der absoluten Theorie liegt die "im Ganzen [...] letztlich seltsame Vor- 
stellung"? zugrunde, dass der Grundrechtsbereich aus mehreren konzentri- 
schen Kreisen besteht, dessen innerster Kreis eingriffsfest ist und den Wesens- 
gehalt des jeweiligen Grundrechts bezeichnet^?. Die Verfechter eines festen 
Grundrechtskerns definieren diesen oftmals vom Gebot staatlicher Achtung der 
Menschenwürde her. So ist etwa nach der einflussreichen Lehrmeinung von 
GUNTER DURIG eine Antastung des Wesensgehalts dann als gegeben anzusehen, 
wenn der einzelne zum Objekt des staatlichen Geschehens gemacht wird, insbe- 
sondere wenn ihm das Gebrauchmachen eines Grundrechts durch Vorausset- 
zungen verwehrt wird, auf deren Erfüllung er bei allen Mühen keinen Einfluss 
hats. In Deutschland hat sich die überwiegende Lehre und im wesentlichen 
auch das Bundesverfassungsgericht^"^ für eine absolute Wesensgehaltskonzepti- 
on entschieden. Es ist indessen zu beachten, dass der Wortlaut des Art. 19 Abs. 
2 GG, nach dem der Wesensgehalt eines Grundrechts "in keinem Fall" angeta- 
stet werden darf, ein gewichtiges Argument für eine derartige Konzeption lie- 
fert 7. 
Demgegenüber geht die Theorie vom relativen Wesensgehalt davon aus, 
dass der Wesensgehalt eines Grundrechts keine letzte unübersteigbare Bastion 
darstellt, sondern das ist, was nach einer Abwägung im Einzelfall übrig 
bleibt”7®. Dies führt dazu, dass der grundrechtliche Wesensgehalt mal weiter und 
mal enger sein kann, je nach dem Gewicht der eingriffslegitimierenden Interes- 
sen. In letzter Konsequenz ist ein Grundrechtseingriff selbst dann verfassungs- 
rechtlich zulässig, wenn er in einer bestimmten Situation für den Betroffenen 
eine vollständige Aufhebung des Grundrechts zur Folge hat. So wird es etwa 
  
570 Stellvertretend VON MANGOLDT/KLEIN, S. 557 ff. 
57  MAUNZ/DÜRIG, Nr. 2 ad Art. 19 Abs. II. 
572 Vgl. zu dieser Vorstellung die graphische Darstellung bei THEODOR MAUNZ, Deutsches 
Staatsrecht, 19. Auflage, München 1973, S. 117. 
573 GUNTER DURIG, Der Grundrechtssatz von der Menschenwürde, in: AOR 1956, S. 117 ff. Vgl. 
auch FLEINER-GERSTER, Staatslehre, 8 10 Rz. 14 und 79, der "einen Kern elementarer 
Menschlichkeit" anerkennt, "der unabhängig von der philosophischen, weltanschaulichen, 
kulturellen, geschichtlichen und wirtschaftlichen Situation gilt". 
574 Statt vieler BVerfGE 7, 377, 411; 16, 194, 201; 34, 238, 245. Vgl. dagegen BVerfGE 22, 
180, 220, wo das Bundesverfassungsgericht ausführte, dass, da "der Zweck der Besserung ei- 
nes Erwachsenen als gewichtiger Grund für die Entziehung der persönlichen Freiheit nicht" 
ausreiche, das Grundrecht der persönlichen Freiheit in seinem Wesensgehalt angetastet werde. 
Diese Argumentation entspricht genau dem Abwägungsgesetz: Je intensiver der Eingriff ist, 
desto gewichtiger müssen die rechtfertigenden Gründe sein. 
575 vgl. MAUNZ/DÜRIG, Nr. 5 ad Art. 19 Abs. II. Auf dieses Wortargument stützen sich nament- 
lich: EKKEHART STEIN, Staatsrecht, 13. Auflage, Tübingen 1991, S. 184; THEODOR 
SCHRAMM, Staatsrecht, Band Il: Grundrechte und ihre verfassungsrechtliche Absicherung, 4. 
Auflage, Köln/Berlin/Bonn/München 1988, S. 44. 
576 Stellvertretend ALEXY, S. 269 ff. 
  
 
        

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