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2. Der Grundrechtstatbestand 
Jedes Grundrecht bezieht sich auf einen bestimmten Lebensbereich, dessen 
Grenzen durch Auslegung zu ermitteln sind?. Der jeweils grundrechtlich ge- 
schützte Lebensbereich, der dem Grundrecht im übrigen auch seinen Namen 
gibt, ist der Grundrechtstatbestand oder Schutzbereich des Grundrechts?. Gele- 
gentlich wird auch vom "Geltungsbereich"!^ oder vom "Normbereich"5 des 
Grundrechts gesprochen. 
Das tatbeständlich einschlägige Verhalten, also das Verhalten innerhalb des 
grundrechtlichen Schutzbereichs, kann man als Grundrechtsgebrauch oder 
Grundrechtsausübung bezeichnen!®. Der Gebrauch der grundrechtlichen Frei- 
heit durch den Bürger ist prinzipiell frei und muss daher nicht gerechtfertigt 
werden; rechtfertigungsbedürftig ist vielmehr ihre Einschränkung durch den 
Staat". 
Der Grundrechtstatbestand bietet allerdings keinen definitiven, sondern nur 
einen "prima facie-Schutz"5, Gemeint ist damit folgendes: Die Feststellung, 
dass ein bestimmtes Verhalten vom grundrechtlichen Schutzbereich erfasst 
wird, bedeutet lediglich, dass dieses Verhalten zunächst einmal - nämlich ohne 
Berücksichtigung irgendwelcher Grundrechtsschranken - erlaubt ist. Der 
Grundrechtstatbestand umschreibt also abstrakt die grösstmögliche Reichweite 
des Grundrechts. So erfasst die HGF prima facie jede privatwirtschaftliche 
Erwerbstätigkeit, selbst kriminelle Tätigkeiten wie etwa Hehlerei, Kinderhandel 
usw. Dieses weite Tatbestandsverständnis wirkt freilich für solche Grundrechts- 
fälle, in denen bereits nach einem ersten flüchtigen Blick ein definitiver Grund- 
rechtsschutz ausser Betracht fällt, etwas grotesk. Dem versucht ROBERT ALEXY 
mit dem "Zwei-Bereiche-Modell" dadurch Rechnung zu tragen, indem er zwi- 
schen dem Bereich der bloss potentiellen Grundrechtsfälle und dem Bereich der 
aktuellen Grundrechtsfälle unterscheidet'°. Grundrechtliches Argumentieren ist 
seiner Meinung nach erst dann angezeigt, wenn der Grundrechtsfall aktuell ist, 
d.h. die grundrechtliche Zulässigkeit der Freiheitsbeschränkung zweifelhaft 
ist?. Zwischen den potentiellen und aktuellen Grundrechtsfüllen gebe es jedoch 
  
Vgl. VON MANGOLDT/KLEIN/STARCK, Rz. 171 ad Art. 1 Abs. 3; LERCHE, Schutzbereich, Rz. 
11 ff. 
Vgl. auch ALEXY, S. 273 ff., der nochmals zwischen Tatbestand und Schutzbereich differen- 
ziert, indem er einen Schutzgut-Tatbestand und einen Schutzgut/Eingriff-Tatbestand unter- 
scheidet. Vgl. des weiteren ECKHOFF, S. 10 ff. 
Für viele J.P. MÜLLER, Einleitung, Rz. 96 ff. 
So etwa HESSE, Rz. 310, im Anschluss an FRITZ MÜLLER, Die Positivität der Grundrechte, 
Fragen einer praktischen Grundrechtsdogmatik, 1969, S. 87 et passim. 
Ebenso PIEROTH/SCHLINK, Rz. 231. 
U SCHLINK, S. 463. 
Vgl. ALEXY, S. 273 et passim; HÓFLING, Grundrechtsdogmatik, S. 345. 
19 . Vgl. ALEXY, S. 296 f. 
20  ALEXY, S. 298.
        

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